Ich will spiegeln mich in jenen Tagen

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Gottfried Keller: Ich will spiegeln mich in jenen Tagen Titel entspricht 1. Vers(1854)

1
Ich will spiegeln mich in jenen Tagen,
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Die wie Lindenwipfelwehn entflohn,
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Wo die Silbersaite, angeschlagen,
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Klar, doch bebend, gab den ersten Ton,
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Der mein Leben lang,
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Erst heut noch, widerklang,
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Ob die Saite längst zerrissen schon;

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Wo ich ohne Tugend, ohne Sünde,
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Blank wie Schnee vor dieser Sonne lag,
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Wo dem Kindesauge noch die Binde
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Lind verbarg den blendend hellen Tag:
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Du entschwundne Welt,
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Klingst über Wald und Feld
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Hinter mir wie ferner Wachtelschlag.

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Wie so fabelhaft ist hingegangen
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Jener Zeit bescheidne Frühlingspracht,
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Wo, von Mutterliebe noch umfangen,
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Schon die Jugendliebe leis erwacht',
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Wie, vom Sonnenschein
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Durchspielt, ein Edelstein,
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Den ein Glücklicher ans Licht gebracht.

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Wenn ich scheidend einst muß überspringen
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Jene Kluft, die keine Brücke trägt,
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Wird mir nicht ein Lied entgegenklingen,
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Das bekannt und ahnend mich erregt?
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O die Welt ist weit!
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Ob nicht die Jugendzeit
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Irgendwo noch an das Herz mir schlägt?

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Träumerei! Was sollten jene hoffen,
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Die nie sahn der Jugend Lieblichkeit,
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Die ein unnatürlich Los getroffen,
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Frucht zu bringen ohne Blütenzeit?
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Ach, was man nicht kennt,
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Danach das Herz nicht brennt
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Und bleibt kalt dafür in Ewigkeit!

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In den Waldeskronen meines Lebens
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Atme fort, du kühles Morgenwehn!
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Heiter leuchte, Frühstern guten Strebens,
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Laß mich treu in deinem Scheine gehn!
40
Rankend Immergrün
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Soll meinen Stab umblühn,
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Nur noch einmal will ich rückwärts sehn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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