1
Es ligt ein stat im Niderlant,
2
dieselbig ist Antorf genant,
3
darin ein reicher kaufman saß,
4
het ein handel groß übermaß,
5
der het einen einigen sun,
6
und als der kam zu jaren nun,
7
er im eins burgers tochter gab
8
und darzu groß reichtum und hab.
9
der sun der trib auch kaufmanshandel
10
und fürt gar ein prechtigen wandel;
11
bei dem vatter anhielt dermaßen,
12
er solt von seinem handel laßen,
13
wan er wer nun ein verlebt man,
14
der iezt billich sein ru solt han,
15
solt schaffen im ein herrenleben,
16
solt hab und gut im übergeben;
17
er wolt in halten wol und erlich
18
sein leben lang reichlich und herlich,
19
in seinem haus zu bet und tisch
20
möcht leben er frölich und frisch,
21
gen kirchen gen und dienen got,
22
und sich so gut und wol erbot,
23
das im der vatter übergab
24
sein handel, reichtum, gut und hab
25
und kam zu dem sun in das haus.
26
der hielt in erlich überaus
27
erstlichen auf ein ganzes jar,
28
und wenn der sun ausreisen war,
29
gab er dem vatter in die hent
30
mitler zeit das hausregiment.
31
so tet der alt denn treulich schauen
32
auf die schnur, seines sunes frauen,
33
tet sie was, sprach er: tochter mein,
34
sollichs und sollichs sol nicht sein,
35
so und so muß man halten haus.
36
sollichs verdroß sie überaus;
37
dergleich schaut er auf meit und knecht,
38
und wo ir eines tet unrecht,
39
straft ers mit worten scharpf und hart.
40
das hausgsint im abgünstig wart,
41
und wart im als neidig und gram
42
und setzt im zu on alle scham;
43
also der alt gehaßet wur
44
von dem hausgsint und von der schnur.
45
als etlich zeit verloffen war,
46
kam er auf das siebenzigst jar,
47
derhalb gar an dem leib abnam,
48
an gsicht und gehör allensam,
49
auch wart er hustent und ser kretzig;
50
erst wurdens im alle aufsetzig
51
und hofften allein auf sein tot,
52
da hub sich an sein angst und not.
53
des sunes jung und stolze frauen
54
wart gar ser ob dem alten grauen,
55
klagt, er erleidet ir am tisch
56
gemüs, wiltpret, vögel und fisch,
57
richt beim sun an so vil zu letzt,
58
das man in zun ehalten setzt.
59
das tet heimlich gar we dem alten,
60
das er mußt eßn mit den ehalten,
61
iedoch so dorft er nichtsen jehen;
62
er het die schanz vor übersehen.
63
entlich klagt knecht und meit, wie er
64
so rotzig und unlüstig wer,
65
wenn er mit in zu tisch wer gseßen,
66
wolten auch nit mer mit im eßen.
67
der sun war auch ein stolzer man,
68
nam sich seins vatters nit ser an,
69
weil er im leben wolt zu lang,
70
wie er im verhieß im anfang,
71
und leget sein vatter allein
72
undert stieg in ein kemmerlein,
73
darin er tag und nacht must bleibn,
74
sein zeit armutselig vertreibn.
75
da wart es im ser gnau gemeßen
76
mit ligerstat, trinken und eßen;
77
schickt gleich der sun was guts dem altn,
78
so warts gefreßn von den ehaltn;
79
da wart er ellent und veracht.
80
erst der alt im herzen betracht
81
sein einfeltig große torheit,
82
das er sein groß gut vor der zeit
83
seim sun so gar het übergeben,
84
und er müst iezt so ermlich leben,
85
sam ob er wer der ermest man.
86
den dingen kunt er nimmer tan
87
und trug solliches mit gedult,
88
dacht im, er het es auch verschult,
89
das von im wer im handel worn
90
auch manchem man zu gnau geschorn,
91
het auch sunst laster und untugent
92
etwan verbracht in seiner jugent.
93
nun, sich begab in winters zeit,
94
das es war kalt und het geschneit,
95
da tet der frost dem alten we,
96
er het kein kraft noch werme me;
97
da bat er eins tags seinen sun,
98
das er im doch solt geben tun
99
ein pelz oder ein alte schaubn
100
und auch ein alte rauche haubn,
101
darmit des frosts sich zu erwern.
102
der sun, vergeßen aller ern,
103
kintlicher treu und aller zucht,
104
unverstanden, verstockt, verrucht,
105
der gieng hinab in den rosstal,
106
aus dem trug er nauf in den sal
107
ein rosdeck und berufet dar
108
ein sünlein, das war alt fünf jar,
109
demselben er die rosdeck gab
110
und sprach zu im: so trag hinab
111
deinem anherren die rosdecken,
112
das er sich tu darunder strecken
113
und wickel sich genau darein,
114
vor kelt wirt er wol sicher sein.
115
das kneblein nam die rosdeck an
116
und breit sie nider auf den plan
117
und dise rosdeck in der mit
118
in zwei teil von einander schnit
119
und den halb teil von der rosdecken
120
tet es in ein winkel verstecken,
121
den andern teil nach disen dingen
122
wolt es nab seim anherren bringen.
123
sein vatter stunt und sach im zu
124
und sprach zum kneblein: was meinstu,
125
das du die rosdeck in der mitten
126
in zwei teil von einander gschnitten?
127
das kneblein sprach: den halben teil
128
den wil ich iezt bringen zu heil
129
hinab meinem anherrn, dem alten,
130
den andern teil hab ich behalten.
131
der vatter sprach: was wilt mit ton?
132
da fieng das kneblein wider on:
133
wenn du einmal wirst krank und alt,
134
das es auch schneiet und ist kalt,
135
dich freust, wie meinen anherrn eben,
136
so wil ich dir den halb teil geben,
137
das du dich auch darunder streckest,
138
dich darein wickelst und bedeckest,
139
wie du hast meim anherren tan.
140
der vatter diser red nach san
141
des jungen knaben, weis und klug,
142
und darvon in sich selber schlug,
143
dacht: wie ich hab meim vatter ton,
144
also wirts mir gleich eben gon
145
mit mein kinden, wenn ich werd alt;
146
und nam sein alten vatter balt,
147
an seinen tisch in wider setzt,
148
voriger hartsel in ergetzt
149
samt seinem weib spat und auch fru
150
und hielt auch sein hausgsint darzu,
151
so lang biß das der alt verschid
152
mit tot und ewig lebt im frid.