»lang, lang ist's her«

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Eduard Mörike: »lang, lang ist's her« (1866)

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Es gibt ein altes Liebeslied, vom Norden kommt's,
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Wie ferne Glockenlaute, oder wie am Strand
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Eintönig sanfter Wellenschlag sich wiederholt,
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Dem man so gern, vergangner Zeiten denkend lauscht;
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Denn endlos, süßer Wehmut unersättigt, kehrt
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Das immer gleiche Wort zurück: Lang, lang ist's her.
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– Du kennst es wohl, und nie vielleicht so lieblich mehr
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Als jenen Tag aus deinem Munde hören wir's.

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Wie kommt es doch, daß mitten hier im lauten Schwarm
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Entzückter Gäste, die dein Fest versammelt hat,
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Mir insgeheim die schlichte Weise immerdar
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Im Ohre flüsternd liegen muß: Lang, lang ist's her –?
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– Nachdenklich auch und wie der Gegenwart entrückt
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Auf Augenblicke seh ich deinen Vater dort,
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Den Freund, mit dem ich jung gewesen und bei dem
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Das Herz mir immer jung aufgeht, so alt es sei.
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Was wir erstrebt, genossen beide und verschmerzt,
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In tausend Bildern drängt sich's vor die Seele mir:
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Des Scherzes Fülle, dicht am Ernst, und Lieb und Haß,
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Bei vielem Irrtum vieles doch, das nicht getäuscht.
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– – Ihm selber aber, wie muß ihm zu Sinne sein,
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Die Tochter heut an eines edeln Mannes Hand
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Zu sehn, dein liebes Haupt, o Kind, bekränzt von Ihr,
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Die lächelnd uns in deiner bräutlichen Gestalt
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Der eignen Jugend Blüte wieder schauen läßt!

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Nun wendet sich dein Lebensweg; du gehst von uns,
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Fernhin, wo dir ein trauter Herd bereitet ist,
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Und manches Auge sieht dir schwer von Tränen nach.
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– Noch steht die Sonne dieses Tags am Himmel und
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Noch heißt es Heute; wenn dies Heute Gestern heißt,
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Wie anders liegt die Welt bereits vor deinem Blick!
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– Und Jahr um Jahr vergeht gemach mit Eile so.
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Ihr Inhalt ist zur Hälfte kaum des Menschen Wahl,
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Die andre ruht in ewiger Mächte Liebesrat.
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Wenn du an des Geliebten Seite künftighin
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Des heutigen Fests Gedächtnis ohne uns begehst,
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Wenn ihr in diesen gästereichen, heitern Saal
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Euch einmal wieder ganz versetzt im Geist, und all
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Die freundlichen Gesichter hier sich neu vor euch
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Beleben zwischen Blumenschmuck und Gläserklang:
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Dann laß zur stillen Abendstunde kerzenhell
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Dein Zimmer sein und hell erleuchtet dein Klavier.
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Sing ihm das alte Liedchen, das sich nie verlernt:
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Lang, lang ist's her. – Was dir sein Kuß, sein Händedruck
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Drauf sagen wird mit Schweigen – braucht's der Worte noch?
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Daß unveraltet Liebe doch und Treue bleibt,
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Was auch der Zeiten Wandel sonst hinnehmen mag.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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