Siebentes Lied

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Friedrich (Maler Müller) Müller: Siebentes Lied (1787)

1
Leise eilte Luitberta aus ihrer Kammer hervor,
2
Um die Stunde da sie versprochen, unter den Linden,
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Bey dem Brunnen mit ihrem Gemahle sich einzufinden;
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Doch vermochte sie nicht der Amme wachsames Ohr
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Zu hintergehen.
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Ihr Auge hatte bis dahin dem Schlummer
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Nicht zu besiegeln erlaubt der herbe drückende Kummer.
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Da schleichen sie jezt hört, springet in Eil' sie voran,
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Fassend das Fräulein gar ängstlich am Arme:
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Was beginnst du, o Trauteste, sag', welcher Wahn
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Treibet dich fort, eine neue Unheils-Bahn
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Zu beschreiten.
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Um diese Stunde jezt, zu größerem Harme?
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Halte ruhig dich hier bis der Morgen anbricht,
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Dann mögen die Freunde uns weiteren Rath ertheilen.
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O lass' mich! seufzet die Holde, halte mich nicht!
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Zu dem unglücklichen Gemahl muß ich nun eilen.
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Ihn sehen muß ich, ach! den Geliebtesten! noch einmal sehn,
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Bevor er auf immer vielleicht geschieden – ich bitte,
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Lass' mich! hier hilft kein Ausschub, hilft kein Fleh'n,
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Voll Jammer muß ich verfolgen meine Schritte;
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Ihn grüßen muß ich, sollt' ich auch Fluth und Flammen durchgeh'n,
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Und müsste beschreiten ich des Todtenthales Mitte.
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Halt' fest mich nicht länger! – Mit Gewalt reißt sie sich los,
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Und eilet davon;
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Erschrocken sinkt die Amme auf die Marmorstiege zurücke;
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Schluchzend sizt sie, die Arme traurig gestüz auf den Schooß
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Laut beseufzend,
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Des Schicksal grausame an ihr verübte Tücke:
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Bis gestern hielt thöricht ich beneidenswerth mein Loos,
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Gesichert von dem Glücke vor künftigem Harme und Wehen;
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O blinder Wahn! gestürzt fühl' ich heute mich schon
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In den Abgrund des Elends mit Schrecken und Hohn,
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Ach, Himmel! wie wird es mir nun noch ergehen? –
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Indem sie noch jammert so für sich allein,
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Erblicket sie von Lichter- und Fackel-Schein
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Erleuchtet des Schlosses hohe Gänge;
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Der König erscheint
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Gepanzert und hinter ihm beweget sich einher
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Bewaffnet gleichfalls mit Schilde und Speer
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Des Reiches erste Mächte, in furchtbar'm Gedränge.
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Durch den Bericht der Zofe hatte Geltar bereits alles entdeckt,
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Wie Rhin, zu dessen Flucht man alle Mittel anwende,
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In Pater Huberts Klause liege sicher versteckt;
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Befehl ließ darum zum Aufbruche behende
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Ertheilen der König, unverwarnet jezt
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In der Stunde der Nacht die Klause feindlich zu berennen,
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Die Verräther zu fangen, und wenn genugsam man sich gelezt
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An des Jünglings Tod,
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Das Kloster anzuzünden, daß Pater und Sakristan drinnen verbrennen.
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Betroffen stehet er, da er jezt die Amme hier erschau't
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In solchem Zustand, ihn fasset heimliches Beben; –
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Wo, frägt er, ist meine Tochter? – Herr, schluchzet diese laut,
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Keine Auskunft weiß ich auf eure Frage zu geben,
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Wie, noch wo das Fräulein sich zu dieser Stund'
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Befinde, wie es stehet um ihr zartes Leben.
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Ganz außer sich, sinnlos, an Leib und Seele wund,
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Spricht sie von nichts anderm, als aus der Welt zu fliehen
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In ein Kloster, ich eilte so eben ihr nach
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Mit Bitten; – doch vergeblich alles Zureden, ach
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Vergeblich meine Gewalt, sie zurück zu ziehen;
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Hier stieß sie mich von sich, eilte im Dunkeln davon.
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Welche Pfade sie genommen, weiß ich nicht euch zu sagen.

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Bey diesen Worten fühlte der König eine Legion
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Von Nattern den Busen auf das grimmigste ihm zernagen,
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Verruchte, schrie er, nimm dieses zu deinem Lohn,
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Für alles was bisher zum Unheile du beygetragen.
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Des blitzenden Dolches Spitze senket zornig er
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In ihre Seite, blutig fiel nieder sie, es fehlte nur wenig,
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Daß vollends er sie gemordet im Grimme, als gehüpft, wie von ungefähr,
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Gissele, die Verräth'rin, herbey kam: Herr König!
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Rief sie, wollt überraschen ihr, eure Tochter, gewiß
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Mit ihrem Buhlen zugleich, so säumet nicht voran zu eilen
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Am Brunnen unter den Linden, mit Wahrheit bezeuge ich dieß,
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Da findet Beyde ihr in süßem Kosen verweilen.

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Voll Unmuth Geltar das Zeichen zum Aufbruche gleich gab:
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Voran! ruft er, laßt schnell uns die Frevler ergreifen,
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Die meine Langmuth höhnen, ich breche den Stab
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Ueber Beyde zugleich. –
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Indeß man hier sich so feindlich anschickt, stand in Aengsten bedrängt
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Das unglückliche Paar, suchend belastet von schweren
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Sorgen, zu theilen sich einander ihren Kummer mit,
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Seelendurchbohrend war für Beyde der herbe Schritt,
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Der ihnen bevorstand; Luitberta weinte, doch verzehren
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Längere Leiden des Jünglings Brust, die jezt immer mehr
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Die Seele ihm beklemmen; der Eifersucht Stacheln dringen
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Stets tiefer und tiefer ein, sein Geist schweift wild umher,
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Verfolgt von quälenden Bildern, die peinlich ihn umringen,
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Die seinen niedern Stand im Vergleich ihm stellen dar,
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Mit Arturs glänzender Macht und Hoheit; bange schauet,
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Indem mit Graußen hiebey sich aufwärts sträubet sein Haar,
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Auf Luitberta er hin,
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Ihn ängstigt, daß unterliege in der Versuchungsgefahr,
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Ihr weiblich Herz zulezt geblendet von Stolz – ihm grauet,
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Den Tod wünscht er sich mit ihr, im dumpfen Seelenharm',
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Begraben zu liegen, nur haltend sie im Arm' –
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Verzweiflung presst sein Herz: o, ruft er aus, der bauet
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Im Fluch auf trüg'rischen Sand, der in der Liebe warm
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Sein Herz dem Schimmer leichter Hoffnung anvertrauet.
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O möcht' verlöschen völlig aus meinem Gedächtniß dahin,
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Möcht' aus dem Zeitenlaufe auf immerdar verschwinden
102
Die Stunde, der Augenblick, wo du gedacht an Rhin
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Zum erstenmal,
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Die Stunde, der Augenblick, wo mit getäuschtem Sinn,
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Beginn am Mächtigern ich, die unverzeihliche Sünde,
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Zu rechnen mich ihm gleich,
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Wobey mein trotz'ger Muth verirret sich leider so weit,
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Zu wägen nicht achtsam genug die hohe Gültigkeit
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Geheiligter Vorrechte; seitdem ist, gleich dem Funken
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Der Hölle, verzehrend Mark und Bein, der Fluch auf mich gesunken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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