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O heil'ge Jungfrau, Czenstochowa's Schirm und Schild,
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Leuchte der Ostrabrama! Du, deren Gnadenbild
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Schloß Nowogrodek und sein treues Volk bewacht:
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Wie mich, als Kind, dein Wunder einst gesund gemacht,
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Als von der weinenden Mutter in deinen Schutz gegeben,
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Ich das erstorb'ne Auge erhob zu neuem Leben,
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Und konnte gleich zu Fuß in deine Tempel geh'n,
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Gerettet, Gott zu danken für's Heil, das mir gescheh'n:
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So wird zum Schooß der Heimat dein Wunder uns wiederbringen!
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Indessen trage du mir der sehnenden Seele Schwingen
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Zu jenen waldigen Hügeln, zu jenen grünen Auen,
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Die weit und breit sich dehnen am Niemenstrom, dem blauen, –
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Zu jenen Feldern, prangend voll bunter Ähren und Garben,
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Rübsamen bernsteinhell, Buchweizen schneeig blüht,
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In jungfräulichem Roth der duftige Quendel glüht,
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Und, wie ein Band, durch Alles der grüne Rain sich schmiegt,
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Drauf da und dort ein Birnbaum still die Krone wiegt.
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Auf einem Hügel erhob sich mitten in solchem Land,
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Von Birkengehölz umgeben, an eines Bächleins Rand,
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Ein Herrenhaus, – von Holz, der Unterstock von Stein;
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Es leuchteten von Ferne die Wände weiß und rein,
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Das Weiß vom dunklen Grün der Pappeln noch gehoben,
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Die ihm zum Schutze dienen vor des Herbstwinds Toben;
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Ein wohnlich saub'res Haus, wenn auch von mäßiger Größe,
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Hat eine große Scheuer, und drei Getreidestöße
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Liegen noch neben ihr – die faßte der Söller nicht mehr.
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Man sieht wohl, reichgesegnet ist das Land umher.
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Der Garben Zahl auch, die weit und breit auf dem Gelenge,
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Wie Sterne, dicht erglänzen, und auch der Pflüge Menge,
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Die sich schon zeitig auf dem mächtigen Brachfeld zeigen,
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Dem schwarzscholligen, (sicher derselben Herrschaft eigen
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Und wohl bestellt, es sieht wie Gartenbeete aus –)
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Das alles zeigt, daß Fülle und Ordnung herrscht im Haus;
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Das Thor ist weitgeöffnet und sagt dem Wand'rer an,
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Daß freundlichen Empfang der Gast gewärtigen kann.
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Ein zweispänniges Fuhrwerk kam eben durch das Thor,
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Flog um den Schloßhof, fährt beim Gange wieder vor.
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Ein junger Herr steigt aus; die verlassenen Pferde zieh'n
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Das Gras abrupfend, langsam wieder zur Einfahrt hin.
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Im Hof ist's öd'; ein Riegel verschließt die Thür zum Gang,
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Von einem Pflöckchen durchsteckt. – Der Fremde fragt nicht lang,
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Sucht kein Gesinde auf: er öffnet, ohne zu säumen,
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Und tritt in's Haus. Wie lange war er nicht in den Räumen!
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Bis nun hielt ihn die Schule in der Stadt entfernt, –
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Wie wohl ist ihm! Er hat doch endlich ausgelernt!
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Nun wird von jeder Wand sein Blick so festgehalten,
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Er grüßt sie mit vollem Herzen, die wohlbekannten, die alten!
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Der Hausrath ganz wie damals in seiner Kindheit Tagen;
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Jetzt scheint ihm Alles freilich nicht mehr so groß, so schön; –
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Dieselben Bilder sieht er, die er damals geseh'n:
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Hier in der Czamarka Kosciuszko, den Blick zum Himmel gekehrt,
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Mit beiden Händen hält er umspannt sein starkes Schwert,
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So war er, als er einstmals am Altar geschworen,
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Mit diesem Schwert zu verjagen die drei Usurpatoren
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Oder auf ihm zu verbluten. Im polnischen Gewand
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Sitzt dort, die Freiheit betrauernd, Rejtan,
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Sieht man, auf's Herz gerichtet, ein blitzendes Messer ragen, –
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Phädon und Cato's Leben sind vor ihm aufgeschlagen.
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Und dort der junge Jasinski,
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Daneben Korsak, der niemals von seiner Seite kam,
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Auf Praga's Schanzen steh'n sie, auf Russenhaufen beisammen,
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Kühn hau'n sie drein, – und Praga steht schon ringsum in Flammen.
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Und sieh', im Holzgehäuse, an der Alkoventhür
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Die alte liebe Spieluhr sogar erkennt er hier,
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Und zieht in kindischer Freude, wie einstmals, an der Schnur,
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Und Dombrowski's alte Weise
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Er eilt durch's ganze Haus, nach jenem trauten Stübchen,
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Wo er vor zehn Jahren gespielt als kleines Bübchen.
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Kaum ist er eingetreten, stutzt er und weicht zurück:
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Ein Frauengemach! Er mustert's mit erstauntem Blick;
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Wer mag hier wohnen? Der alte Oheim war unvermählt, –
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Die Tante hatte zum Wohnort Petersburg erwählt!
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Die Wirthschaftsfrau? Unmöglich! – Was soll der Flügel nur?
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Und Noten auf ihm und Bücher, – von Ordnung keine Spur;
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In holdem Durcheinander Alles umhergezaust, –
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Das waren nicht alte Händchen, die da so gehaust.
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Und hier ein weißes Kleid auf die Sessellehne gebreitet,
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Frisch vom Nagel geholt, zum Anzieh'n vorbereitet;
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Und auf den Fenstern duften, in Blumentöpfen gehegt,
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Geranium, Veilchen, Astern, Levkojen, wohlgepflegt;
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Er tritt an eins der Fenster: ein neues Wunder, sieh'!
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Im Obstgarten, am Rande, wo Unkraut sonst gedieh,
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Und Sträuße von englischem Gras und Münze allerwegen;
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Als Namenszug geformt, faßt es ein Zäunchen ein,
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Ein winziges, hölzernes, mit schimmernden Maßliebreih'n;
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Die Beetchen waren frisch begossen von sorgender Hand,
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Man sah noch das Blechgefäß, das auf dem Boden stand.
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Doch wo ist die Gärtnerin? sie war wohl eben hier;
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Noch zittert ja in den Angeln dort die kleine Thür, –
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Und nah' der Thür im Sande, trocken, weiß und fein,
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War eine Spur so leicht von einem Füßchen klein;
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Das hatte nicht Schuh, noch Strumpf – und rasch durchlief's den Raum,
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Und wie es lief, man sieht's, berührt' es den Boden kaum.
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Der Fremde stand am Fenster und sann und schaute lange –
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Der Blumen süßer Duft umspielt ihm Brust und Wange,
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Und bis zum Veilchenstrauch neigt er das Antlitz nieder,
101
Die Augen suchen umher – und bleiben haften wieder,
102
Dort an den Spuren haften von jenen Füßchen klein –
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Er schaut' und sann: weß mochten wohl die Füßchen sein?
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Zufällig blickt er auf – und sieh', auf der Planke stand
105
Ein junges Mädchen, gekleidet in ein weiß Gewand,
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Das von der Brust hinab den schlanken Leib umfloß –
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Der Schwanenhals, die Arme blieben frei und bloß.
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So pflegt ein lithauisch Mädchen des Morgens nur zu geh'n,
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So wird's von eines Mannes Augen nie geseh'n.
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Drum hält sie auch die Hände ob der Brust verschränkt,
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Wiewohl sie ja gewiß an keine Lauscher denkt.
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Das Haar, in Locken nicht gelöst, in kleine Knötchen
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Gebunden nur und rings besteckt mit weißen Schötchen,
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Ziert wundersam den Kopf, wie's in der Sonne strahlt:
115
Den Kronen gleich, die man um Heiligenstirnen malt.
