Es ligt ein dorf im Beierlant

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Hans Sachs: Es ligt ein dorf im Beierlant Titel entspricht 1. Vers(1558)

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Es ligt ein dorf im Beierlant,
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dasselbig Fünsing ist genant,
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darin etwan vor langen jarn
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ser einfeltige bauren warn,
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tölpisch, tol, grob und ungeschaffen,
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als ob sie weren aus Schlauraffen.
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der bauren einer eins tags fant
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ein armbrost in dem walt gespant,
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das ein jeger verzettet het.
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als der Fünsinger sehen tet,
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da west er gar nicht, was es war,
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iedoch schaut er es entlich zwar,
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vermeint, es wer ein kreuze wert,
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und hub es balt auf von der ert,
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küst es und wolt es zu im schmucken,
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und als ers an sein brust wart drucken,
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da ließ das armbrost und gieng ab,
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schlug dem bauren die nasen rab.
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das armbrost wurf er von im gar,
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sprach: er legst hie ein ganzes jar,
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ich wolt dich nicht mer heben auf!
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eins tags gieng der Fünsinger hauf
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in walt und woltn eichel abschlagen
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und iren seuen heimhin tragen.
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als sie nun stigen auf die eichen,
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was eichel sie kunten erreichen,
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schlugen sie mit den stangen ab.
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nun in eim solchen sich begab,
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das ein ast mit eim bauren brach,
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derhalb er gar hoch fiel, hernach
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mit dem kopf in einr zwisel bhieng
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und riß ab den hals, aller ding
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fiel der körper rab in das gras,
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der kopf in der zwisl bliben was.
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als nun die baurn heim wolten gen,
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fundens under dem baumen den,
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da fundens in on einen kopf,
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kenten in, das es war Liendl Topf,
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stunden umb in, sahen in an,
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sagten: wo hat ern kopf hin tan?
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wer weiß, ob er sein kopf noch het,
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als er mit uns raus laufen tet.
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Heinz Tölp sprach: ich gieng mit im her,
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weiß aber ie nit, ob auch er
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sein kopf gehabt hat oder nit;
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wir wölln sein frauen fragen mit,
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dieselbig wirt es wißen wol.
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als sie die fragten tumb und tol,
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da tet die Fünsingerin sagen:
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am sambstag hab ich im gezwagen,
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da het er seinen kopf ie noch,
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hernach so weiß ich aber doch
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nicht, ob ern kopf am sonntag het,
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wiewol ich mit im hab geret.
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so einfeltig war frau und man;
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trugn auch nicht andre kleider an,
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vier ellen lodn nam einer doch
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und schneit mitten darein ein loch
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und henkt das tuch denn an den hals
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und gürt es denn zu im. eins mals
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ein Fünsinger fur in die stat
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mit treit, da er gesehen hat
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ein schneider röck und kleider machen;
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groß wunder het er ob den sachen
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und beschaut eben alle ding,
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und als er darnach einsmals fieng
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ein großen krebß an einem bach,
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als der Fünsinger an im sach
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an fodern füßn zwo große scher,
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meint er, der krebß ein schneider wer,
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sein hörner wern zwo nadel ganz,
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und seine eier underm schwanz
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das weren eitel kneulein zwirn.
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mit freuden tet er sich heim tirn,
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all sein nachbauren sagen tet,
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ein schneider er gefangen het,
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der müst in allen kleider machen.
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die bauren brachten zu den sachen
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zum schultheiß ir loden zu hauf
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und setzten den krebß oben drauf;
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der kruch auf dem tuch auf und ab,
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fiel oft under den tisch hinab.
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Heinz Tötschinbrei sprach: es dunkt mich,
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der unser schneider schemet sich,
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wil nichts schneiden, weil wir zusehen,
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und kan doch wol schneiden und nehen,
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secht, wie tet er sein scher stet wetzen!
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ich rat, wir wölln im heint zusetzen
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ein liecht und wölln all von im gen
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und allein laßen machen den.
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da folgten sie all seinem rat
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und giengen alle von im spat;
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ein liecht man bei im brennen ließ,
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das doch zu nacht der krebß umstieß
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und zündet dise loden an,
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das also das ganz haus abbran.
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der krebß sich in ein loch verkroch;
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den fundn die tollen bauren doch
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und umb sein große missetat
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urteiltens in mit gmeinem rat
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und wurfen den krebß in ein brunnen.
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nach dem sie große forcht gewunnen,
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füllten den brunnen aus mit erden,
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auf das nicht mer solt ledig werden
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das unzifr, und ist seit gwonheit,
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wenn ein Fünsinger hat hochzeit,
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muß er füren ein fuder erden
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auf den krebß, nicht ledig zu werden;
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ist gar ein hoher bühel worn,
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so wüt auf den krebß noch ir zorn.
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lief noch einer durchs dorf zum teil
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und schrier: krebß feil, krebß feil, krebß feil!
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der würt gar übel von in gschlagen,
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so groß feintschaft dem krebß sie tragen.
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derhalb treiben noch mit in heut
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mancherlei fatzwerk etlich leut,
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und wo noch heut zu diser frist
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ein mensch tol und unbsunnen ist,
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tölpet, ungschickt, so spricht man: der
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ist gar ein rechter Fünsinger.
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der man noch vil findt jenseits bachs
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und auch herjesseits, spricht Hans Sachs.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hans Sachs
(14941576)

* 14.11.1494 in Nürnberg, † 29.01.1576 in Nürnberg

männlich, geb. Sachs

Nürnberger Schuhmacher, Spruchdichter, Meistersinger und Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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