Laßt an dem Stock die Lilie

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich (Maler Müller) Müller: Laßt an dem Stock die Lilie Titel entspricht 1. Vers(1787)

1
Laßt an dem Stock die Lilie,
2
Laßt Ros' und Holderblüt'
3
Am Stengel, holde Mädchen,
4
Und horchet meinem Lied.

5
Ich sing' zerrissner Treue,
6
Verlassener Liebe Schmerz;
7
Euch schmelzen zarte Klagen
8
Das wehmutsvolle Herz.

9
Und du, aus tausend Mädchen
10
Die Frömmste, höre du
11
Des braunen Fräuleins Klagen
12
Und ihrem Jammer zu.

13
Es beb' dein junges Herzchen,
14
Verborgen jeder List,
15
Dein junges fühlend Herzchen,
16
Das ganz nur Unschuld ist.

17
Wenn durch die bange Saite
18
Des Fräuleins Seufzer steigt,
19
Des Fräuleins, das an Treue
20
Dir holdem Schätzchen gleicht:

21
O wenn von deinem Auge
22
Auch nur ein Tränlein fiel',
23
Gekrönt wär' dann, geheiligt
24
Wär dann mein Saitenspiel! –

25
Dort sitz an einer Ecke
26
Das Fräulein in dem Moos;
27
Viel helle Tränen rinnen
28
Herab in ihren Schoß.

29
Dreimal schickt sie den Knaben
30
Zur hohen Burg hinan,
31
Zum Führer blauer Greife,
32
Dem schönsten Rittersmann.

33
Die Sonne eilt; sie harret
34
Lang' unter Glut im Tal:
35
»wo bleibst du, holder Ritter,
36
Du Trost in meiner Qual?«

37
Doch seht, die Zweige beben,
38
Es rauschet um den Bach.
39
»mein Ritter kommt! Du bist es,
40
Geliebter Heinrich, ach!«

41
Geflügelt springt sie, hänget
42
An seinen Nacken sich,
43
Küßt froh die braunen Wangen
44
Und weinet bitterlich.

45
»wo bliebst du, meine Ruhe,
46
Mein bester Trost, so lang'?
47
Lang' harrt' ich dein im Tale,
48
Ach, auf der Aue lang.

49
Denk, unsre stille Liebe
50
Ist jedermann bekannt!
51
Mich stoßen meine Freunde
52
Hinweg mit harter Hand,

53
Schütz' du mich, holder Ritter,
54
Mich, die ich elend bin!
55
Dir gab ich meine Liebe,
56
Ach, alles gab ich hin« –

57
»sei ruhig«, spricht der Ritter,
58
»nur ruhig bis zur Nacht.
59
Neun Schlösser hat mein Vater,
60
Betürmt und wohl bewacht.

61
Reitst mit mir in das schönste,
62
Vor allem ausgeschmückt,
63
Sobald vom Sternenhimmel
64
Die Nacht herunterblickt.« –

65
»sollt' ich im Dunkeln fliehen,
66
O Rittersmann, mit dir?
67
Im Angesicht der Sonne
68
Schwurst du einst Treue mir.

69
O führ' vor allen Augen
70
Im Hochzeitskranz, beblümt,
71
Mich aus der Jungfraun Kammer,
72
Wie's, Liebster, sich geziemt.« –

73
»ha, stolzes Fräulein! Glaubst du,
74
Mit Musik sollt ich dich
75
Aus deiner Kammer führen
76
Als eine Braut für mich?

77
Den Blumenkranz dir flechten
78
Um das gelockte Haupt?
79
Dem Mond zur Seit' zu stehen,
80
Ist Sternen nur erlaubt.

81
Zwar du bist süß und lieblich
82
Wie Frühlingssonnenschein;
83
Doch von dem feinsten Golde
84
Sieh hier ein Ringelein.

85
Es funkelt in der Mitte
86
Ein doppelter Rubin,
87
Ein Bild der warmen Lippen
88
Der jungen Raugräfin.

89
Die mir mit ew'ger Treue
90
Ihn zum Geschenk heut' gab;
91
Vom Turme, holdes Fräulein,
92
Blickt sie nach mir herab.« –

93
»was, lieber, holder Ritter?«
94
Schrie hier das Fräuelein.
95
»o bei dem hohen Himmel!
96
Dies kann nicht möglich sein.

97
Mich, mich willst du verlassen,
98
Verlassen nun, ach Gott!
99
Dein armes braunes Fräulein,
100
Zu aller Menschen Spott?

101
Nein, nein, es ist nicht möglich,
102
Daß du mich so betrübst!
103
Hast doch so oft geschworen,
104
Daß du mich ewig liebst!

105
Wirf in die tiefsten Fluten
106
Den falschen Ring von dir!
107
Laß, laß mich ihn zerreißen!
108
Den Ring, den Ring gib mir!«

109
»den Ring? Daran denk niemals,
110
O zartes Fräuelein!
111
Gleich Zwillingsbrüdern stehen
112
Zwei Schlösser an dem Rhein.

