3. An meine Schatten-Quelle

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Friedrich (Maler Müller) Müller: 3. An meine Schatten-Quelle (1787)

1
Vom goldnen Becher rinnt der Saft der Reben,
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Indem mein froher Mund dich neugebohrne grüßt,
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In deine Silberwelle, die so sanft und eben
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Durch Blumenbüsche schattigt fließt.

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O Quellen-Königin! – Voll klopfenden Verlangen
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Beth ich und opfere, damit es ihm gelingt
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Dem vollen Mond, der mit erhitzten Wangen
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Sich aus des Abgrunds Armen schwingt.

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Schon blickt er auf in seinem Schimmerlichte; –
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Schon steigst du wieder aus der Dämmerung hervor
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Voll Herrlichkeit – zwar flattert deinem Schneegesichte
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Ein Wittwen-Trauerschleyer vor.

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Sey mir gegrüßet, die du aus dem Reich der Nächte
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Gestiegen, nun mit neuem mächtgen Glanz!
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Um deine Silberschläfe will ich flechten,
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Den blumumwundenen Binsenkranz.

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Wie damals er um deine Stirne saußte,
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Als fürchterlich durch Büsche, neben deinem Haupt,
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Des schönsten Jünglings Sieges-Wagen braußte,
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Sein Streitroß dampfend dich umschnaubt.

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Der Morgen fand ihn, Schönste dich zu retten
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Vom Drachen, der mit stolzer Zaubermacht,
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Neunmal neun Monden dich an goldnen Ketten,
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In deiner Schattenfluth bewacht.

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Voll Liebe brannt dein Herze zu dem Schönen
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Der wie ein Gott das Schwerd dem Kampf entgegen trug,
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Da zitterte für ihn dein Aug in bangen Thränen;
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Erschrocken sankst du auf den Nymphen-Krug;

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Bis daß des Sieges hoher Ruf dich weckte,
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Den der Posaunen-Mund durchs Thal und Klippen stieß,
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Und seine blutge Faust der Jüngling nach dir streckte,
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Die Fessel dir von deinem Nacken riß. –

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Frohlockend sprangst du aus der Silberwelle,
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Hiengst mit umschlungnem Arm, als wie das falbe Licht
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Des frühen Morgensterns – so klar und helle
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Um deines Jünglings Angesicht!

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Doch Göttin, ach! betrogen vom Geschicke
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Genossest du nicht lange dieser süßen Lust:
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Denn, ach! dein Jüngling fiel mit starrem Blicke
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Herab an deine Götter-Brust!

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Ach! damals horchten deiner Trauerklage
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Des Hügels schnelle Nymphen und die Flußgöttin.
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Mit ungekämmtem Haar lagst du dreymal drey Tage,
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Und schluchz'st und jammertest um ihn.

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Bald drangst du deine Wellen durch das Reich der Schatten
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Zurück, am Strohm der Finsterniß
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Dich mit dem holden Jüngling noch zu gatten,
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Den von dir das Verhängniß riß.

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Nur mit dem Vollmond blickst du, Göttin, wieder,
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Mit Zwang aus seinem Arm gerissen, an das Licht.
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Dann öfnet sich ein Strohm von Trauer-Lieder,
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Voll deiner kläglichen Geschicht,

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Der sanfte, durch des Schmerzens laute Töne
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So sanft, wie deine Fluth durch Blumen fließt,
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Der jedes Hörers Herze unter bangen Thränen
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Mit Wehmuthswonne übergießt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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