116
Sie blickt in's Feld, das Antlitz ist drum nicht zu sehen,
117
Dort unten weit, dort scheint sie nach Jemand auszuspähen.
118
Nun hat sie gefunden – lacht, klatscht in die Hand – und schnell,
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Gleich wie ein weißer Vogel, entfliegt sie von der Stell'
120
Und flattert durch Garten und Blumen – und flink kommt sie gerannt
121
Und eh' er's merkt, da fliegt sie schon durch's Fenster herein,
122
So still und leicht und glänzend, wie des Mondes Schein.
123
Und summend ergreift sie das Kleid, will sich zum Spiegel wenden:
124
Da sieht sie den Jüngling – das Kleidchen fällt ihr aus den Händen –
125
Bleich wird sie vor Staunen und Schreck – roth wird sein Angesicht,
126
Gleich dem Gewölk, das hinfließt durch des Morgens Licht.
127
Er drückt die Augen zu, bedeckt sie in scheuem Schweigen –
128
Will reden, Entschuldigung stammeln – kann sich nur verneigen
129
Und tritt zurück. Und schmerzlich schrie auf die holde Maid,
130
Undeutlich, wie ein Kind furchtsam im Schlafe schreit.
131
Erschrocken blickt' er auf – doch sie war nicht mehr da,
132
Verwirrt ging er hinaus, wußt' nicht wie ihm geschah:
133
Sollt' er sich freu'n darob, was da sich zugetragen?
134
Sich schämen? oder lachen? er konnt' es selbst nicht sagen.
135
Im Meierhof indeß hat man schon wahrgenommen,
136
Daß heut' ein neuer Gast im Hause angekommen.
137
Schon hatte man die Pferde in den Stall gebracht,
138
Und, wie sich ziemt, sie reichlich mit Hafer und Heu bedacht.
139
Der Richter leidet sie nicht, alle die neuen Manieren,
140
Daß man beim Juden läßt die Pferde einquartieren.
141
Kein Diener kommt ihm entgegen; doch meine darum nicht,
142
Daß man in Richters Hause versäume Dienstespflicht.
143
Sie warten bis der Wojski im Staat erscheinen kann,
144
Der ordnet hinter dem Hause eben das Nachtmahl an:
145
Ein Hausfreund ist's, dem Richter auch entfernt verwandt,
146
Der in der Regel die Gäste, wenn nicht der Herr zur Hand,
147
Empfängt und unterhält. Sobald der Fremde erschien,
148
Sucht' er in aller Stille in's Vorwerk zu entflieh'n;
149
Da er im Pudermantel nicht gut empfangen kann,
150
Legt er nun möglichst rasch die Sonntagskleider an;
151
Die lagen seit früh bereit – denn da schon hatt' er vernommen,
152
Daß heute viele Gäste zur Abendmahlzeit kommen.
160
»gut, mein Thaddäus,« sagt' er – (so war der Jüngling genannt;
161
Als er zur Welt gekommen, war der Krieg im Land,
162
Da hatte man ihm den Namen von Kosciuszko gegeben);
163
»gut, mein Thaddäus, daß du heim kommst
164
Da wir so viele Mädchen bei uns im Hause sehen;
165
Wir dürften ja in Kurzem hier deine Hochzeit begehen:
166
So meint der Onkel. – An Auswahl fehlt es g'rade nicht;
167
Viel Leute sind jetzt bei uns versammelt zum Grenzgericht,
168
Den Handel mit dem Grafen, der sich schon schleppt seit Jahren,
169
Zu endigen. Er selbst kommt morgen hergefahren.
171
Die Jugend ist im Wald und jagt dort im Revier –
172
Die Alten und die Damen sehen sich nahe beim Wald
173
Die Ernte an. Dahin kommt auch die Jugend bald.
174
Willst du, so geh'n wir hin, da wirst du sie gleich erschauen:
175
Den Onkel, die Kämm'rerschaft und die geehrten Frauen.«
176
Nun haben sie den Weg zum Walde eingeschlagen
177
Und thun sich nimmer genug mit Sagen und mit Fragen –
178
Die Sonne sank. Sie strahlte wol in schwächerem Glanz,
179
Doch breiter, als bei Tage – und geröthet ganz,
180
Gleich wie des Ackermanns gesundes Antlitz glüht,
181
Wenn er den langen Tag sich auf dem Feld gemüht
182
Und nun zur Ruhe geht. Schon auf des Waldes Wipfel
183
Senkt sich die Scheibe nieder, und Gezweig und Gipfel
184
Erfüllt ein neblicht Dunkel, das in Eines schließt
185
Den ganzen weiten Wald und wie zusammengießt.
186
Und schwarz und schwärzer wird er, ein riesengroß Gemach,
187
Roth über ihm die Sonne, wie Feuer auf dem Dach.
188
Wie eine Kerze durch des Fensterladens Spalt, –
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Und es verlischt. Und die Rechen, die die Mägde schwangen,
190
Die Sicheln, die im Getreide vereint zusammenklangen,
191
Erschweigen und ruh'n. Denn also ist des Richters Wille:
192
Sobald der Tag beschlossen, halte der Landmann stille;
193
Der Herr der Welten maß die Zeit der Arbeit zu:
194
Wenn seine Dienerin, die Sonne, geht zur Ruh',
195
Ist's Zeit auch, daß der Bauer ruht und sich behagt;
196
So pflegt der Richter zu sagen, und was der Richter sagt,
197
Der bied're Ökonom sieht es als heilig an.
198
Die Wagen auch, in die man Schober zu legen begann,
199
Heimfahren sie ungefüllt; die Thiere geh'n zur Rast,
200
Mit Freuden fühlend die leichte, ungewohnte Last.
201
Eben kommt die Gesellschaft vom Walde, – lachend und heiter,
202
Doch wohlgeordnet. Voran die Kinder mit ihrem Begleiter,
203
Drauf mit der Kämm'rersfrau der Richter, und daneben
204
Der Kämmerer selber, fröhlich von den Seinen umgeben.
205
Gleich d'rauf die jungen Damen, die jungen Herrn zur Seite,
206
Die Damen den Herrn voran, um halben Schrittes Weite:
207
So will's die Sitte. Niemand wies da zur Ordnung an,
208
Niemand stellte in Reih und Glied – nein, Jedermann
209
Befolgte unwillkürlich Ordnung und rechte Art.
210
Denn beim Richter, da wurden die alten Sitten gewahrt,
211
Und niemals hat er Verstöße gegen die Achtung geduldet,
212
Die man dem Alter, dem Geist, dem Stand, der Würde schuldet.
213
Denn rechte Sitte, sagt er, erhält Geschlecht und Reich.
214
Und wenn sie sinkt, so sinken Geschlecht und Reich zugleich.
215
So hatten sich Haus und Gesinde der Ordnung angepaßt;
216
Und kam zu Besuch ein Verwandter oder ein fremder Gast:
217
Wenn er nur kurze Zeit in Haus sich aufgehalten,
218
Zollt' er den Sitten Gehorsam, die beim Richter galten.
238
Im Vorhaus, Licht in den Händen, standen um diese Zeit
239
Protasius, der Gerichtsfrohn,
240
Protasius nämlich hatte heimlich aus dem Saal
241
Den Tisch fortschaffen lassen sammt dem Abendmahl
242
Und anzurichten befohlen, so rasch sich's machen läßt,
243
Im Schloß, unweit des Walds: ein altes Trümmernest.
244
Was sollte dies? Der Wojski macht ärgerliche Gesichter,
245
Zankt, – entschuldigt sich dann bei dem erstaunten Richter;
246
Was hilft's? es ist schon spät: der Richter muß die Gäste
247
Um Nachsicht bitten und führt sie in die verfallene Veste.
