14

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Gottfried Keller: 14 (1849)

1
Und wieder grünt' der schöne Mai,
2
O dreimal selige Zeit!
3
Wie zog die Schwalbe froh herbei,
4
Mir ward es im Gemüt so frei,
5
Das Herz so leicht und weit!

6
O fremde Luft, o schönes Land
7
In Bergen und Gefild!
8
Wie reizend fand ich diesen Strand,
9
Allwo mein suchend Auge fand
10
Ihr leicht hinwandelnd Bild!

11
Ich sah des Sommers helle Glut
12
Das deutsche Land durchziehn;
13
Es tobte dunkler Wetter Wut,
14
Aus freien Herzen sah das Blut
15
Ich wild und heiß entfliehn.

16
Doch
17
Die schwülen Wolken gehn;
18
Ich wandte mich den Blumen zu
19
Und sprach: »Vielleicht, mein Herz, wirst du
20
Ein andres Herz erstehn!«

21
Die Traube schwoll so frisch und blank,
22
Und ich nahm froh und frei
23
Aus ihrer Hand den jungen Trank –
24
Und als die letzte Traube sank,
25
Da war der Traum vorbei!

26
Der Traum! – Jedoch die Wahrheit nicht,
27
Die ich von hinnen trug,
28
Die bis zum Tode in mir spricht:
29
Sie
30
Dies sei dir, Herz, genug!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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