Der Schatten

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Eduard Mörike: Der Schatten (1855)

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Von Dienern wimmelt's früh vor Tag,
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Von Lichtern, in des Grafen Schloß.
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Die Reiter warten sein am Tor,
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Es wiehert morgendlich sein Roß.

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Doch er bei seiner Frauen steht
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Alleine noch im hohen Saal:
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Mit Augen gramvoll prüft er sie,
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Er spricht sie an zum letztenmal.

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»wirst du, derweil ich ferne bin
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Bei des Erlösers Grab, o Weib,
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In Züchten leben und getreu
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Mir sparen deinen jungen Leib?

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Wirst du verschließen Tür und Tor
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Dem Manne, der uns lang entzweit,
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Wirst meines Hauses Ehre sein,
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Wie du nicht warest jederzeit?«

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Sie nickt; da spricht er: »Schwöre denn!«
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Und zögernd hebt sie auf die Hand.
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Da sieht er bei der Lampe Schein
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Des Weibes Schatten an der Wand.

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Ein Schauer ihn befällt – er sinnt,
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Er seufzt und wendet sich zumal.
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Er winkt ihr einen Scheidegruß,
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Und lässet sie allein im Saal.

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Elf Tage war er auf der Fahrt,
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Ritt krank ins welsche Land hinein:
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Frau Hilde gab den Tod ihm mit
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In einem giftigen Becher Wein.

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Es liegt eine Herberg an der Straß,
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Im wilden Tal, heißt Mutintal,
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Da fiel er hin in Todesnot,
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Und seine Seele Gott befahl.

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Dieselbe Nacht Frau Hilde lauscht,
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Frau Hilde luget vom Altan:
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Nach ihrem Buhlen schaut sie aus,
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Das Pförtlein war ihm aufgetan.

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Es tut einen Schlag am vordern Tor,
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Und aber einen Schlag, daß es dröhnt und hallt;
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Im Burghof mitten steht der Graf –
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Vom Turm der Wächter kennt ihn bald.

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Und Vogt und Zofen auf dem Gang
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Den toten Herrn mit Grausen sehn,
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Sehn ihn die Stiegen stracks herauf
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Nach seiner Frauen Kammer gehn.

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Man hört sie schreien und stürzen hin,
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Und eine jähe Stille war.
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Das Gesinde, das flieht, auf die Zinnen es flieht:
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Da scheinen am Himmel die Sterne so klar.

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Und als vergangen war die Nacht,
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Und stand am Wald das Morgenrot,
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Sie fanden das Weib in dem Gemach
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Am Bettfuß unten liegen tot.

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Und als sie treten in den Saal,
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O Wunder! steht an weißer Wand
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Frau Hildes Schatten, hebet steif
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Drei Finger an der rechten Hand.

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Und da man ihren Leib begrub,
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Der Schatten blieb am selben Ort,
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Und blieb, bis daß die Burg zerfiel;
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Wohl stünd er sonst noch heute dort.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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