248
Im Geh'n erklärt ihm Protas des Breiten und des Langen,
249
Warum er sich die Befehle zu ändern unterfangen:
250
Es ist im Hause kein genügend großer Saal
251
Für Gäste von solchem Range und von solcher Zahl;
252
Im Schloß giebt's eine Halle, recht groß und wohlerhalten,
253
Die Wölbung ganz – es ist zwar eine Wand gespalten,
254
Die Fenster ohne Scheiben, doch ist's ja Sommerzeit,
255
So spricht er und blinzelt ihm zu – und seine Miene zeigt,
256
Er hat noch andre Gründe, die er klug verschweigt.
257
Zweitausend Schritt vom Hause sah man das Schloß nun ragen:
258
Ein stolzer, mächt'ger Bau. Hier hauste in frühern Tagen
259
Das alte Geschlecht der Horeszko; der Schloßherr war gefallen
260
Zur Zeit der innern Wirren; und von den Gütern allen
261
War Nichts geblieben; schlecht verwaltet und gepflegt,
262
Theils durch Processe zerrieben, theils mit Beschlag belegt,
263
Ward endlich, was nicht Verwandte von Mutterseite bekommen,
264
Von Gläubigern getheilt. Das Schloß hat Niemand genommen;
265
Denn es zu erhalten, fiel bei mäßigen Mitteln nicht leicht.
266
Als aber der Graf die Jahre der Mündigkeit erreicht –
267
Ein naher Nachbar, entfernt mit den Horeszko verwandt, –
268
Kam er, ein reicher Junker, heim aus fremdem Land,
269
Und ihm gefiel das Nest. Warum es ihm gefiel?
270
Wer sagt es? Er erklärte, es wär' in gothischem Stil –
271
Und standen doch dem Richter die Akten zu Gebote,
272
Daß der Erbauer aus Wilna gewesen, und kein Gothe.
273
Genug, den Grafen gelüstet's nach dem Schloß – und just
274
Befällt, Gott weiß warum, den Richter dieselbe Lust.
275
Nun stritt man im Grundgericht, im Obergericht, im Senat,
276
Und wieder im Grundgericht und dann im Regierungsrath;
277
Endlich, nachdem man viel Geld und viel Papier verthan,
278
Langt nun die Sache wieder beim Grenzgerichte an.
279
Protasius hatte Recht; es faßte bequem die Halle
280
Die Leute vom Gericht und auch die Gäste alle, –
281
Groß wie ein Refectorium: die Wölbung hochgestreckt,
282
Auf Pfeilern ruhend, der Estrich ganz mit Stein gedeckt.
283
Schmucklose, nackte Wände, doch war die Mauer rein –
284
Rings eine große Menge von Reh- und Hirschgeweih'n
285
Mit Aufschriften, wann und wo die Beute ward erlegt,
286
Der Jäger Wappenbilder überall eingeprägt,
287
Und Jeder mit Namen genannt; und über alle erhoben,
288
Prangt der Horeszko Halbbock an der Wölbung droben.
289
Ringsum im Kreise auf; der Kämm'rer obenan.
290
Seinem Alter und Amt ertheilt man die Ehre gern;
291
Im Gehen grüßt er die Damen, die ältern und jüngern Herrn.
292
Daneben der Almosenier, bei dem der Richter steht;
293
Der Priester spricht ein kurzes lateinisches Gebet;
294
Man giebt den Männern Branntwein; dann setzen sich Alle in Ruh'
295
Und sprechen der Lithauersuppe schweigend und tapfer zu.
296
Thaddäus gehört wohl zur Jugend, doch sitzt er nach Gastesrecht
297
Heut' oben, nah' dem Hausherrn, beim weiblichen Geschlecht.
298
Zwischen dem Onkel und ihm ist aber ein Sitz noch leer,
299
Als sollt' noch Jemand kommen. Oft sieht der Onkel her
300
Und wendet sich dann wieder zur Thür, erwartungsvoll, –
301
Als wollt' er und wüßte sicher, daß Jemand erscheinen soll.
302
Zur Thür begleitet Thaddäus seinen suchenden Blick
303
Und kehrt mit ihm dann wieder zum leeren Sitz zurück.
304
Seltsam, da sitzt ja rings ein ganzer Mädchenreigen, –
305
Er dürft' sich vor den Augen eines Prinzen zeigen, –
306
Lauter Edelgeborene, Junge, Schöne, Feine:
307
Wo aber Thaddäus hinschaut, da sitzt ja g'rade keine!
308
Die Jugend liebt die Räthsel, und räthselhaft ist der Ort.
309
Zerstreut spricht er nur hin und wieder kaum ein Wort
310
Zur holden Nachbarin, zu Kämmerer's Töchterlein,
311
Er wechselt ihr nicht die Teller, gießt nichts in's Glas ihr ein,
312
Denkt nicht daran, den Damen artige Reden zu bieten,
313
Die da an ihm der Hauptstadt feine Erziehung verriethen, –
314
Zu jenem leeren Platz lockt es ihn einzig hin:
315
Nun nicht mehr leer, – es füllen seine Gedanken ihn, –
316
Vermuthungen, unzählige, läßt er darüber laufen,
317
Wie nach dem Regen im Feld der muntern Fröschlein Haufen;
318
Doch königlich ob Allem ein trautes Bildniß schwebt,
319
Der Wasserlilie gleich, die aus der Fluth sich hebt.
320
Man war beim dritten Gang. Da goß ein Tröpfchen Wein
321
Der Kämm'rer in das Gläschen des Fräuleins Rosa ein,
322
Und schob der jüngern Tochter den Gurkenteller hin
323
Muß ich euch heut' bedenken.« – Da stürzen rasch zu ihnen
324
Ein paar der jungen Herrn, die Damen zu bedienen.
325
Der Richter warf auf Thaddäus einen Seitenblick,
326
Schob sich die Ärmel des Kontusz erst ein wenig zurück,
327
Goß dann Tokaier ein und sprach: »Wir schicken heute
328
Zur Schule in die Hauptstadt unsre jungen Leute,
329
So will's die neue Mode. Und wir räumen ein:
330
Sie mögen an Bücherweisheit uns überlegen sein.
331
Doch täglich muß ich die Jugend daran kranken seh'n,
332
Daß keine Schule lehrt mit Menschen umzugeh'n.
333
Vor Zeiten pflegte der Junker an einen Hof zu fahren,
334
Ich selber diente einen Zeitraum von zehn Jahren,
335
Beim Wojewoden, unsres verehrten Kämm'rers Vater;
336
(hier drückt' er den Kämm'rer am Knie), der war mein treuer Berather,
337
Als ich den Staatsdienst lernte – und hielt mich lang' in Acht,
338
Und hat dann endlich aus Einem einen Menschen gemacht.
339
Sein Name bleibt uns theuer, so lang' mein Haus besteht,
340
Und seiner Seele gedenk' ich täglich im Gebet.
341
Und hat mir's weniger Nutzen als Anderen gewährt,
342
Bin ich vom Hofe wieder zum Acker zurückgekehrt.
343
Indeß die Andern, die wohl würdiger erschienen,
344
Hernach in höchsten Ämtern dem Staate durften dienen:
345
Hab' ich doch so viel gewonnen, daß Jeder muß gesteh'n:
346
Bei mir ist nie was wider die Artigkeit gescheh'n,
347
Noch gegen das rechte Benehmen. Und ein Benehmen, ein feines, –
348
Das sag' ich kühn, ist weder was Leichtes noch Kleines.
349
Nichts Leichtes – denn mit dem Kratzfuß ist es nicht gethan,
350
Anlächeln, den Ersten Besten, das lernt ein Jeder an,
351
Das ist die Artigkeit des Krämers, das ist modern,
352
Doch nicht altpolnisch, nicht die Art der edlen Herrn.
353
Artigkeit schuldet man Jedem, doch Jedem auf andre Art,
354
Denn Kindesliebe muß auch sein mit Artigkeit gepaart,
355
Auch das Verhalten des Mannes zum Weibe – vor der Welt, –
356
Des Herrn zur Dienerschaft: und nirgends ist's gleich bestellt.
