Schwank: Sanct Peter mit der geiß

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Hans Sachs: Schwank: Sanct Peter mit der geiß (1555)

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Da noch auf erden gieng Christus,
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und auch mit im wandert Petrus,
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eins tags aus eim dorf mit im gieng,
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bei einr wegscheid Petrus anfieng:
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o herre got und meister mein,
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mich wundert ser der güte dein,
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weil du doch got allmechtig bist,
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leßt es doch gen zu aller frist
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in aller welt gleich wie es get,
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wie Habakuk sagt, der prophet:
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frevel und gewalt get für recht,
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der gotlos übervorteilt schlecht
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mit schalkheit den grechten und frommen,
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auch kan kein recht zu ende kommen.
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du leßts gen durch einander ser,
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eben gleich wie die fisch im mer,
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da immr einer den andrn verschlindt,
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der bös den guten überwindt,
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des stet es übl an allen enden,
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in obern und in nidern stenden,
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da sichst du zu und schweigst nur stil,
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sam kümmer dich die sach nit vil
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und ge dich eben glat nichts an;
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küntst doch als übel understan,
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nemst recht int hant die herschaft dein.
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o solt ich ein jar herrgot sein
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und solt den gwalt haben wie du,
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ich wolt anderst schauen darzu,
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fürn vil ein beßer regiment
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auf erderich durch alle stent;
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ich wolt steuern mit meiner hant
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wucher, betrug, krieg, raub und brant,
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ich wolt anrichten ein rüwig leben.
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der herr sprach: Petre, sag mir eben:
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meinst, du woltst ie beßer regieren,
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all ding auf ert baß ordinieren,
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die frommen schützn, die bösen plagen?
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sanct Peter tet hinwider sagen:
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ja, es müst in der welt baß sten,
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nit also durch einander gen;
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ich wolt wol beßre ordnung halten.
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der herr sprach: nun, so must verwalten,
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Petre, die götlich herschaft mein,
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heut den tag solt du herrgot sein;
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schaff und gebeut als, was du wilt,
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sei hart, streng, gütig oder milt,
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gib auf ert fluch oder den segen,
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gib schön wetter, wint oder regen,
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du magst strafen oder belonen,
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plagen, schützen oder verschonen,
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in summa, mein ganz regiment
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sei heut den tag in deiner hent.
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darmit reichet der herr sein stab
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Petro, den in sein hende gab.
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Petrus war des gar wolgemut,
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daucht sich der herlichkeit ser gut.
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in dem kam her ein armes weib,
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ganz dürr, mager und bleich von leib,
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barfuß in eim zerrißen kleit,
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die trib ir geiß hin auf die weit.
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da sie mit auf die wegscheid kam,
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sprach sie: ge hin in gottes nam,
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got bhüt und bschütz dich immerdar,
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das dir kein übel widerfar
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von wolfen oder ungewitter,
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wan ich kan warlich ie nit mitter,
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ich muß gen arbeitn das taglon,
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heint ich sonst nichts zu eßen hon
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daheim mit meinen kleinen kinden;
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nun ge hin, wo du weit magst finden,
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got der hüt dein mit seiner hent.
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mit dem die frau wider umbwent
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ins dorf; so gieng die geiß ir stras.
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der herr zu Petro sagen was:
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Petre, hast das gebet der armen
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gehört? du must dich ir erbarmen,
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weil ja den tag bist herrgot du,
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so steet dir auch billich zu,
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das du die geiß nemst in dein hut,
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wie sie von herzen bitten tut,
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und behüt sie den ganzen tag,
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das sie sich nicht verirr im hag,
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nit fall noch mög gestolen wern,
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noch sie zerreißen wolf noch bern,
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auf das den abent widerum
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die geiß heim unbeschedigt kum
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der armen frauen in ir haus;
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ge hin und richt die sach wol aus!
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Petrus nam nach des herren wort
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die geiß in sein hut an dem ort
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und trib sie an die weit hin dann.
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sich fieng sanct Peters unru an;
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die geiß war mutig, jung und frech
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und blibe gar nit in der nech,
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loff auf der weide hin und wider,
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stig ein berg auf, den andern nider
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und schloff hin und her durch die stauden,
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Petrus mit echzen, blasn und schnauden
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must immer nachtrollen der geiß,
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barhaupt. nun schin die sonn gar heiß,
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der schweiß über sein leib abran.
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mit unru verzert der alt man
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den tag biß auf den abent spat,
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machtlos, hellig, ganz müd und mat
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die geiß er widerumb heim bracht.
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der herr sach Petrum an und lacht,
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sprach: Petre, wilt mein regiment
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noch lenger bhaltn in deiner hent?
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Petrus sprach: lieber herre mein,
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nim wider hin den stabe dein
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und dein gwalt, ich beger mit nichten
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forthin dein ampt mer auszurichten;
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ich merk, das mein weisheit kaum töcht,
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das ich ein geiß regieren möcht
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mit großer angst, mü und arbeit;
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o herr, vergib mir mein torheit,
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ich wil fort der regierung dein
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weil ich leb nit mer reden ein.
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der herr sprach: Petre, dasselb tu,
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so lebst du stet mit stiller ru,
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und vertrau mir in meine hent
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das allmechtige regiment.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hans Sachs
(14941576)

* 14.11.1494 in Nürnberg, † 29.01.1576 in Nürnberg

männlich, geb. Sachs

Nürnberger Schuhmacher, Spruchdichter, Meistersinger und Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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