Erinna an Sappho

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Eduard Mörike: Erinna an Sappho (1863)

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»vielfach sind zum Hades die Pfade«, heißt ein
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Altes Liedchen – »und einen gehst du selber,
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Zweifle nicht!« Wer, süßeste Sappho, zweifelt?
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Sagt es nicht jeglicher Tag?

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Doch den Lebenden haftet nur leicht im Busen
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Solch ein Wort, und dem Meer anwohnend ein Fischer von Kind auf
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Hört im stumpferen Ohr der Wogen Geräusch nicht mehr.
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– Wundersam aber erschrak mir heute das Herz. Vernimm!

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Sonniger Morgenglanz im Garten,
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Ergossen um der Bäume Wipfel,
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Lockte die Langschläferin (denn so schaltest du jüngst Erinna!)
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Früh vom schwüligen Lager hinweg.
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Stille war mein Gemüt; in den Adern aber
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Unstet klopfte das Blut bei der Wangen Blässe.

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Als ich am Putztisch jetzo die Flechten löste,
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Dann mit nardeduftendem Kamm vor der Stirn den Haar–
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Schleier teilte – seltsam betraf mich im Spiegel Blick in Blick.
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Augen, sagt ich, ihr Augen, was wollt ihr?
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Du, mein Geist, heute noch sicher behaust da drinne,
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Lebendigen Sinnen traulich vermählt,
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Wie mit fremdendem Ernst, lächelnd halb, ein Dämon,
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Nickst du mich an, Tod weissagend!
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– – Ha, da mit eins durchzuckt' es mich
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Wie Wetterschein! wie wenn schwarzgefiedert ein tödlicher Pfeil
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Streifte die Schläfe hart vorbei,
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Daß ich, die Hände gedeckt aufs Antlitz, lange
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Staunend blieb, in die nachtschaurige Kluft schwindelnd hinab.

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Und das eigene Todesgeschick erwog ich;
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Trockenen Augs noch erst,
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Bis da ich dein, o Sappho, dachte,
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Und der Freundinnen all,
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Und anmutiger Musenkunst,
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Gleich da quollen die Tränen mir.

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Und dort blinkte vom Tisch das schöne Kopfnetz, dein Geschenk,
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Köstliches Byssosgeweb, von goldnen Bienlein schwärmend.
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Dieses, wenn wir demnächst das blumige Fest
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Feiern der herrlichen Tochter Demeters,
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Möcht ich
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Daß sie hold uns bleibe (denn viel vermag sie),
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Daß du zu früh dir nicht die braune Locke mögest
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Für Erinna vom lieben Haupte trennen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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