113
Solang' an meinem Finger
114
Der Ring blinkt, sind sie mein;
115
Drum bitt' ich dich, o Fräulein,
116
Stell' alles Klagen ein.

117
Was hilft's, daß ich geschworen!
118
Dein Weinen kommt zu spät?
119
Der Wind hat dreingesauset,
120
Hat alles weggeweht.

121
Sieh, du bist mir zu Willen,
122
Du zärtliche Jungfrau,
123
Sollst blühen und gedeihen
124
Wie Blumen voller Tau.

125
Du wohnst in einem Schlößchen,
126
Schön wie ein Schloß der Lust,
127
Dein Gast bin ich fein öfters,
128
Verweil' an deiner Brust.«

129
Und voller Gram und Jammer
130
Dreht sich das Fräulein um:
131
»du raubst mir meine Ehre,
132
Mein einzig Eigentum,

133
Und willst mich nun verstoßen,
134
Mich, die so schmerzenwund
135
Dich ewig zärtlich liebet,
136
Dem Himmel ist es kund.

137
Hab' ich gleich keinen Vater,
138
Kein'n Bruder, der die Schmach,
139
Die du mir gibst, könnt' rächen,
140
So wird's der Himmel, ach!

141
»doch für dich will ich beten,
142
O Jüngling, höre mich!
143
Laß von der reichen Gräfin,
144
Sie liebt dich nicht wie ich.

145
Ach, wälz' nicht neue Schmerzen
146
Auf mich, die jammervoll
147
Die Schmerzen einer Mutter
148
Ohn' dies bald fühlen soll!«

149
So schluchzet sie und senket
150
Sich vor ihm hin aufs Knie.
151
Es nickt die dunkle Eiche
152
Und säuselt sanft auf sie.

153
Durch ihre Locke seufzet
154
Das Windchen hin und späht
155
Der Blume nach, die tauig
156
Von ihren Tränen steht.

157
Ach, deine zarten Klagen
158
Rührt alles, Fräuelein,
159
Schwellt auf die heischre Quelle,
160
Erweicht den Kieselstein;

161
Nur er, der harte Ritter,
162
Schenkt dir nicht einen Blick.
163
»o«, ruft sie, »eh' du scheidest,
164
Sie noch einmal zurück!

165
Ach, von mir Tiefgekränkten
166
Geh nicht mit Zorn erfüllt.
167
O Ritter, wenn du grausam
168
Mich nicht mehr lieben willt.

169
Noch einmal diese Stimme,
170
Die sanft das Herz mir band!
171
O reich mir noch zum letzten,
172
Zum letzten mal die Hand!

173
Dann geh zu deiner reichen,
174
Geliebten Gräfin hin!
175
Vielleicht wird dich es reuen,
176
Wenn ich gestorben bin.«

177
Du weinest schon, mein Mädchen?
178
Wisch' nicht das Tränlein ab.
179
Mehr als die reichste Perle,
180
Die Indien je gab,

181
Schmückt sie die warme Wange,
182
Schmückt sie dein schönes Aug'.
183
Wie lieb' ich diese Träne
184
Am seelenvollen Aug'!

185
Ja, Mitleid, süßes Mitleid,
186
Vom Himmel stammst du nur,
187
Vom Angesicht des Schöpfers
188
Stahl dich einst die Natur.

189
Des Wilden Herz ist grausam;
190
Der bessre Mensch allein
191
Kann tragen fremden Jammer,
192
Kann fühlen fremde Pein.

193
Laß, laß die Träne rinnen
194
Bald stürzet sie hinab;
195
Lockt tausend goldne Schwestern
196
In deinen Schoß herab. –

197
Der wilde Ritter gehet,
198
Er geht, betrachtet nicht,
199
Wie nun am Felsen ringend
200
Des Fräuleins Herz zerbricht.

201
Stumm sitz sie an der Erde,
202
Schaut' bang den Himmel an.
203
»ach, er geht fort, ich Arme!
204
Was soll ich fangen an?

205
Die du an meinem Herzen
206
So süß und sanfte ruhst,
207
Du Zeuge meiner Treue,
208
Daß du mit welken mußt!

209
Doch besser noch, es decket,
210
Ach, dein' und meine Schand'
211
Ein einzigs Grab auf ewig
212
Im kühlen, weichen Sand.