357
Da muß man lange lernen, um wirklich nie zu fehlen
358
Und Jedem die schuldige Achtung richtig zuzuwäh len. –
359
Die polnische Zeitgeschichte – die Schlachta redete gern
360
Von Allem, was im engeren Bezirk geschehen;
361
So gab man denn dem Bruder Schlachcic zu verstehen,
362
Daß Alles ihn kennt, ihn nicht zu übersehen vermag;
363
Drum ließ sich auch der Schlachcic nicht gehen. – Heutzutag,
364
Heut' frägt man Keinen: wer bist du? welcher Eltern Sohn?
365
Mit wem hast du gelebt? Und wie? Nein, nichts davon –
366
Ist Einer nur kein Bettler oder gar ein Spion,
367
So wird in jedem Haus gleich kühnlich vorgesprochen.
368
Wie jener Vespasian, der nie zum Geld gerochen,
369
Und nie nach seinem Ursprung und Wege mochte fragen:
370
So scheert man heut' sich nicht um Abkunft und Betragen;
371
Hat Einer Gewicht und Stempel, so gilt er in der Welt:
372
So schätzt man denn die Freunde, wie die Juden das Geld.«
373
So sprach der Richter und prüfend blickt er umher im Kreis.
374
Denn ob er geläufig redet und mit Verstand: er weiß,
375
Daß ungeduldig die Jugend sei in unsren Tagen,
376
Und langes Erörtern sie langweilt, wie gut auch vorgetragen.
377
Allein in tiefem Schweigen sitzen und horchen Alle.
378
Nun blickt er auf den Kämm'rer, wie das wohl
379
Der hat zwar nie mit Worten des Lobes unterbrochen,
380
Doch öfter Beifall genickt, indeß der Richter gesprochen.
381
Der Redner schweigt. Der Kämm'rer nickt noch immerfort;
382
So füllt er denn Beider Becher und nimmt auf's Neu' das Wort:
383
»die Artigkeit ist auch von nicht geringem Werth:
384
Hat Einer Andre schätzen gelernt, wie sich gehört,
385
Nach Alter und Geburt, nach Tugend und Gebahren,
387
Wie wir auch bei der Wage, um unser Gewicht zu wissen,
388
Ein Gegengewicht an's andre Ende setzen müssen.
389
Werth aber ist, ihr Herren, besonderer Beachtung,
390
Wie Jünglinge den Damen erweisen schuld'ge Achtung.
391
Zumal wenn Glückesgüter und hoher Stand noch heben
392
Die Tugenden und Reize, die Natur gegeben.
393
Da finden sich die Herzen, – da sah man sich gestalten
394
Und drum« – hier wandt' er rasch den Kopf zur Seite hin,
395
Winkt' zu Thaddäus hinüber und blickte streng' auf ihn –
396
Man sah, jetzt werd' er gleich die Nutzanwendung zieh'n.
397
Da schlug der Kämm'rer klimpernd auf die goldne Dose
398
Und sprach: »Es mag schon sein, jetzt geht es etwas lose, –
399
Doch einst, mein lieber Richter, war's schlechter noch als heut!
400
Hat nun die neue Mode uns Alte auch erneut,
401
Oder ist's wirklich besser, genug, so scheint es mir. –
402
Ach, ich gedenke der Tage, da die Franzosenmanier
403
Zum ersten Mal in's Land kam. Herrchen strömten in Schaaren
404
Aus fremden Ländern herüber, ärger als Tataren,
405
Die Gott und Glauben verfolgten und was uns die Väter vermacht,
406
Gesetz und Recht und Sitten und selbst die alte Tracht!
407
Milchbärte, vergilbt und näselnd, oft auch nasenlos, –
408
Es war ein Jammer zu sehen, – die kamen und thaten groß,
409
Hatten Brochuren in Händen und allerlei Zeitungsblätter,
410
Verkündeten neue Moden, neue Gesetze und Götter;
411
Die Rotte nahm die Geister gefangen in kurzer Zeit;
412
Denn wenn der Herr einmal ein Volk der Strafe geweiht,
413
Dann pflegt er zuerst die Köpfe der Bürger zu verkehren.
414
So wagten denn die Vernünft'gen den Stutzern nicht zu wehren;
415
Es fürchtete sich vor ihnen das Volk, wie vor der Pest,
416
Saß ja der Keim der Krankheit schon in den Herzen fest.
417
Man schrie wol über die Gecken, doch that man, wie sie thaten, –
418
Gesetz und Glauben und Sprache – Alles wurde verrathen!
419
Es war ein Faschingspossen, voll Tollheit und voll Schmach,
420
Dem bald das große Fasten, die Knechtschaft, folgte nach!
421
Wie ich aus meiner Kindheit mich zu erinnern weiß,
422
Da kam zu meinem Vater in den Oszmianer Kreis
424
Der Erste, der in Lithau'n französische Kleider getragen.
425
Als wär's ein Wunderthier, so lief man hinter ihm her;
426
Beneidet wurde das Haus, das da genoß die Ehr',
427
Das Wägelein mit den zwei Rädlein zu seh'n vor seiner Schwelle,
428
Sah man im Wagenkasten zwei Hündchen auf dem Lager,
429
Auf dem Bock ein deutscher Kerl, als wie ein Brett, so mager,
430
Mit langen, dürren Beinen, wie die Hopfenstangen
431
Mit Strümpfen daran, die Schuhe geziert mit silbernen Spangen.
432
Der Zopf an der Perrücke von einem Beutel gehalten –
433
Wie sie das seh'n: vor Lachen bersten fast die Alten;
434
Die Bauersleute aber bekreuzen sich und sagen:
435
Der venetianische Teufel fahre im deutschen Wagen.
436
Lang' aber wär's, zu geben des Herrchens Konterfei:
437
Uns kam er vor, wie ein Affe oder ein Papagei,
438
In seiner großen Perrücke, die der närrische Tropf
439
Dem goldnen Vließ verglich, – wir einem Weichselzopf.
440
Wenn damals auch Mancher fühlte, daß unsre polnische Tracht
441
Viel schöner sei, als das Fremde, das wir nachgemacht,
442
So schwieg er. Sonst hätte ›Verrath!‹ geschrie'n die grüne Schaar,
443
›verrath an der Cultur! Der Fortschritt in Gefahr!‹ –
444
Also beherrschte die Narrheit die Köpfe ganz und gar.
445
Der Ankömmling versprach, er wolle uns reformiren,
446
Uns konstituiren und civilisiren –
447
Erklärt' uns, daß welche Redner im Franzosenreich
448
Die neue Erfindung gemacht: die Menschen wären gleich.
449
Wiewohl doch diesen Punkt die Bibel längst erledigt,
450
Und jeder Geistliche das von der Kanzel predigt.
451
Der Satz war alt; es galt nur, daß man ihn erfüllt!
452
Doch damals hat alle Köpfe solche Blindheit umhüllt,
453
Daß selbst die älteste Sache keinen Glauben fand,
454
Wenn's in französischen Blättern nicht zu lesen stand.
455
Daß sich der Herr Podczaszyc Marquis benennen ließ,
456
Verschlug nicht gegen die Gleichheit. Die Titel sind aus Paris –
457
Und damals waren sie dort modern, die ›Herrn Marquis.‹
458
Als aber später die Mode in andre Geleise trat,
459
Da führte derselbe Marquis den Titel Demokrat;
460
Zuletzt, bei der neuen Mode, unter Napoleon,
461
Kam unser Demokrat zurück aus Paris: als Baron;
462
Vielleicht, im Lauf der Zeit, hätt' sich bei läng'rem Leben
463
Paris lebt ja am liebsten nach immer neuem Schnitt,
464
Und was der Franzmann aufbringt, das macht der Pole mit.
465
Gottlob, daß wenn die Jugend jetzt in's Ausland zieht,
466
Es nicht mehr so, wie früher, der Kleider wegen geschieht, –
467
Nicht um in gedrucktem Kram nach neuen Gesetzen zu spüren,
468
Oder Beredtsamkeit im Café zu studiren.
