Der erste Tannenbaum, den ich gesehn

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Gottfried Keller: Der erste Tannenbaum, den ich gesehn Titel entspricht 1. Vers(1854)

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Der erste Tannenbaum, den ich gesehn,
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Das war ein Weihnachtsbaum im Kerzenschimmer;
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Noch seh ich lieblich glimmend vor mir stehn
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Das grüne Wunder im erhellten Zimmer.

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Da war ich täglich mit dem frühsten wach,
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Den Zweigen gläubig ihren Schmuck zu rauben;
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Doch als die letzte süße Frucht ich brach,
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Ging es zugleich an meinen Wunderglauben.

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Dann aber, als im Lenz zum ersten Mal
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In einen Nadelwald ich mich verirrte,
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Mich durch die hohen stillen Säulen stahl,
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Bis sich der Hain zu jungem Schlag entwirrte:

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O Freudigkeit! wie ich da ungesehn
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In einem Forst von Weihnachtsbäumchen spielte,
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Dicht um mein Haar ihr zartes Wipfelwehn,
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Das überragend mir den Scheitel kühlte.

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Ein kleiner Riese in dem kleinen Tann,
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Sah ich vergnügt, wo Weihnachtsbäume sprießen;
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Ich packte keck ein winzig Tännlein an
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Und bog es mächtig ringend mir zu Füßen.

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Und über mir war nichts als blauer Raum;
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Doch als ich mich dicht an die Erde schmiegte,
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Sah unten ich durch dünner Stämmchen Saum,
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Wie Land und See im Silberduft sich wiegte.

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Wie ich so lag, da rauscht' und stob's herbei,
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Daß mir der Lufthauch durch die Locken sauste,
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Und aus der Höh schoß senkrecht her der Weih,
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Daß seiner Schwingen Schlag im Ohr mir brauste.

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Als schwebend er nah ob dem Haupt mir stand,
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Funkelt' sein Aug gleich dunklen Edelsteinen;
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Zuäußerst an der Flügel dünnem Rand
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Sah ich die Sonne durch die Kiele scheinen.

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Auf meinem Angesicht sein Schatten ruht'
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Und ließ die glühen Wangen mir erkalten –
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Ob welchem Inderfürst von heißem Blut
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Ward solch ein Sonnenschirm emporgehalten?

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Wie ich so lag, erschaut ich plötzlich nah,
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Wie eine Eidechs mit neugier'gem Blicke
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Vom nächsten Zweig ins Aug mir niedersah,
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Wie in die Flut ein Kind auf schwanker Brücke.

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Nie hab ich mehr solch guten Blick gesehn
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Und so lebendig ruhig, fein und glühend;
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Hellgrün war sie, ich sah den Odem gehn
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In zarter Brust, blaß wie ein Röschen blühend.

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Ob sie mein blaues Auge niederzog?
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Sie ließ vom Zweig sich auf die Stirn mir nieder,
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Schritt abwärts, bis sie um den Hals mir bog,
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Ein fein Geschmeide, ruhend, ihre Glieder.

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Ich hielt mich reglos, und mit lindem Druck
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Fühlt ich den leisen Puls am Halse schlagen;
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Das war der einzige und schönste Schmuck,
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Den ich in meinem Leben je getragen!

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Damals war ich ein kleiner Pantheist
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Und ruhte selig in den jungen Bäumen;
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Doch nimmer ahnte mir zu jener Frist,
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Daß in den Stämmchen solche Bretter keimen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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