213
Einst kämest du, erwachsen:
214
›wo, Mutter, ist der Mann,
215
Den ich soll Vater nennen?
216
Hab' ich kein'n Vater dann?‹ –

217
Verstoßen, sagt' ich weinend,
218
Bist du, o Söhnelein;
219
Er liegt in andern Armen,
220
Nennt andre Kinder sein! –

221
Dann würdest du, durchdrungen
222
Von Scham und Haß auf mich
223
Und meinen Wehen fluchen,
224
Die einst geboren dich.«

225
So schluchzet sie und stürzet
226
Voll zärtlichem Gemisch
227
Von Raserei und Liebe
228
Ins dunkelste Gebüsch.

229
Wie eine trübe Quelle
230
Durch Klippenmoos und bang
231
Zum schwarzen Tale flüchtet
232
Im schwermutsvollen Drang;

233
Wo sie nur irret, fühlet's
234
Des Schäfers horchend Ohr
235
Am seufzenden Gemurmel
236
Vom Weidenbusch hervor:

237
So fliehet sie drei Tage,
238
Am vierten steht sie still.
239
»hier ist es, wo ich ruhen
240
Und wo ich sterben will.

241
Hier unter dieser Buche,
242
Wo oft bei der Natur,
243
Beim Himmel selbst, der Falsche
244
Mir Lieb' und Treu' beschwur.

245
Einst kommt er mit der Liebsten,
246
Die er nun zärtlich küßt,
247
Vielleicht zu meinem Grabe
248
Und fraget, wem es ist.

249
Weht, Lüftchen, weht's gelinde,
250
Daß es das meine sei,
251
Das Grab des braunen Fräuleins,
252
Die für ihn starb aus Treu.«

253
Sie schweigt. Da fällt vom Hügel
254
Ein heller Glockenschall,
255
Ein frohes Lärmen hallet
256
Zurück durchs ganze Tal.

257
Von hohen Türmen flosse
258
Der Harfen Silberklang
259
Zum Hochzeitsfest der Gräfin
260
Und ihrem Brautgesang.

261
Auch rühmten die Trommeten
262
Des Heinrich's stolze Zier,
263
Der siegreich sich bezeiget
264
Im adlichen Turnier.

265
Der Lilie gleich, die stürmisch
266
Ein Regen niederschlägt,
267
Sitzt hinter dunkeln Aesten
268
Das Fräulein unbewegt.

269
»gott, dieses war sein Name,
270
Dies seiner Stimme Ton!
271
Du freust dich, holder Ritter,
272
Und ach, ich sterbe schon.

273
Ach, ach, dein Mädchen sinket!
274
Vielleicht denkst ihrer nie!
275
Vielleicht, daß du sie suchest,
276
Und nimmer findst du sie!«

277
So seufzet sie und blicket
278
Zur hohen Burg und schweigt.
279
Ihr braunes Auge dämmert,
280
Ihr Rosenmund erbleicht.

281
Viel goldne Tränen blinken
282
Herab in ihren Schoß,
283
Noch einmal seufzt sie: »Heinrich!«
284
Und sinkt ins weiche Moos.

285
Du fällst, o braunes Fräulein
286
Ein Opfer deiner Treu'.
287
Schleicht, zärtlichste der Winde,
288
Vom Blumental herbei.

289
Faßt auf das letzte Tränlein,
290
Das ihr im Auge blinkt.
291
Und tragt's zum Stern der Liebe,
292
Der tief in Trauer sinkt!

293
Ihr aber, Mädchen, höret
294
Das schreckliche Gericht!
295
Lang' weilt des Himmels Rache,
296
Doch ewig weilt sie nicht.

297
Der wilde Ritter sitzet
298
Am hochzeitlichen Mahl,
299
Zwar Freuden in den Augen,
300
Im Herzen Angst und Qual.

301
»ach«, denkt er, »die Verstoßne,
302
Wo mag sie jetzo sein,
303
Ihr Äuglein Tränen gießen,
304
Wo jammert sie allein?

305
Ach! Hab sie doch betrogen.«
306
Ihn peinigt Angst und Qual;
307
Zerreißt die Hochzeitkränze
308
Und flieht hinab ins Tal.

309
Umsonst der Freunde Flehen,
310
Der Gräfin banger Blick,
311
Sein Fräulein sieht er liegen
312
Und schreit und schlägt zurück.

313
Ist's tot, das sanfte Händlein,
314
Das freundlich mich umschlang?
315
Ha! Tot das zarte Herzlein,
316
Das dann vor Freude sprang!

317
»ha! Freunde, seht ihr's, Freunde?
318
Mein erstes Weib liegt dort
319
Erblasset! Wenn ihr's höret,
320
Ich, ich hab' sie ermord't!

321
Was soll ich länger schweigen,
322
Zerreißt mich innrer Schmerz?
323
Ihr brach ich Lieb' und Treue,
324
Und dieses brach ihr Herz.

325
Vollend's nun Höll' und Teufel!«
326
Er knieet auf die Erd',
327
Zieht wild und voller Feuer
328
Sein scharfgeschliffnes Schwert!

329
»zerschmettre falsche Herzen
330
Und Untreu, Donnerkeil!
331
Hinweg aus meinen Augen,
332
Die Hölle bleibt mein Teil!

333
»ja, süßes, sanftes Mädchen,
334
Aus Treue starbst du, ach!
335
Muß grausam dir nun folgen,
336
Dein Geist, der winket nach ...«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.