In heißem Glanz liegt die Natur

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Gottfried Keller: In heißem Glanz liegt die Natur Titel entspricht 1. Vers(1849)

1
In heißem Glanz liegt die Natur,
2
Die Ernte wimmelt auf der Flur.

3
In langen Reihn die Sichel blinkt,
4
Mit leisem Geräusch die Ähre sinkt.

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Doch hinter jenen grünen Matten,
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In seines Kirchleins kühlem Schatten
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Geborgen vor dem Stich der Sonne,
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Da steht das Pfäfflein der Gemeine,
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Auf diesem, dann auf jenem Beine,
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In seiner alten Predigertonne,
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Hoch an dem Pfeiler, grau und fest,
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Gleich einem Storch in seinem Nest.

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Schwarz glänzt das kurzgeschorne Haar,
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Wie Röslein blüht das Wangenpaar;
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Nur etwas schläfrig blinzen nieder
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Die Äuglein durch die fetten Lider,
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Weil er sich seiner Wochenpredigt
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Mit ziemlich saurer Müh entledigt.
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So spricht er von dem ewigen Leben,
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Das es werd nach dem Tode geben:
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Wie man auch da noch müsse ringen
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Und immer weiter vorwärtsdringen,
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Und nie von Wandel und Handel frei,
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Bis man zuletzt vollkommen sei;
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Von einem Stern zum andern hupfen
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Und endlich in den Urquell schlupfen.

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Doch unten in des Kirchleins Tiefen
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Die Hörer auf den Bänken schliefen.
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Sie waren alle hoch an Jahren,
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Mit weißen oder gar keinen Haaren,
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Ganz klingeldürre Fraun und Greise,
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Gebeugt von ihrer langen Reise;
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So lehnten sie an ihren Krücken
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Mit lebensmüdem sanftem Nicken.
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Sie hatten gelebt und hatten gestritten,
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Erde gegraben und Garben geschnitten,
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Bürden getragen und Freuden gehabt
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Und, wenn sie gedürstet, sich gelabt.
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Sie hatten nicht ihr Leben verfehlt,
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Kein Genie und keine Tugend verhehlt,
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Auch keine Schwänke unterlassen;
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Wen s' konnten bei der Nase fassen,
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Den haben sie gar fest ergriffen
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Und ihn mit Freuden ausgepfiffen.
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Sie hatten geweint und öfter gelacht
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Und genugsam Kinder gemacht.

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Die Predigt schweigt, sie sind erwacht,
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Die Kirchentür wird aufgemacht,
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Und leuchtend bricht der grüne Schein
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Der Bäume in die Dämmrung ein.

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Die Alten stehen mühsam auf
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Und setzen langsam sich in Lauf
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Und schleichen seltsam kreuz und quer
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Über die grünen Gräber her.
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Sie setzen sich auf die Leichensteine
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Und reiben ihre kranken Beine,
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Sie hüsteln wunderlich und lachen
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Und sprechen bewußtlos kindische Sachen.
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Sie schauen in die goldnen Auen,
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Wo ihre Söhne und Sohnesfrauen
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Im fernen Sonnenglanze gehen,
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Die reifen Früchte rüstig mähen;
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Sie sehen in all den hellen Schein
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Mit blöden Augen stumm hinein.
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Schon ist verklungen, leis und weit,
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Das Lied von der Unsterblichkeit.

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Und wie vor langen achtzig Jahren
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Die Flämmlein im Entstehen waren
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Und mählich aus der tiefen Nacht
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Sich in ein helles Licht entfacht
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– Das freilich auch sich ewig schien –,
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So glimmen jetzt sie wieder hin
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Und denken Beßres nicht zu tun,
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Als ewig, ewig auszuruhn!
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Von Durst nach neuem Kommerzieren,
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Wenn recht ihr schaut, ist nichts zu spüren.

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Das Pfäfflein ist nach Haus gekommen,
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Hat einen Trunk zu sich genommen
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Und wandelt jetzt im schönen Garten,
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Den kühlen Abend zu erwarten,
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Wo er sich freut auf ein Gelage,
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Zu dem er freundlich ist gebeten;
83
Doch steht die Sonn noch hoch am Tage.
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Des ist er nun in großen Nöten:
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Er weiß, die besten Bachforellen
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Werden auf blumiger Schüssel schwellen;
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Ausländische Wurst und köstlicher Schinken
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Reizen ihn zu frohem Trinken.
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Er kennet die staubigen Flaschen zu gut
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In des Kollegen frommer Hut,
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Die schön geschliffenen Gläser dringen
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Schon in sein Ohr mit feinem Klingen;
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Er kennt das Tischlein hinter der Türen,
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Von wo die Flaschen hermarschieren,
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Bis er eine mit silbernem Hals entdeckt,
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Die vor dem Abschied doppelt schmeckt.

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Und noch drei lange, lange Stunden! –
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Hier hat er Ranken angebunden,
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Ein nagendes Räupchen abgelesen,
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Dort aufgehoben einen Besen
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Und an das Gartenhaus gelehnt;
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Dann einen Augenblick gewähnt,
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Er wolle auf den Sonntagmorgen
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Noch schnell für eine Predigt sorgen.
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Dann ist er davon abgegangen,
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Hat einen Schmetterling gefangen,
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Warf einen Socken über den Hag,
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Der mitten in einem Beete lag.
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Die Sonne steht noch hoch am Tag.
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Er wird der langen Weil zum Raube
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Und sinkt in eine kühle Laube,
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Macht dort ein Ende seiner Pein,
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Schläft zwischen Rosen und Nelken ein.

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O Pfäfflein, liebes Pfäfflein, sag,
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Ist dir zu lang der eine Tag:
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Was willst du aus all den Siebensachen,
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Den Millionen Sternen und Jahren machen?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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