469
Denn der Napoleon, ein energischer Mann und gescheidt,
470
Der läßt für Plaudereien und Moden keine Zeit;
471
Jetzt dröhnen die Waffen; da schwillt uns alten Leuten das Herz,
472
Daß wieder man von den Polen hört reden allerwärts.
473
Der Ruhm ist da – so ist auch die Republik nicht fern!
474
Der Baum der Freiheit sprießt ja aus dem Lorbeer gern; –
475
Nur traurig, daß sich uns so ohne Thätigkeit
476
Die Jahre schleppen! Und Jene so ferne allezeit, –
477
So lange warten! Und selten kommt eine Nachricht sogar!
478
Hört,« – sprach er leise zum Mönch, – »hört, Pater Robak, ist's wahr,
479
Daß ihr von jenseits des Niemen Briefe habt bekommen?
480
Habt ihr nicht etwas auch von unsrem Heer vernommen?«
481
»gar nichts,« warf kühlen Tons der Bernhardiner hin,
482
Das ganze Gespräch war sichtlich nicht nach seinem Sinn –
483
»was scheert's mich auch? Mich langweilt das politische Treiben;
484
Hab' ich auch was aus Warschau, so betrifft das Schreiben
485
Nur Ordenssachen. Wer fängt davon beim Nachtmahl an?
486
Hier giebt es Laien, für die das nicht gehören kann.«
487
So sprach der Mönch und schielte zur Seite bei dem Wort.
488
Ein Russe, der Hauptmann Rykow, saß unter den Gästen dort,
489
Ein alter Kriegsmann, im nahen Dörfchen einquartiert,
490
Aus Höflichkeit geladen. Der hatte nur wenig gespürt
491
Von allen den Reden; in's Essen war er versunken tief.
492
Doch nun er von Warschau hörte, erhob er den Kopf und rief:
493
»herr Kämmerer! O, ihr! Ihr wollt nur allerhand
494
Von Bonaparte! von Warschau! Ja, das Vaterland!
495
Ich bin kein Spion – kann polnisch kann Das wohl versteh'n,
496
Ja, Vaterland! ja wohl! kann mir zu Herzen geh'n!
497
Jetzt ist ja Waffenstillstand, drum brüderlich essen, saufen!
498
Thun oft so mit dem Franzmann auf den Posten schwatzen,
499
Schnaps trinken, – dann heißt's: Hurrah! und die Kartätschen platzen.
500
Ein russisches Sprichwort: Geliebt, geklopft! – wie mit den Frauen:
501
Gestreichelt, wie mit der Plätte, wie einen Pelz gehauen!
502
Ich sag': 'S wird Krieg! – Vorgestern kam die Ordre herab,
503
Es brachte sie dem Major der Adjutant vom Stab:
504
Marschfertig stehen! Gilt's nun dem Türken oder Franzen; –
505
He! dieser Bonaparte! der könnt' uns kuranzen!
506
Ohne Suwarow nähm's vielleicht ein böses End'; –
507
Wie's mit dem Franzmann losging, da hieß es im Regiment:
509
Denn Suwarow hext auch. Einst, in der Schlacht, verschwand er:
510
Wohin? Sucht Bonaparten; nun aber ging's euch bunt,
511
Der Franzmann wird zum Fuchs – und Suwarow zum Hund,
512
Drauf Bonaparte zum Kater und kratzt' euch mit den Krallen –
513
Und Suwarow zum Fohlen. – Was weiter vorgefallen,
514
Mit unsern Hexenmeistern – nun, da gebt nur Acht –«
515
Hier schwieg er und aß. Es wurde der vierte Gang gebracht,
516
Als plötzlich die Seitenthüre rasch ward aufgemacht.
517
Eintrat ein weiblich Wesen, jung und wohlgestaltet;
518
Ihr plötzlich Kommen, ihr Reiz, der Putz, den sie entfaltet,
519
Lenkt Aller Blick auf sie; man heißt sie froh willkommen,
520
Offenbar kennen sie Alle, Thaddäus ausgenommen; –
521
Von schwerem rosafarbnem Seidengewand umflossen
522
Der schlanke Leib, der Hals von Spitzen rund umschlossen;
523
Die Krause ausgeschnitten an der holden Brust,
524
Die Ärmel kurz, – den Fächer hält sie nur zur Lust,
525
Es ist ja gar nicht heiß – der Fächer, mit Gold belegt,
526
Sprüht Funken rings umher, wie sie ihn spielend bewegt.
527
Der Kopf, wie ein Haubenstock: das Haar in Locken gebunden,
528
Von rosafarbnen Bändern überall durchwunden –
529
Inmitten, dem Aug' zur Folie, glänzt ein Edelstein,
530
Wie im Kometenschweife eines Sternes Schein.
531
Kurz, eine Galatracht; und Manche flüstern still,
532
Das Kleid ist kurz, und doch entdeckt man die Füßchen schwer –
533
Wie sie so schnell dahinläuft oder sich schiebt vielmehr,
534
Gleich den Persönchen, die man am Dreikönigsfest
535
Im Krippenspiel von versteckten Knaben schieben läßt.
536
Mit leichtem Neigen grüßt sie im Laufen der Gäste Schaar,
537
Und will zum Sitz gelangen, der ihr bereitet war.
538
Das war nicht leicht. Es mochte an Stühlen Mangel sein,
539
So saßen auf vier Bänken die Gäste in vier Reih'n;
540
Man mußte sie stören, wollt' man über die Bank nicht springen;
541
Sie aber weiß behende zwischen die Bänke zu dringen,
542
Und dreht sich dann zwischen den Sitzenden und dem Tische fort,
543
Wie eine Billardkugel, bis zu ihrem Ort.
544
Und unsern Jüngling berührt sie ganz nah' im Weiterschieben, –
545
Sie war mit einer Falbel an Jemand hängen geblieben,
546
Und gleitet ein wenig – und ehe sie sich fassen kann,
547
Hält sie sich fest am Arm des Herrn Thaddäus an.
548
Und nun, nachdem sie sich bei ihm entschuldigt fein,
549
Nimmt zwischen ihm und dem Richter sie ihre Stelle ein –
550
Doch ißt sie gar nichts – fächelt sich nur ohne Ruh',
551
Dreht an dem Heft des Fächers, – legt sich ab und zu
552
Den Spitzenkragen zurecht und streift mit leichter Hand
553
Bald über eine Locke, bald über ein Rosenband.
554
So war wohl vier Minuten das Reden unterbrochen.
555
Indeß wird unten am Tisch, erst flüsternd nur gesprochen,
556
Dann zwischen den Männern halblaut ein Gespräch geführt:
557
Es ist das heutige Jagen, das man discutirt:
559
Um einen gestutzten Hund, ein Windspiel, Mutz genannt;
560
Das der Notar mit Stolz sein theures Eigen heißt,
561
Und das auch den Hasen gefangen, wie er jetzt beweist.
562
Worauf der Assessor zeigt, dem Herrn Notar zum Trutz,
563
Dies Lob gebühre dem Falk und keineswegs dem Mutz.
564
Die Anderen alle befragt, was ihre Meinung sei,
565
Ergriffen theils für Mutzen, theils für Falken Partei,
566
Als Augenzeuge der, und der nach Kennersinn. –
567
Halblaut der Richter: »Vergieb, es war nicht zu verschieben;
568
Die Gäste hatten sich lang im Freien herumgetrieben –
569
Und Alle bekamen Hunger nach dem vielen Geh'n;
570
Auch dacht' ich nicht, dich heute bei uns zu Tisch zu seh'n.«
571
Drauf wandt' er, die Becher füllend, zum Kämm'rer sich zurück,
572
Und leise besprachen beide die neuste Politik.
573
Wie rechts und links sich so beschäftigt Jedermann,
574
Blickt Herr Thaddäus näher die Unbekannte an.
