Grillen

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Gottfried Keller: Grillen (1854)

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Die Poesie ist wie ein Kind,
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Das einsam Kränze windet,
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Bald lacht und plaudert mit dem Wind,
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Bald einen Schwank erfindet
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Und wunderliche Märchen spinnt,
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Dann innehält und traurig sinnt.

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Als ich vergangne Mitternacht
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In düsterm Sinnen schwebte,
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Da hab ich still und bang gedacht:
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Wie, wenn nicht mehr erlebte
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Ich nun den Morgenglockenschlag?
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Wer weiß denn, was geschehen mag?

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Da schrieb ich einen langen Brief
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An alle, die mich lieben;
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Was mir im Herzen wacht' und schlief,
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Hab ich hineingeschrieben,
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Damit beim Scheiden aus der Welt
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Mein Haus, mein Herz sei wohl bestellt.

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Ich schrieb mein ganzes Leben auf
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Und auch mein ganzes Wissen;
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Irrtümer wuchsen mir zu Hauf,
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Ich zählte sie beflissen;
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Folgt auch des Guten schönrer Spur,
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Doch war's fast eine Nachschrift nur!

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Den Lieblingsdichter legt ich hin,
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Daneben aufgeschlagen,
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Als wär das Fehlende darin
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Für Freunde zu erfragen;
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Und den und jenen guten Spruch
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Bezeichnet ich in manchem Buch.

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Darauf verbrannt ich viel Papier
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Und räumte in den Schränken,
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Stürzt um mein leeres Trinkgeschirr,
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Und auf den Fensterbänken,
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Wo ein paar magre Sträucher blühn,
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Legt ich gebrochne Knospen hin.

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Drin ich in Tagen, rauh und mild,
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Bald sang und wieder weinte:
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Ich schuf mein Zimmer so zum Bild,
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Wie ich zu sein vermeinte;
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So war ich endlich konterfeit
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Nach tief geheimster Eitelkeit.

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Mit grauendem Gedankenspiel
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Legt ich mich sodann nieder;
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Doch bald versanken tief im Pfühl,
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Entschlafen, Haupt und Glieder.
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Die Todesphantasie, ein Schaum,
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Zerfloß im trivialsten Traum.

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Und auch der Traum floh vor dem Tag;
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Und ich erschrak, erwachend,
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Als ich da schnell besonnen lag,
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Das Leben mich umlachend.
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Wie war mir wunderlich und fremd
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Im angemaßten Leichenhemd!

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Das Zimmer war voll Sonnenschein
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Und von der Drossel Schmettern,
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Ein Hagel schlug zum Fenster ein
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Von weißen Blütenblättern;
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Der Frühlingsschimmer überflog
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Den Totenkram, den ich erlog.

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Und auch der Brief, den ich gemacht,
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War glänzend überzogen;
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Ich las nun wieder mit Bedacht
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Den vollgeschriebnen Bogen;
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Am Ende aber, klar und rein,
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Noch ein paar Zeilen Sonnenschein:

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»du magst noch fürder unentwegt
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In dieser Lenzluft hauchen:
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Wie
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Ist's drüben nicht zu brauchen.
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Es bricht kein Herz so arm und klein,
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Es muß dem Tod gewachsen sein.

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Doch baue nicht zu sehr darauf!
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Gott wird uns Tage senden,
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Die mit verdoppelt schnellem Lauf
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Die schwerste Arbeit enden,
77
Wo mancher Geist, der sinnt und schweift,
78
Im Sturm dem Tod entgegenreift.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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