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Gottfried Keller: 6 (1854)

1
Horch! Stimmen und Geschrei, doch kaum zu hören,
2
Dumpf und verworren tönt es, wie von ferne,
3
Und ich erkenn sie, die allnächtlich stören
4
Der Toten Schlaf, den stillen Gang der Sterne.

5
Der trunkne Küster, aus dem Schank gekommen,
6
Setzt sich noch in den Mondschein vor dem Hause,
7
Kräht einen Psalm; doch kaum hat sie's vernommen,
8
So stürzt sein Weib hervor mit Zorngebrause,

9
Heißt ihn hereingehn und beschilt ihn grimmig,
10
Hell kräht zum Mond indessen der Geselle:
11
So mischet sich, erbost und eulenstimmig,
12
Ihr Zanken in sein trunkenes Gebelle.

13
Sie muß ganz nah sein, da ich es kann hören,
14
Die überkommne, alte Pfründerhöhle;
15
Laß sehn, ob das Gesindel ist zu stören:
16
Schrei, was du kannst, angstvoll gepreßte Kehle!

17
Die Tür schlägt zu – der Lärm hat sich verloren,
18
Es hülfe nichts, wenn ich zu Tod mich riefe;
19
Sie stopfen furchtsam ihre langen Ohren
20
Vor meinem Hilferufen aus der Tiefe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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