Jung gewohnt, alt getan

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Gottfried Keller: Jung gewohnt, alt getan (1850)

1
Die Schenke dröhnt, und an dem langen Tisch
2
Ragt Kopf an Kopf verkommener Gesellen;
3
Man pfeift, man lacht; Geschrei, Fluch und Gezisch
4
Ertönte an des Bieres trüben Wellen.

5
In dieser Wüste glänzt' ein weißes Brot,
6
Sah man es an, so ward dem Herzen besser;
7
Sie drehten eifrig draus ein schwarzes Schrot
8
Und wischten dran die blinden Schenkemesser.

9
Doch einem, der da mit den andern schrie,
10
Fiel untern Tisch des Brots ein kleiner Bissen;
11
Schnell fuhr er nieder, wo sich Knie an Knie
12
Gebogen drängte in den Finsternissen.

13
Dort sucht' er selbstvergessen nach dem Brot;
14
Doch da begann's rings um ihn zu rumoren,
15
Sie brachten mit den Füßen ihn in Not
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Und schrien erbost: »Was, Kerl! hast du verloren?«

17
Errötend taucht' er aus dem dunklen Graus
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Und barg das Brötchen in des Tischtuchs Falten.
19
Er sann und sah sein ehrlich Vaterhaus
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Und einer edlen Mutter strenges Walten.

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Nach Jahren aber saß derselbe Mann
22
Bei Herrn und Damen an der Tafelrunde,
23
Wo Sonnenlicht das Silber überspann
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Und in gewählten Worten floh die Stunde.

25
Auch hier lag Brot, weiß wie der Wirtin Hand,
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Wohlschmeckend in dem Dufte guter Sitten;
27
Er selber hielt's nun fest und mit Verstand,
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Doch einem Fräulein war ein Stück entglitten.

29
»o lassen Sie es liegen!« sagt sie schnell;
30
Zu spät, schon ist er untern Tisch gefahren
31
Und späht und sucht, der treffliche Gesell,
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Wo kleine seidne Füßchen stehn zu Paaren!

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Die Herren lächeln, und die Damen ziehn
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Die Sessel scheu zurück vor dem Beginnen;
35
Er taucht empor und legt das Brötchen hin,
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Errötend hin auf das damastne Linnen.

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»zu artig, Herr!« dankt' ihm das schöne Kind,
38
Indem sie spöttisch lächelnd sich verneigte;
39
Er aber sagte höflich und gelind,
40
Indem er sich gar sittsamlich verbeugte:

41
»wohl einer Frau galt meine Artigkeit –
42
Euch aber diesmal nicht, verehrte Dame!
43
Sie galt der Mutter, die vor langer Zeit
44
Entschlafen ist in Leid und bittrem Grame.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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