Schwank: das unhulden bannen

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Hans Sachs: Schwank: das unhulden bannen (1556)

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Zu Langenau im Schwabenlant
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ein bauer saß, Claus Ott genant,
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der zumal aberglaubig was,
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den alten unhulden zumas,
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was unglücks im zustunt auf ert.
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wart etwan im hinkent ein pfert,
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oder tet im ein ku verseihen,
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so tet ers als die truten zeihen
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und war in auch von herzen feint,
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an in zu rechen sich vermeint,
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wenn er nur west, welch truten wern;
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darumb wolt er sie kennen gern.
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eins mals an einem pfinztag spat
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ein farent schulr zu im eintrat,
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wie sie denn umbgiengen vor jarn
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und lauter baurenbscheißer warn.
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der sagt her große wunderwerk,
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wie er kem aus dem Venusberk,
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wer ein meister der schwarzen kunst,
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macht dem bauren ein blaben dunst.
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der fieng an, übert hexen klagt,
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wie er in so feint wer, und sagt,
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er wolt sich geren an in rechen.
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da wart der farent schuler sprechen:
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mein freunt, ich kan dich gar wol lern,
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das du mögst bannen und beschwern
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all unhulden im ganzen lant,
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das sie zusam kommen allsant,
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das du sie all magst zeln und sehen.
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der bauer tet zum schuler jehen:
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ein gulden gib ich dir zu lon,
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lerst michs zsam bringen auf ein plon.
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er sprach: ja, ich dichs leren wil;
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iedoch es ist kein kinderspil,
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ob in der sach mislünge dir,
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so darfst du kein schult geben mir;
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es ist mit den unhulden gferlich.
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der bauer sprach: ich wil gewerlich
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mit umbgen, drumb fah die kunst an.
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er sprach: so nim zu dir zwen man
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und ge mit in naus für den walt,
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da im felt stet die eichen alt,
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gleich bei der drifachen wegscheid,
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da solt du haben und sie beid
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ieder in der hant ein bloß schwert,
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und machet ein kreiß an der ert,
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etwan auf dreißig klafter weit,
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umb dise eichen groß und breit.
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nach dem so schürt ein großes feur
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in den kreiß zu der abenteur
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und lauft darumb dreimal ringwerz
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und werft ins feuer ein kalbsherz,
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das neulich hast gestochen du,
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sprich disen segen auch darzu:
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venite, ir unhuldibus,
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bringt prügel her uns stultibus,
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die semper mit uns spendibus
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sub capite et lendibus!
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schau, wenn ir das habt dreimal gsprochen,
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so kommen aus dem walt mit pochen
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die unhuldn und umb den kreiß rennen,
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das ir sie mögt persönlich kennen.
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denn sprecht den segen widerumb,
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das kein ungwitter übr euch kum;
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doch wo ir felet an dem ort
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an dem segen ein einigs wort,
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so wirt der teufel unverholn
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zu euch werfen feurige koln,
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und die unhulden wern on scheuch
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ein ungwitter machn über euch
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und euch vor engsten machen heiß,
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doch bleibet all drei in dem kreiß;
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wo sich einer daraus wirt geben,
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so wirt es kosten im sein leben,
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das sag ich dir vor aller maßen,
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drumb magst du es tun oder laßen.
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der bauer sprach: ich wil es wagen,
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hab mich wol vor mit dreien gschlagen,
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bin von in kommen unbeschedigt,
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werd etwan von den hexn erledigt.
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sag, welch zeit muß wir heint naus gen,
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ich und darzu die andern zwen?
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er sprach: gleich heint zu mitternacht
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get naus und dise kunst anfacht.
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hin gieng der bauer und war fro.
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der farent schuler sich aldo
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auf dise abenteur besan,
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zu effen disen bauersman,
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gieng im dorf nachts int rockenstubn
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und bestellet im neun rosbubn,
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bericht sie, was sie solten ton.
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die legten frauenkleider on,
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als weren sie unhulden alt;
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fürt sie mit im naus in den walt.
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ieder tet im drei prügel hauen,
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die abenteuer helfen bauen,
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warten da auf des schulers bscheit.
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der schlich von in zu der wegscheit
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und oben auf die eichen sas,
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das er mocht sehen alles das,
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und ein kolscherben bei im het.
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als nun der bauer kommen tet
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mit zwen nachbaurn um mitternacht,
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und der kreiß von in wurt gemacht
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mit bloßen schwertern umb die eichen,
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der wol dreißg klafter weit tet reichen.
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nach dem schürten sie ungeheuer
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mitten im kreiß ein großes feuer,
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nach dem loffen die bauren tumb
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drei mal umb das feuer herumb
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und warfen drein das herz vom kalb,
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sprachen den segen, doch kaum halb.
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als die rosbubn das feuer groß
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ersahen, das war gleich ir loß,
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zu hant sie aus dem walde schlichen
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und umb den kreiß hin und her tichen
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mit einem ungestümen wesen,
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mit rocken, gabel und mit besen,
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mit schaufel, rechn und ofenkruckn.
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forchtsam tetn sich die bauren schmuckn.
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nun schin der man so überhell,
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das man sach und hört ir geschell;
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sie heten umb den kreiß ir tanzen
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und machten gar selzam kramanzen.
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die drei bauren erschrocken wasen,
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des segen sprechens gar vergasen
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und zitterten im kreiß allsam;
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der schuler sein kolscherben nam,
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warf in rab under die drei bauren.
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erst wurden gar verzagt die lauren,
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meinten, der teufel het die koln
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rab gworfen und würt sie all holn.
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balt die kolen int höch aufstuben,
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die truten zu werfen anhuben
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mit prügeln zu in in den kreiß.
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den dreien war vor sorgen heiß,
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im kreiß sich hin und wider schmugen,
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trafen sie oft, das sie sich bugen,
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umb bein und lend, auch umb die köpf,
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das sie sich drehten wie die töpf,
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noch dorft ir keiner aus dem kreiß;
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Claus Ott vor angst int hosen scheiß.
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als die unhulden verwarfen gar
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ir prügel, loffens wider dar
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zerstreuet hinein in den walt.
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fro waren die drei bauren alt,
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trolten balt aus dem kreiß hinaus
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und kamen hinkent heim zu haus
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mit beulen, schwarz und blaben flecken
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von der hexen prügel und stecken;
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iedoch so dorft ir keiner klagen,
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in dreien tagen darvon sagen,
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und verschwurn bei treu, eit und er,
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forthin zu bannen nimmermer
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die hexen oder die unhulden.
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so mußten sie all drei gedulden,
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zu der schlappen leiden den spot
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von der anderen bauren rot,
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wan die rosbuben nach den tagen
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die teten allen menschen sagen,
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wie alle sach sich het verloffen,
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und wurt ir schad mit schanden offen.
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der farent schuler nam sein lon
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des morgens frü und zog darvon.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hans Sachs
(14941576)

* 14.11.1494 in Nürnberg, † 29.01.1576 in Nürnberg

männlich, geb. Sachs

Nürnberger Schuhmacher, Spruchdichter, Meistersinger und Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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