575
Er denkt, wie er doch früher errathen hab' sofort,
576
Für wen bestimmt gewesen der leergelass'ne Ort.
577
Laut klopft sein Herz – erröthend glüht sein Wangenpaar:
578
Was er im Stillen vermuthet, so sah er's offenbar!
579
So war's bestimmt, daß sitzen sollt' bei ihm so traut
580
Die Schöne, die er heut' im Dämmerlicht erschaut!
581
Zwar die Gestalt – sie schien ihm schlanker jetzt zu sein:
582
Weil sie im Anzug war, und der macht groß und klein.
583
Dort hatt' er kurz das Haar und goldig-hell gefunden,
584
Hier ist es rabenschwarz, in lange Locken gewunden;
585
Gewiß, die Farbe kam wohl von den Sonnenstrahlen,
586
Die ja des Abends Alles röthlich golden malen.
587
Nicht hatt' er das Antlitz geseh'n, – sie war zu rasch entschwunden –
588
Doch war's ein schönes Bildniß, was sich sein Sinn erfunden;
589
Schwarzäugig, weiß an Wangen – so stellte sich's ihm dar –
590
Die Lippen, wie ein prangend Kirschenzwillingspaar,
591
Und Mund und Aug' und Wangen – hier war's, wie er gedacht.
592
Das Alter ist's, was noch am meisten denken macht:
593
Ein junges Mädchen glaubt' er im Garten zu gewahren,
594
Und diese Dame war ein Weib in reifern Jahren.
595
Doch Jugend frägt die Schönheit nach dem Taufschein nicht,
596
Jung ist dem jungen Manne jedes Frauengesicht,
597
Gleichaltrig dünkt dem Burschen, was nur in Schönheit blüht,
598
Und jedes Lieb jungfräulich dem schuldlosen Gemüth.
599
Thaddäus war wohl schon fast zwanzig Jahre alt,
600
Und Wilno, die große Stadt, seit Jahren sein Aufenthalt;
601
Gar streng erzogen worden in der Väter Art.
602
So bracht' er denn nach Hause der herben Zucht Gewinn:
603
Ein schuldlos-reines Herz und einen lebendigen Sinn;
604
Doch auch nicht wenig Neigung, über die Schnur zu hauen.
605
Im Voraus plant' er schon in fröhlichem Selbstvertrauen:
606
Die langentbehrte Freiheit nun zu genießen nach Lust;
607
Jung war er, flink und stattlich, und war sich auch dessen bewußt:
608
An Kraft und Frische war er seiner Eltern Kind –
609
Er hieß Soplica, – und alle die Soplica's sind
610
Bekanntlich gut bei Leibe und voll gesunder Kraft,
611
Zum Waffenhandwerk einzig, nicht so zur Wissenschaft.
612
Thaddäus war in Allem der Ahnen rechter Sproß.
613
Er war vortrefflich zu Fuß, auch recht geschickt zu Roß;
614
Nicht dumm, jedoch im Wissen nicht gar weit gedieh'n –
615
Wiewohl der Ohm nichts sparte, ihn würdig zu erzieh'n –
616
Er hantirte lieber mit Säbel und Schießgewehr:
617
Er wußte, daß man ihn bestimmt zum Militär,
618
Wie es sein seliger Vater im Testament gewollt –
619
Und seufzte nach der Trommel, wenn er studiren sollt'.
620
Doch plötzlich gefiel's dem Onkel, anders für ihn zu wählen,
621
Er hieß ihn nach Hause kommen, sich möglichst bald vermählen,
622
Und dann die Wirthschaft führen; versprach, ihm als erste Gabe
623
Ein kleines Gut zu geben, – dann seine ganze Habe.
624
All' diese Tugenden, die Herrn Thaddäus schmücken,
625
Bemerkt die Nachbarin, ein Weib von scharfen Blicken, –
626
Die hohe, schöne Gestalt betrachtet sie mit Lust,
627
Die kraftgeschwellten Arme, die männlich-breite Brust, –
628
Die Wangen auch, die immer erglüh'n in rothen Flammen,
629
So oft mit ihrem Blick der seine trifft zusammen;
630
Denn seine Blödigkeit war nun verschwunden ganz,
631
Kühn blickte jetzt sein Auge, voller Glut und Glanz –
632
Und sie gleich ihm – und wie die Kerzen am Altare,
633
So glühten gen einander zwei helle Augenpaare.
634
Er kam aus der Stadt, vom Studium – weshalb sie von Büchern begann,
635
Und was seine Meinung wäre von der und jener Erscheinung –
636
Und neue Fragen erzeugte jede gegebene Meinung.
637
Und wie sie nun gar anfängt von der Malerei,
638
Von Tanzkunst, von Musik, ja von der Bildhauerei –
639
Zeigt sie in Farben und Noten und Bücher sich eingeweiht,
640
Daß fast Thaddäus versteinert vor so viel Gelehrsamkeit!
641
Er fürchtet, Schand' und Spott zum Schluß davonzutragen,
642
Und stottert, wie ein Schulbub vor des Lehrers Fragen.
643
Zum Glück ist der Lehrer hübsch und hält kein streng Gericht.
644
Die holde Nachbarin erräth, woran's gebricht,
645
Und bringt die Sprache auf leicht're und minder weise Dinge:
646
Auf's Landleben, – wie viel Langweil' und Müh'n es mit sich bringe,
647
Wie man die Zeit muß nützen, wie sich unterhalten,
648
Das Leben fröhlicher und schöner zu gestalten.
649
Thaddäus erwidert kühner, nun geht es glatt vom Munde:
650
Man war auf vertrautem Fuß nach einer halben Stunde,
651
Beginnt selbst kleine Späße, neckt und zankt und droht;
652
Zum Schluß stellt sie vor ihn drei Kügelchen aus Brod,
653
Als drei Personen zur Wahl: er wählt die Nächste aus;
654
Die beiden Kämm'rerstöchter zieh'n die Stirne kraus,
655
Die Nachbarin lacht auf, aber sie verschweigt,
656
Wen jene glücklichere Kugel angezeigt.
657
Ganz anders unterhielt man sich auf der andern Seite:
658
Denn Falk's Partei hat plötzlich sich aufgerafft zum Streite,
659
Und über Mutzens Freunde ging's unbarmherzig her.
660
Groß war der Kampf, – man aß die letzten Speisen nicht mehr,
661
Man stritt nur, stehend und trinkend; am schrecklichsten aber war,
662
Gleich wie ein Birkhahn zu schauen, der hitzige Notar.
663
Wenn er einmal begonnen, so sprach er in Einem fort,
664
Eindringlich mit Geberden malend jedes Wort.
665
Der Herr Notar Bolesta war früher Advokat,
666
Man nennt ihn Prediger, weil er so rege Gesten hat.
667
Die Hände an der Seite, nach hinten die Ellenbogen,
668
Die Finger mit den langen Nägeln vorgezogen,
669
Nun schließt er: »Hussah! Wir lassen in Einem Augenblick
670
Ich und der Assessor, auf Einmal, unsre Hunde los,
671
Als wie mit Einem Finger zwei Hähne am Doppelgeschoß –
672
Hussah! Sie liefen – der Hase, ripps! in's Feld, – sie nach –«
673
Hier fuhr er über den Tisch und stellte, während er sprach,
674
Den Lauf mit den Fingern dar, mit wunderbarem Geschick;
675
»sie nach – und waren vom Wald schon weg ein gutes Stück.
