Abendlied

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Gottfried Keller: Abendlied (1879)

1
Augen, meine lieben Fensterlein,
2
Gebt mir schon so lange holden Schein,
3
Lasset freundlich Bild um Bild herein:
4
Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

5
Fallen einst die müden Lider zu,
6
Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh;
7
Tastend streift sie ab die Wanderschuh',
8
Legt sich auch in ihre finstre Truh.

9
Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn,
10
Wie zwei Sternlein innerlich zu sehn,
11
Bis sie schwanken und dann auch vergehn,
12
Wie von eines Falters Flügelwehn.

13
Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld,
14
Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;
15
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
16
Von dem goldnen Überfluß der Welt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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