Der schönste Tannenbaum, den ich gesehn

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Gottfried Keller: Der schönste Tannenbaum, den ich gesehn Titel entspricht 1. Vers(1854)

1
Der schönste Tannenbaum, den ich gesehn,
2
Das war ein Freiheitsbaum von fünfzig Ellen,
3
Am Schützenfest, im Wipfel Purpurwehn,
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Aus seinem Stamme flossen klare Wellen.

5
Vier Röhren gossen den lebend'gen Quell
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In die granitgehaune, runde Schale;
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Die braunen Schützen drängten sich zur Stell
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Und schwenkten jauchzend silberne Pokale.

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Unübersehbar schwoll die Menschenflut,
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Von allen Enden tönten Männerchöre;
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Vom Himmelszelt floß Julisonnenglut,
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Erglühnd ob meines Vaterlandes Ehre.

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Dicht im Gedräng, dort an des Beckens Rand,
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Sang laut ich mit, ein fünfzehnjähr'ger Junge;
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Mir gegenüber an dem Brunnen stand
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Ein braunes Mädchen von roman'scher Zunge.

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Sie war zuhinterst vom Misokkertal,
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Trug Alpenrosen in den schwarzen Flechten;
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Sie füllte ihres Vaters Siegpokal,
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Drein schien ihr Aug gleich Sommersternennächten.

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Sie ließ in kindlich unbefangner Ruh
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Vom hellen Quell den Becher überfließen;
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Indessen wallten flatternd ab und zu
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Die Fahnenzüg' mit buntem Wehn und Grüßen.

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Als sie mich sah, warf sie mir wohlgemut
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Aus ihrem Haar ein Röslein in den Bronnen,
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Schlug gegen mich in Wellen schlau die Flut,
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Bis ich erfreut den Blumengruß gewonnen.

29
Ich fühlte da die junge Freiheitslust,
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Des Vaterlandes Lieb im Herzen keimen;
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Es wogt' und rauscht' in meiner Knabenbrust
32
Wie Orgelsturm von ries'gen Tannenbäumen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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