In der sechsischen chronica

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Hans Sachs: In der sechsischen chronica Titel entspricht 1. Vers(1562)

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In der sechsischen chronica
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findt man warhaft geschriben da,
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als man zelet eilfhundert jar
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und vierzig, als ein herzog war,
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regiert zu Braunschweig in dem lant
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herzog Heinrich, der löw genant,
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ein streitbar fürst, sighaft und kön.
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der het ein gmahel from und schön;
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den doch künig Konrad vertrib,
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das im nur sein haupstat belib;
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der auf ein zeit wolt ziehen ab
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hinein zu dem heiligen grab,
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in das heilige lant hinein.
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als er von dem gemahel sein
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vor seim abscheid sein urlaub num
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und befalch ir das fürstentum,
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ein güldin ring von einandr schnit
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und die fürstin vereret mit
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dem halben, und das ander teil
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behielt er im. mit glück und heil
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mit seim hofgsint abreisen tet,
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des er ein anzal bei im het.
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und als er gen Venedig kam,
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ein galeen er da annam;
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darmit fur er hin auf dem mer.
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am dritten tag begab sich ser
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auf dem mer ein groß ungestum
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mit sturmenwinden umb und um.
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wie streng man an den rudern zug,
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iedoch das ungwitter verschlug
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das schiff dahin in schneller eil
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mit gewalt etlich hundert meil
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gem nidergang, hin über zwerg,
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hin an den Adamantenberg,
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daran dann stemt das klebermer,
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darum kein schiff wirt ledig mer.
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da waren sie in angst und not
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und ruften allesamt zu got,
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wan ir speis weret nicht ser lang,
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das sie der bitter hunger zwang.
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all tag ein greif geflogen kam,
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der ein man aus dem schiffe nam,
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den füret er hin in sein nest,
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mit menschenfleisch sein junge mest.
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solchem unglück hofft zu entrinnen
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herzog Heinrich mit weisen sinnen;
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der legt an sein stehlein gewant
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und verschuf, das man in einbant
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in ein roshaut und leget in
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an des schiffs bort. da holet in
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der greif im luft auf ein fels hoch,
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sein junge mit zu speisen; doch
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balt nun der greif wider abflug,
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aus der roshaut er sich balt zug
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und würgt die jungen greifen ab
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und steig über das birg hinab
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in ein wildnus, darinnen was
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kein mensch, auch weder weg noch stras,
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nur wilde tier, giftige würm,
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der sach er vil grausamer fürm.
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forchtsam er da in hunger was,
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wurzel und kraut der herzog as,
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und wilde frücht von baumens esten
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die dauchten in süß und am besten;
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im walt sucht er wider und für,
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doch funt er keins menschen gespür;
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des tet er sich ellent bedunken.
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eins tags sach er vor einr spelunken
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ein löwen kempfen mit eim drachen
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gar freidig, doch het in den sachen
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der drach mit seinem schwanz umbschlungen,
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das der löw stunt in angst bezwungen.
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des den fürsten erbarmen tet,
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zog balt von leder an der stet
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und dem drachen den hals abhib.
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nach dem der löw beim fürsten blib
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und bei im wonet tag und nacht,
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auch etwan im zu eßen bracht
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wilds obs und etlich kreuter gut,
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und hielt den herzogen in hut
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vor den tieren, und bei im wacht
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so ganz freuntlich, zam und geschlacht,
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sam ein gut freunt in allen dingen.
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den der fürst nicht kont von im bringen,
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und also in der wildnus war
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bei im biß auf das sibent jar.
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nun als der herzog hochgeborn
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also lange zeit war verlorn,
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kein botschaft man nie het vernommen,
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wo er mit seim gsint wer hin kommen,
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vermeint sein volk, er wer ertrunken,
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in eim schiffbruch im mer versunken.
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darob im lant war große klag.
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die landschaft der fürstin anlag,
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das sie wider heiraten tet,
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auf das das lant ein herren het.
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das also gschach und sich zutrug,
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ein fürstlich hochzeit man anschlug;
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nun als frü solt die hochzeit sein,
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zu nacht der teufel da erschein
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als ein langer rabschwarzer man
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und zeiget da dem herzog an:
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morgen wirt dein weib hochzeit halten,