676
Falk ripps! voran – ein Hitzkopf, obzwar ein flinker Springer,
677
Er rannte Mutzen vor – um
678
Ich wußt' es: er blamirt sich! – Der Graue, pfiffig und fein,
679
Schießt scheinbar g'rad in's Feld, – die Hunde hinterdrein –
680
Ein Schlaukopf! Wie er die Meute beisammen weiß, – bums! ging's
681
Nach rechts – ein Purzelbaum – sie nach – er wieder links:
682
Flink in zwei Sätzen, – er macht sich die Dummheit der Hunde zu Nutz –
683
Sie flugs nach links ihm nach: er in den Wald, und mein Mutz:
684
Rapps!« – Also schreiend war er, über den Tisch gebogen,
685
Bis auf die andre Seite mit seinen Fingern geflogen –
686
Und »Rapps!« so schrie er mächtig Thaddäus dicht in's Ohr –
687
Thaddäus und seine Dame schrecken jäh empor,
688
Aus traulichem Gespräch. Es fliehen wider Willen
689
Die Stirnen von einander vor dem lauten Brüllen:
690
Gleich zwei verbund'nen Wipfeln, die der Wirbelwind
691
Mit jähem Stoße scheidet. Es trennen sich auch geschwind
692
Die Hände, die unter'm Tisch nah' bei einander lagen –
693
Und Eine Röthe sieht man aus zwei Gesichtern schlagen.
694
Thaddäus wollt' verbergen, wie zerstreut er war,
695
Und meinte: »Ja, ohne Zweifel, ja, mein lieber Notar,
696
Schön ist der Mutz, ist er nur auch ein tüchtiger Packer –«
697
»ein Packer«? schrie der Notar, »mein Lieblingshund, so wacker,
698
Der wär' vielleicht kein Packer?« Thaddäus freut sich nun sehr,
699
Daß ein so schöner Hund ganz ohne Tadel wär',
700
Bedauert, ihn nur beim Gang vom Wald geseh'n zu haben,
701
Und ihn nicht näher zu kennen nach allen seinen Gaben.
702
Mit Basiliskenblicken durchbohrt er den jungen Sprecher –
703
Er war nicht so beweglich, konnt auch nicht so schrei'n,
704
Wie der Notar, er war viel schmächtiger und klein,
705
Doch Kreistag, Ball und Redoute kannten seine Schrecken:
706
Der Mann hat einen Stachel in der Zunge stecken,
707
Hieß es von ihm; so witzig wußte er zu spaßen,
708
Man hätt' es im Kalender können drucken lassen –
709
Und immer scharf und bissig. – Früher ziemlich reich,
710
Verputzt' er sein eigenes Erbtheil und das des Bruders zugleich,
711
Um in der großen Welt nur recht viel Pomp zu entfalten;
712
Drauf trat er in den Staatsdienst, um im Bezirk zu schalten.
713
Er jagt für's Leben gerne, theils der Kurzweil wegen,
714
Theils, weil ihm Horn und Treibjagd Erinn'rungen erregen
715
An seine jungen Jahre, da er noch sein genannt
716
Viel Jägersleute und Meuten, weit und breit bekannt.
717
Zwei Windspiele besaß er noch aus jenen Zeiten,
718
Und Einem von diesen wollt' man noch den Ruhm bestreiten!
719
So rückt er denn näher, streichelt langsam den Backenbart,
720
Und lächelnd beginnt er (es war ein Lächeln giftiger Art):
721
»ein Hund ohne Schwanz, das ist ein Schlachcic ohne Amt –
722
Der Schwanz macht ihn behender: woher auch das Sprichwort stammt,
723
Ihr scheint euch aber den Stutzschwanz als Vorzug vorzustellen?
724
Übrigens mag eure Tante hier das Urtheil fällen,
725
Ob auch Frau Telimene in der Hauptstadt geweilt
726
Und unser ländliches Leben erst seit Kurzem theilt,
727
Doch weiß sie im Jagen besser, als junge Jäger, Bescheid, –
728
Seht ihr: So kommt die Einsicht von selber mit der Zeit.«
729
Thaddäus, so angedonnert, er wußte kaum, warum, –
730
Erhebt sich ganz verwirrt, bleibt eine Weile stumm,
731
Mißt aber den Assessor mit immer wild'rem Blick:
732
Da niest der Kämmerer zweimal, es war ein großes Glück –
733
Helfgott! ruft Alles – er neigt sich dankend im ganzen Kreise
734
Und an die Dose klopft er mit den Fingern leise.
735
Die Dose war von Gold, mit Edelsteinen belegt,
736
Das Bild des Königs Stanislaus mitten eingeprägt;
737
In Ehren hielt sie nun der Sohn sein ganzes Leben.
738
Klopft er an diese Dose, so heißt das: er will sprechen.
739
Da schweigen Alle und Keiner wagt ihn zu unterbrechen. –
740
Er sprach: »Großmächtige Herrn und Brüder allzumal!
741
Nur Forst und Felder sind des Jägers Tribunal,
742
Weshalb ich in solchen Dingen zu Haus kein Urtheil künde,
743
Und unsere Sitzung für morgen anzuberaumen finde,
744
Und weitere Repliken den Streitenden untersage.
745
Frohnbote, für morgen, für's Feld, vertage du die Frage!
746
Der Graf mit seinem Jagdtroß trifft hier morgen ein,
747
Und ihr auch, Nachbar Richter, werdet mit uns sein,
748
Frau Telimene auch, die Fräulein und die Frauen –
749
Kurz, morgen kriegen wir ein wacker Jagen zu schauen –
750
Und unser Wojski auch wird sich uns nicht entzieh'n.«
751
Mit diesen Worten reicht er dem Greis die Dose hin.
752
Der saß an der Ecke mitten unter den Jägersleuten,
753
Geschlossenen Auges hört' er all' das Reden und Streiten,
754
Doch ohne ein Wort zu sprechen, wiewohl man ihn öfter fragt, –
755
Denn Keiner weiß, wie er, Bescheid in Sachen der Jagd.
756
Er schwieg; die Prise, die er zwischen die Finger schloß,
757
Wog er in langem Sinnen, bis er sie endlich genoß –
758
Er niest: daß es gewaltig hallt im ganzen Gemach;
759
Kopfschüttelnd und bitter lächelnd begann er drauf und sprach:
760
»o! Wie mich alten Mann das wundern muß und grämen!
761
Was sagten die alten Jäger, wenn sie das vernähmen,
762
Daß mitten in so vieler edler Herren Kranz
763
Processe verhandelt werden um eines Windspiels Schwanz?
764
Was sagte der alte Rejtan, käm' er zur Erde wieder?
765
Er gienge nach Lachowicze und legt' auf's neu' sich nieder.
766
Was dächt' sich der Wojewode Niesiolowski
767
Er, der jetzt in der Welt besitzt die erste Meute,
768
Und hält zweihundert Jäger, nach großer Herren Art,
769
Und hundert Wagen Netze in seinem Schloß bewahrt,
770
Und doch, wie ein Mönch, seit Jahren sitzt in seinem Nest,
771
Und sich um keinen Preis zur Jagd erbitten läßt,
772
Denn was auch soll der Alte auf euren Jagden jagen?
773
Das wär' ein schöner Ruhm, den solch ein Herr erstritte,
774
Wenn er, nach heut'ger Mode, auf Hasenfährten ritte!
775
Zu meinen Zeiten, ihr Herrn, da hießen wir Jägersleute
776
Wolf, Elenn, Bär und Eber edelmännische Beute,
777
Und was nicht Klauen, Hauer oder Hörner trug,
778
Ließ man für Bursch und Troßknecht mit gutem Recht und Fug.
779
Es hätte ja jeder Herr mit Grau'n sich weggewendet
780
Von einer Flinte, die jemals dünnes Schrot geschändet!
781
Windspiele hielt man wohl, denn bei der Heimkehr geschah's,
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Daß unter dem Roß hervorglitt so ein armer Has',
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Da mochte man zur Kurzweil auf ihn die Hunde hetzen,
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Und Bürschlein auf kleinen Rößlein pflegten ihm nachzusetzen,
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Vor ihrer Eltern Augen, die solche Lustbarkeiten
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Kaum würdigten anzuschauen, geschweige drüber zu streiten.
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Drum, gnädigster Herr Kämm'rer, mög's euch gefällig sein,
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Die Ordre zurückzunehmen, mir aber zu verzeih'n,
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Daß ich auf solch ein Jagen mich keineswegs begebe,
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Und nie begeben werde, so lange ich noch lebe.
