Das buch natürlicher weisheit

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Hans Sachs: Das buch natürlicher weisheit Titel entspricht 1. Vers(1559)

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Das buch natürlicher weisheit
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das saget uns, wie auf ein zeit
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in eim höl lag ein alter fuchs,
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in dem der hunger groß aufwuchs.
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in solchem begab sich hernach,
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der fuchs ein raben fliegen sach,
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der inbrünstig hungriger weis
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begeret zu suchen sein speis,
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wo etwan leg ein totes as.
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als nun der fuchs vermerket das,
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war er mit listen gar nit treg,
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legt sich gestrecket an den weg,
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mit eingfallen kinbacken als
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und mit lang ausgestrecktem hals,
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mit stil diebischem atem ganz,
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mit ganz aufgeflattertem schwanz,
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mit allen viern gestreckt on spot,
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als ob er da leg und wer tot,
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den hungring raben zu betriegen,
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ob er herab auf in wolt fliegen
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und im seine augen aushacken,
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ob ern möcht bei dem hals erzwacken
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und möcht ein nachtmal an im haben.
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als aber der fuchs von dem raben
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also sam tötlich wart gesehen,
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da wolt er vor dem grunt nachspehen,
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wan er war fürsichtig und klug,
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nahet ob dem fuchsen hinflug;
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da sach er gewiss an der stet,
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wie der fuchs atem holen tet
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und zog den heimlich aus und ein.
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dardurch erkent die liste sein
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der rab und flog von im, allein
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nam in schnabel ein kiselstein
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und flog auf in den luft mit schallen,
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ließ den stein auf den fuchsen fallen.
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der fuchs erstunt balt auf vom tot,
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da sprach zu im der rab im spot:
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fuchs, meinst, das nit das rebisch aug
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so scharpf und wol zu listen taug
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als dein füchsisch aug vol arglist?
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derhalb ich auch zu mancher frist
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eim so liegenden fuchs geschicket
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sein aug mit meim schnabel auspicket,
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ließ im denn den spot zu dem schaden.
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der fuchs sprach: ich hab mit ungnaden
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auch oft ein raben in den tagen
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also ertappt und gen walt tragen
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und den gerupfet und gefreßen,
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darumb sei nicht also vermeßen,
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dem weisen oft in diser zeit
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widerfert nit ein klein torheit,
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voraus wo in des hungers fraß
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darzu übet on unterlaß.
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der geizhunger an manchem ent
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das herz verdunkelt, augen blent;
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wo der aufsperret seinen rachen,
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zu füllen sich und feist zu machen,
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und er als waget hin auf glück,
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schlegt alle erbarkeit zurück
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oft wider billichkeit und recht,
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das er oft mit dem hals behecht,
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umb leib, er, gut und leben kum.
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im antwort der rab widerumb:
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wiß, das ein fürsichtiger man
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sich weislichen fürsehen kan
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vor der arglisting trüglichkeit,
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wenn er vertraut zu keiner zeit
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und sich gar wol umbschauen muß,
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e er setzt nider seinen fuß,
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das er nicht alle augenblick
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gefangen werd und sich verstrick
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mit der welt unzeligen netzen,
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die in bescheding und verletzen;
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und wil er in der welt beleiben,
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muß er oft list mit list vertreiben
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und muß die fuchslistigen fliehen,
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von ir gemeinschaft sich abziehen
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und sich nur zu den frommen halten.
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der fuchs sprach: des muß als glück walten,
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mein rab, wo müst ein man hinkommen,
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das er beisamen fünt die frommen,
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dieweil ir ist auf ert so wenig?
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der listing ist ein große menig,
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die all schauen auf iren nutz
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und nemen ir arglist zu schutz,
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darmit iren geizhunger neren,
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es sei mit er oder uneren,
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mit gutem schein die leut betriegen,
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übervorteilen und beliegen
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mit süßen, schmeichelhafting worten
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und können auch an allen orten
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den schalk gar meisterlich verbergen,
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als ob im herzen sie herbergen
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nichtes denn lieb, treu unde gunst;
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das ist denn aller heuchler kunst,
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darmit sie die einfelting fangen,
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die darnach in irm netz behangen;
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derhalb, mein rab, wilt sicher sein,
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so schick dich nur fürsichtig drein.
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nach den worten sie beidesander
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schiden mit friden von einander.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hans Sachs
(14941576)

* 14.11.1494 in Nürnberg, † 29.01.1576 in Nürnberg

männlich, geb. Sachs

Nürnberger Schuhmacher, Spruchdichter, Meistersinger und Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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