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mit eim andern der freuden walten;
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wilt du aber sein eigen mein,
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so bring ich dich die nacht hinein
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gen Braunschweig, e wan kret der han.
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der fürst sprach: ja, ich wil es tan,
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wenn du mich und mein löwen mit
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bringst, doch das ich erwache nit,
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biß hin gen Braunschweig in die stat;
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darmit beschloßen war der rat.
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der teufel nam in samt dem leben
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und fürt sie in dem lufte eben
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den nechsten hin auf Braunschweig zu;
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der fürst der schlief in stiller ru.
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balt nun die mitternacht her gieng,
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der löw zu lüen anefieng,
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darum der herzog auferwacht.
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des wurt der teufel ungeschlacht
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und ließ den löwen fallen wider,
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sezt auch den fürsten ungstüm nider
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etwas von Braunschweig auf ein meil,
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bei eim kloster; darein in eil
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gieng der fürst samt dem seinen leben.
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frü solt sich in der stat anheben;
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darein gieng er in pilgrams kleit,
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vermischt mit freud und herzenleit,
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kam unerkant hin auf den sal,
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darauf man hielt das hochzeitmal.
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mit großem pracht man saß zu tisch,
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het vergult wiltpret, vögl und fisch,
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mit seitenspil und mit hofieren,
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artlichem gesang und quintieren.
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der fürst schickt den herolt vertraut
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an tisch zu der fürstlichen braut
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und ließ ir also sagen an:
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es wer dort bei der tür ein man,
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ein alter man, arm und ellent,
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der begeret aus irer hent
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einen trunk weins zu einem segen
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von ires herzog Heinrichs wegen.
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die fürstin mit weinen durchbrach,
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in einer güldin scheur darnach
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schickt sie dem fremden gast ein wein.
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der trank und ließ fallen darein
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das halbe fingerlein von golt,
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begeret, das auch trinken solt
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die fürstin von herrn Heinrichs wegen,
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der wer auch noch nit tot gelegen.
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als ir der herolt solches sagt,
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da trank die fürstin unverzagt
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und sach das halb goltfingerlein
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in der scheuren ligen im wein;
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das erkennts, das des fürsten was,
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und es an ir halb ringlein mas,
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stunt auf vom tisch in großer freut,
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mit verwundrung aller hofleut,
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und zu des sales tür hin gieng
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und iren alten fürstn umbfieng
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mit höchster freud, doch ungeret,
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an seinem hals im weinen tet,
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der gleich er auch. zu hant auffur
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als hofgsint, und entpfangen wur
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der fürst mit großer reverenz,
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und setzten in zu tisch eilenz,
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wan er der rechte breutgam was.
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als man nun frölich trank und as
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und von dem hochzeitmal gieng ab,
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der fürst dem jungen breutgam gab
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ein jungs freulein, sein töchterlein.
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also wurden zwo hochzeit gmein
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beider fürsten vierzehen tag,
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da man aller schön kurzweil pflag
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mit rennen, stechen und turnieren,
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mit tanzen und mit banketieren,
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weil man den fürsten wider het,
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der darnach lang regieren tet.
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der bhielt den löwen sein lebtag,
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der zu tisch bei sein füßen lag,
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und wo der fürst auch reit zu hof,
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der löw allmal auch mit im lof;
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zu nacht lag er vor der saltür
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und wacht als ein wechter darfür.
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der fürst auch bauen ließ ein stat,
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Löwenburg die genennet hat
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seinem treuen löwen zu ern,
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sein gedechtnus darmit zu mern.
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nach dem der alte fürste starb
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und ein seliges ent erwarb,
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und gar fürstlich begraben wart,
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sein löw ganz schwach, trauriger art
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sich leget auf des fürsten grab.
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niemant kont bringen in herab,
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und da zu lüen anefieng
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für unde für kleglicher ding,
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wolt auch nicht mer eßen und trinken,
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vor herzleit tet in tot hinsinken.
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derhalben nent man darnach eben
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disen herzog Heinrich den leben,
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dieweil sie heten beidesander
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so herzlieb gehabt an einander,
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in rechter treu biß an das ent
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beider leben heten vollent.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hans Sachs
(14941576)

* 14.11.1494 in Nürnberg, † 29.01.1576 in Nürnberg

männlich, geb. Sachs

Nürnberger Schuhmacher, Spruchdichter, Meistersinger und Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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