Hermippus

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Eduard Mörike: Hermippus (1860)

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Seltsames wird von Hermippus, dem römischen Weisen, dem Pfleger
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Weiblicher Jugend, erzählt, Glaubliches doch, wie mir deucht.
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Hundertundfünfzehn Jahre, so liest man, vom stärkenden Anhauch
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Kindlicher Lippen genährt, lebte der treffliche Greis.
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Dort in geschlossener Halle, die er zur Schule den Mädchen
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Selber gegründet, auch wohl öfter im Gärtchen am Haus
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Sah man ihn Tag für Tag, vom Morgen zum Abende tätig,
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Bei dem bescheidenen Brot seiner Minerva vergnügt.
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Rundum zu Füßen ihm saß, in pergamentenen Rollen
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Lesend ein Teil, ein Teil still mit dem Griffel bemüht.
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Aber der kleineren eins hielt er in holder Umarmung
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Allzeit selbst auf dem Schloß (immer das ärmste zuerst).
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Goldene Sprüche der Alten und liebliche Rhythmen der Dichter,
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Die es gelernt, hört' er, leis ihm der Reihe nach ab.
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Und vom Munde des Mädchens den Hauch, wie Frühlingsatem
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Herzerfrischend, empfing er in die welkende Brust.
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Also fristet' Asklepios ihm die gesegneten Tage.
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Aber der Parze zuletzt weicht auch der Himmlischen Rat.
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– – Als er nun tot im Portikus saß in dem steinernen Sessel,
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Noch vom Mantel, den er gestern getragen, umhüllt,
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Kamen aus jedem Quartiere der Stadt unmündige Kinder,
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Jungfraun, Mütter, in Eil, edle Matronen, herbei,
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Ihren Hermippus noch einmal zu sehn, den Geweihten der Götter,
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Kamen und standen von fern, sonder Entsetzen, um ihn,
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Ehrend so heiligen Schlaf mit Schweigen. Und einige kränzten
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Mit Hyazinthen sein Haupt, Veilchen auch deckten den Schoß.
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Lieblicher war nicht Homerus geschmückt von den Fingern der Musen,
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Milderes Have war keinem hinuntergefolgt.

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Aber wozu
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Lang ist die Kunst, und lang messe dein Leben der Gott!
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Zwar noch ist es nicht eben an dem gar, daß du der Künste
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Unseres Römers bedarfst, aber sie kommt dir, die Zeit,
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Laß mich's hoffen! – gewiß. Dann, wenn die Locke dir schneeweiß
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Hängt und der Bart, wer ist besser geborgen als du?
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Doch ich seh es im Geist, du wirst an Würden und Ehren
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Reich, vor den Neunzigen schon heiterer Ruhe dich freun.
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Still im eigenen Haus hast du, im eigenen Gärtlein
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Sitzend, ein blühendes, lernlustiges Häufchen zur Hand.
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Zwar längst nimmer den Enkel, doch Söhne und Töchter des Enkels
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Auf den Knien, trinkst du Fülle des Lebens in dich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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