Fabel: Der vogel Cassita mit sein jungen

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Hans Sachs: Fabel: Der vogel Cassita mit sein jungen (1562)

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Doctor Sebastianus Brant
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der macht ein fabel uns bekant
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vom vogel Cassita mit namen;
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der nistet in des treides samen,
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darin junge aufziehen tet,
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sein narung von der früchte het.
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als zeit der ernte gieng herein,
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und sich ferbet das treit gemein,
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wolt diser vogel obgemelt
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hinaus fliegen in weites felt
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und ließ die jungen in dem nest
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und befalch in aufs aller best,
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aufzumerken an diser stet,
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was da würt ghandelt und geret
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dieweil biß das er wider kem.
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also schiet er von in. nach dem
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kam der bauer mit seinem son
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und sprach: wir müßen schneiden lon,
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das korn ist reif in beten allen;
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sonst würt es zu dürr und ausfallen.
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ge hin und unsern nachbaurn sag,
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das sie kommen morgen vor tag
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und uns einschneiden unser treid.
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nach dem abschiden sie all beid.
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des warn die jungen vögl forchtsam.
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nach dem die alt geflogen kam,
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die jungen sagten böse mer,
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wie beim acker gewesen wer
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der baur, seim son befolhen het,
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das er sein nachbaurn brufen tet
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auf morgen, abzuschneidn sein korn:
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des sein wir hart bekümmert worn.
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die alt sprach: lieben, förcht euch nicht,
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das schneidn auf morgen nit geschicht.
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des andern tages gleicher weis
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flog sie aus, zu samlen die speis.
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der baur mit seim son wider kam
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und sprach: wie gar mit schand und scham
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haben mich mein nachbaurn verlaßen,
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den ich vil guts tet übermaßen!
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drumb ge zu den blutfreunden mein,
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die in dem nechsten dorfe sein,
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sag zu in: komt auf morgen fru,
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das man das korn einernten tu,
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wan es ist zeitig überaus.
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nach dem giengen sie beid zu haus.
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die alt die kam geflogen wider
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und ließ sich zu den jungen nider;
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die sagten, was befolhen war
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vom bauren seiner blutfreunt schar.
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die mutter sprach: seit auch on sorgen,
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die freunt kommen auch nit auf morgen,
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das korn ein zu schneiden umbsunst,
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wan schmal und ring ist lieb und gunst
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bei blutfreunden, drumb seit zu ru.
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nach dem des andern tages fru,
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als die alt war ausfliegen nun,
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kam der bauer mit seinem sun.
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als er nun sach und het vernommen,
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das seiner freunt war keiner kommen,
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sprach: got gsegn euch freunt und nachbauren!
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nu wil ich nit mer auf sie lauren,
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weil mir das von in ist geschehen,
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het beßers mich zu in versehen.
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drumb bring du morgn zwo sichel her,
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mir eine und dir die ander,
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so wöll wir selbst schneiden das korn;
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fremd hilf ist ungwiß und verlorn.
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nach dem die alt hört an dem ort
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von den jungen des bauren wort,
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wie er seim sun befolhen het,
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da sagt Cassita an der stet:
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nun ist es warhaft große zeit,
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mit unsrem nest zu fliehen weit;
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weil der baur und sein sun beidsant
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selber wöllen anlegen hant,
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so wirt die sach gwiß gen von stat,
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die sich vor lang verzogen hat
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mit den blutfreunden und gesipten,
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nachbaurn, verwanten und gelibten,
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von welchen alln komt wenig gutz,
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wo sie darbei nicht spüren nutz.
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nach dem der vogel Cassita
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nam sein nest, fürt es anders wa
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mit seinen jungen, das sie eben
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forthin möchten frei sicher leben.
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des nechsten tages kame mit
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seim sun der baur, sein ernt einschnit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hans Sachs
(14941576)

* 14.11.1494 in Nürnberg, † 29.01.1576 in Nürnberg

männlich, geb. Sachs

Nürnberger Schuhmacher, Spruchdichter, Meistersinger und Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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