Am sonnig edlen Gartenhaus

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Gottfried Keller: Am sonnig edlen Gartenhaus Titel entspricht 1. Vers(1850)

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Am sonnig edlen Gartenhaus,
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Da reifet Traub an Traube,
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Die sanfte Schöne tritt heraus,
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Prüft sinnend ihre Laube;
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Dem blauen Blick der Schönen gleicht
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Der Beeren dunkle Menge,
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Wohin ihr freundlich Auge reicht,
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Lacht freundliches Gedränge.

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Rings lockt der Trauben stille Glut
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Zu Häupten und zu Füßen,
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Und sie beginnt mit stillem Mut
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Zu schneiden all die süßen;
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Und wie sie mit der lieben Hand
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Die goldnen Blätter teilet,
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Im Fluge über See und Land
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Schweift hin der Blick und weilet.

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Wie eine reife Beere glänzt
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Ihr feuchtes Aug hinüber,
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Wo's blaut und leuchtet unbegrenzt
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So fern, so fern herüber;
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Sie lässet still und ahnungsvoll
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Die schweren Trauben sinken,
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Bis es in Körben reizend schwoll
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Mit tausendfachem Blinken.

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Sie wandelt hin und wandelt her
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Geschäftig durch den Garten,
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Bis all die Körbe, früchteschwer,
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Gereiht der Kelter warten.
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Die Kelter ist gar reich gebaut,
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Recht für der Schönen Hände;
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Von Silber man die Spindel schaut,
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Von Rosenholz die Wände.

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Sie steht auf einem Marmortisch.
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Die Winzerin beginnet,
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Daß aus der Kelter süß und frisch
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Das Blut der Traube rinnet;
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Wie reg der weißen Arme Zier
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Mit holder Kraft sich mühet!
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Sie keltert, bis die Wange ihr
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In dunklem Purpur glühet.

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Sie keltert, daß der Busen fliegt
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Und woget ungemessen,
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Umsonst – was ihr im Sinne liegt,
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Das kann sie nicht vergessen!
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Umsonst – und wie die Krüge sie
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Mit edlem Moste füllet:
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Sie selber hat den Durst noch nie,
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Das Sehnen nie gestillet.

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Sie läßt den süßen Feuersaft
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Verschlossen in sich gären,
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In kühler Nacht zu milder Kraft,
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Zum seltnen Wein verjähren;
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Den trägt sie zu den Hütten hin
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Wohl auf und ab im Tale,
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Sie reicht der armen Wöchnerin,
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Dem kranken Greis die Schale.

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So keltert sie den Edelwein
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Im Herbst seit manchen Jahren.
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Ein Segel kommt im goldnen Schein
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Des Abends fern gefahren,
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Ein Schifflein legt im Hafen an,
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Sie hört die Schiffer singen,
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Und einen hochgemuten Mann
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Sieht sie ans Ufer springen.

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Sie kennt ihn und sie kennt ihn nicht,
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Sie starrt hinaus ins Weite,
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Als es mit trauter Stimme spricht
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Und grüßt schon ihr zur Seite.
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Die holden Klänge mischen sich,
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Das Wort hier, dort die Lieder:
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»ratlos verließ der Knabe dich,
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Ein Mann kehrt dir nun wieder!

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O schau, wie leuchtet's weit und breit,
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Wie klar der Tag, die Stunde!
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Und reif die schönste Weiblichkeit
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Küßt mich von deinem Munde!«
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Da ist in seine Arme hin
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Sie wonnevoll gesunken,
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Und weinend hat die Winzerin
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Zum ersten Mal getrunken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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