Die Herbstfeier

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Eduard Mörike: Die Herbstfeier (1828)

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Auf! im traubenschwersten Tale
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Stellt ein Fest des Bacchus an!
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Becher her und Opferschale!
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Und des Gottes Bild voran!
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Flöte mit Gesang verkünde
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Gleich des Tages letzten Rest,
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Mit dem Abendstern entzünde
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Sich auch unser Freudenfest!

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Braune Männer, schöne Frauen
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Soll man hier versammelt sehn;
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Greise auch, die ehrengrauen,
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Dürfen nicht von ferne stehn;
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Knaben, so die Krüge füllen,
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Und, daß er vollkommen sei,
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Treten zögernd auch die stillen
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Mädchen unserm Kranze bei.

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Noch ist vor der nahen Feier
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Süß beklommen manche Brust,
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Aber weiter bald und freier
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Übergibt sie sich der Lust.
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Taut euch nicht wie Frühlingsregen
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Lieblicher Gedankenschwarm?
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Erdenleben, laß dich hegen,
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Uns ist wohl in deinem Arm!

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Wahrlich und schon mit Entzücken
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Ist der Gott im vollen Lauf,
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Schließt vor den erwärmten Blicken
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Seine goldnen Himmel auf.
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Amor auch hat nichts dawider,
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Wenn sich Wang an Wange neigt,
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Und der Mund, im Takt der Lieder,
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Sich dem Mund entgegenbeugt.

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Mädchen! schlingt die wildsten Tänze!
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Reißt nur euren Kranz entzwei!
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Ohne Furcht, denn solche Kränze
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Flicht man immer wieder neu;
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Doch den andern, den ich meine,
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Nehmt, ihr Zärtlichen, in acht!
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Und zumal im Mondenscheine,
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Und zumal in solcher Nacht.

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Laßt mir doch den Alten machen,
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Der sich dort zum Korbe bückt
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Und den Krug mit hellem Lachen
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Kindisch an die Wange drückt!
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Wie sein kleiner Sohn geschäftig
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Sorge um den Zecher trägt
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Und ihm mit der Fackel kräftig
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Den gekrümmten Rücken schlägt!

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Aber schaut nach dem Gebüsche,
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Wo gedrungner Efeu webt,
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Wie sich dort das träumerische
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Marmorbild des Gottes hebt!
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Lasset uns ihm näher treten,
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Schließt mit Fackeln einen Kreis!
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Flehet zu ihm in Gebeten,
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Doch geheimnisvoll und leis.

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Wie er lächelnd abwärts blicket!
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Er besinnet sich nur kaum.
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Herrlicher! dein Auge nicket,
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Doch dies alles ist kein Traum;
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Luna sucht mit frommer Leuchte
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Dich, o schöner Jüngling, hier,
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Schöpfet zärtlich ihre feuchte
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Klarheit auf die Stirne dir.

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Wie der Menschen, so der Götter
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Liebster Liebling heißest du:
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Selber Zeus rief seinem Retter
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Herzliches Willkommen zu;
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Dumpf ist des Olympus Dröhnen,
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Aber wie melodisch Gold
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Muß sein starres Erz ertönen,
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Wenn dein Thyrsus auf ihm rollt.

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Und eh Mars im Kriegerschwarme
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Sich zur Ebne niederläßt,
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Schließet er in seine Arme
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Dich, wie die Geliebte, fest,
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Fühlet nun an Göttermarke
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Sich gedoppelt einen Gott,
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Und es brüllt der Himmlisch-Arge
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Todeslust und Siegerspott.

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Wie dir alle dienen müssen,
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Schmiegt auch Eros' hohe Macht
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Leise tot sich dir zu Füßen,
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Oder schauert auf und wacht.
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Und Apollo mit der Leier
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Rufet Welt und Sternenbahn
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Gern aus dem verklärten Feuer
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Deines holden Wahnes an.

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Vater! soll, zur Wut erhoben,
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Jetzo mit zerschlagner Brust
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Die Mänade um dich toben?
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Fluchst du unsrer keuschen Lust?
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Gib, o Fürst, gib uns ein Zeichen,
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Daß wir deine Kinder sei'n!
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Wundertäter ohnegleichen,
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Laß ein Wunder uns erfreun!

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Tritt in unsre bunte Mitte,
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Oder winke mit der Hand,
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Wandle drei gemeßne Schritte
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Längs der hohen Rebenwand!
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– Ach, er läßt sich nicht bewegen ...
102
Aber, horcht, es bebt das Tal!
103
Ja, das ist von Donnerschlägen:
104
Horch, und schon zum drittenmal!

105
Selber Zeus hat nun geschworen,
106
Daß sein Sohn uns günstig sei.
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So ist kein Gebet verloren,
108
So ist der Olymp getreu.
109
– Doch nach solcher Götterfülle
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Ungestümem Überschwang
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Werden alle Herzen stille,
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Alle Gäste zauberbang.

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Stimmet an die letzten Lieder!
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Und so, Paar an Paar gereiht,
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Steiget nun zum Fluß hernieder,
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Wo ein festlich Schiff bereit.
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Auf dem vordern Rand erhebe
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Sich der Gott und führ uns an,
119
Und der Kiel, mit Flüstern, schwebe
120
Durch die mondbeglänzte Bahn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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