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Gottfried Keller: 6 (1849)

1
Ich sah zwei Gräber auf der Heide,
2
Von Immortellen ganz bedeckt;
3
Ein schönes Weib mit schwerem Leide
4
Lag auf dem einen hingestreckt.
5
Das andre hielt in heißen Tränen
6
Ein gramerfüllter Mann bewacht,
7
Und beide sahn voll Liebessehnen
8
Auf in die klare Sternennacht.

9
»in jenen selig heitren Fernen
10
Harrt nun die liebste Seele mein,
11
Bald werd ich unter goldnen Sternen
12
Auf ewig, ewig bei ihm sein!
13
Als einen Hauch und Seufzer zähle
14
Ich noch die Spanne schnöder Zeit;
15
Dann aber sind so Lieb wie Seele
16
Ganz der Unsterblichkeit geweiht!« –

17
»o kreiset rascher, träge Sonnen,
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Und löset dieses Leibes Bann,
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Daß ich auf euch in neuen Wonnen
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Mein selig Liebchen finden kann!
21
Heil mir! ich will sie wiedersehen!
22
Und wenn auch Stern um Stern zerbricht:
23
In Ewigkeit wird nie vergehen
24
Zwei treuer Seelen Bund und Licht!«

25
So riefen Weib und Mann, so beide,
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Ganz in den eignen Gram gebannt;
27
Sie sahn sich nicht auf dunkler Heide,
28
Die Blicke sternenwärts gewandt.
29
Sie trauerten, bis daß der Morgen
30
Erbleichen ließ der Sterne Schar,
31
Der Höhe Blau das Gold verborgen
32
Und es auf Erden heiter war.

33
Da rafften sie sich auf und gingen
34
Entlang das schimmernde Gefild,
35
Bis plötzlich ihre Augen hingen
36
Eins an des andern schönem Bild.
37
Und eh der junge Tag, der warme,
38
Die letzten Tränen weggeküßt,
39
Schon fielen lächelnd in die Arme
40
Sich beide, Lust in Lust gebüßt.

41
Der Enkel Trupp mit festen Händen,
42
Auf selber Heid im Sonnenschein,
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Sah pflügen ich und singend wenden
44
Ein längst verschollenes Gebein.
45
Sie deckten rasch, was sie gefunden,
46
Mit jungen Saaten, im Gemüt
47
Leis ahnend, daß die eignen Stunden
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Aus diesem Tode nur erblüht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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