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Hreczecha heiß' ich und seit Lech's, des Königs Zeiten,
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That niemals ein Hreczecha wider Hasen reiten.«
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Hier fingen die jungen Leute laut zu lachen an;
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Man stand vom Tische auf, der Kämmerer schritt voran,
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Seinem Alter und Amt ertheilt man die Ehre gern;
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Im Gehen grüßt er die Damen, die ältern und jüngern Herrn.
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Drauf folgt der Mönch, der Richter schließt sich dicht an ihn,
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Der Richter giebt an der Thür den Arm der Kämm'rerin,
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Thaddäus bietet ihn Frau Telimenen dar,
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Assessor und Krajczanka bilden das nächste Paar,
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Zum Schluß des Wojski Tochter mit dem Herrn Notar.
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Thaddäus führt einige Gäste zur Scheuer; – er ist verstimmt,
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Durchaus nicht guter Laune, verwirrt, sogar ergrimmt;
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Und alles, was heut' geschehen, zergliedert er im Sinn,
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Die erste Begegnung, die Mahlzeit neben der Nachbarin;
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Wie eine lästige Fliege, umsummt's ihn immerfort
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Gern möcht' er vom Gerichtsfrohn sich näher berichten lassen,
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Über Frau Telimene, – doch der war nicht zu fassen;
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Auch der Wojski war fort. Sie waren allesammt
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Den Gästen gleich gefolgt, wie's des Gesindes Amt,
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Die Stuben herzurichten. Die Damen und die Alten
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Sollten im Herrengebäude ihre Nachtruh' halten,
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Indessen, an Stelle des Hausherrn, Thaddäus die jungen Leute
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Zur Scheuer führt, aufs Heu; dort übernachten sie heute.
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Bald drauf lag tiefe Stille über das Haus gebreitet,
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Gleichwie in Klosterhallen, wenn man zur Hora geläutet.
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Des Wächters Stimme nur durchtönt die Ruh' der Nacht.
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Entschlummert sind schon Alle. Nur der Richter wacht;
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Als Oberhaupt des Hauses durchdenkt er nun den Zug
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In's Feld – und ordnet auch die ferneren Spiele klug;
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Aufseher, Verwalter, Vögte erhalten Befehle genau,
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Stallknechte, Schreiber und Jäger, und auch die Wirthschaftsfrau,
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Auch alle Rechnungen vom Tag sind durchzuseh'n.
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Nun sagt er dem Gerichtsfrohn, er wolle zu Bette geh'n.
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Der bindet ihm den Gurt ab – ein Slucker Gurt und gediegen
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Mit strahlenden dichten Quasten, die wie ein Helmbusch fliegen; –
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Die eine Seite aus Goldstoff, mit Purpurblumen geschmückt,
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Die andre aus schwarzer Seide, mit Streifen, in Silber gestickt;
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Man kann einen solchen Gurt auf beiden Seiten tragen,
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Die goldne an festlichen, die schwarze an Trauertagen.
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Der Frohn nur weiß es, wie man ihn lösen und falten muß –
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Jetzt ist er eben daran, und sagt noch dies zum Schluß:
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Schon schlief der Richter. Der Frohn geht sacht in's Vorhaus hinein,
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Setzt sich und zieht aus der Tasche bei einer Kerze Schein
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Ein Büchlein, das er immer und überall mit sich trägt,
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Zu Haus und auf der Reise, und wie ein Gebetbuch hegt.
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Es war die Gerichtsvocanda;
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Die Fälle all' verzeichnet, die vor dem Tribunal
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Protasius selbst verkündigt mit eignem Mund vor Jahren,
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Oder von denen er später Näheres mocht' erfahren.
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Andern scheint die Liste nur Namen zu enthalten,
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Ihm ist sie ein Gemälde voll herrlicher Gestalten.
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In Sinnen versunken, las er: Oginski mit Wizgird,
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Die Dominikaner mit Rymsza, Rymsza mit Wyzogird,
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Radziwill mit Wereszczaka, Giedroic mit Rdultowski,
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Obuchowicz mit dem Kahal, Juraha mit Piotrowski,
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Malewski mit Mickiewicz, und zum Schluß der Graf
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Mit Richter Soplica; – und jeder Name, auf den er traf,
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Mahnt ihn an große Händel, an alle Einzelheiten,
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Er sieht Gericht und Zeugen, hört die Parteien streiten,
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Er sieht sich selbst, wie er im weißen Zupan stand,
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Den blauen Kontusz darüber, am Säbel die eine Hand,
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Die andre auf dem Tisch – und vor dem Tribunal
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Beide Parteien aufrief, und »Ruhe!« laut befahl –
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So träumend und leise betend schloß sodann zur Ruh'
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Lithauens letzter Gerichtsfrohn sacht die Augen zu.
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Also war Spiel und Streit zu jener Zeit bestellt
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Im stillen Lithauerdorf, da rings die übrige Welt
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In Blut und Thränen schwamm; als jener Gott der Schlacht,
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Mit tausend Geschossen bewehrt, mit brausender Heeresmacht,
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Zum silbernen Adler den goldnen gespannt an den Siegeswagen,
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Vom lybischen Sand dahinflog bis wo die Alpen ragen –
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Blitz schleudernd um Blitz: so sahen die Pyramiden ihn,
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Marengo, Austerlitz, Ulm; Sieg und Erob'rung zieh'n
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Mit allen den Heldennamen, die durch die Welt er trug,
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Vom Nil gen Norden hin – bis an des Niemens Strand
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Gleich einer ehernen Mauer, ihn Moskau's Heerschaar bannt,
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Die da von Lithauens Grenzen abwehrt stark und fest
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Die Botschaft, die für Rußland schrecklich, wie die Pest.
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Und doch: wie ein Stein vom Himmel, kam Kunde dann und wann
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Nach Lithauen. Manchmal bettelt um Brod ein alter Mann,
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Ohne Fuß oder Hand – der, wenn ihm die Gabe gespendet,
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Steh'n bleibt, und scheu die Blicke nach allen Seiten wendet.
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Und sieht er, daß der Kreis von russischen Söldnern frei,
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Von Käppchen und rothen Kragen: dann sagt er, wer er sei:
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Er ist ein Legionist. Zur Heimat, die er nicht mehr
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Vertheidigen kann, bringt er die alten Knochen her.
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O wie ihn dann die Herrschaft, wie ihn das ganze Gesind'
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Heiß in die Arme schließt und laut zu schluchzen beginnt!
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Dann setzt er sich an den Tisch, und seltsame Geschichten,
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Erstaunlicher, als Märchen, weiß er zu berichten:
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Wie General Dombrowski
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Nach Polen vorzudringen, wie er fern im Süd
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Um sich die Brüder sammelt, auf dem lombardischen Feld, –
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Wie vom Kapitol Kniaziewicz befiehlt, der mächt'ge Held,
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Und hundert blutige Fahnen
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Hinwarf, entwunden alle den Söhnen der Cäsaren, –
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Wie Jablonowski gar dahin sich aufgemacht,
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Wo man den Zucker ausschmilzt,
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Die würzigen Wälder blüh'n – die Mohren schlägt er dort
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Mit der Donaulegion – und möcht' nach Polen fort.
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Die Reden des Alten kreisen dann im Dorf geheim,
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Der Bursch, der sie vernommen, ist plötzlich nicht daheim –
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Durch Wälder und Moräste stiehlt er sich unverzagt,
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Der Niemen rettet ihn, wenn ihn der Russe jagt,
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Bis er unter den Wellen an's Herzogthum Warschau geschwommen,
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Wo liebe Stimmen ihn grüßen: »Kamerad, sei willkommen!«
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Dann springt er auf einen Hügel vor dem Weitergehen,
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Und über den Niemen ruft er den Russen: »Auf Wiedersehen!«
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Piotrowski, Obolewski, Rozycki, Janowicz,
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Brochocki, die Mierzejewski's und die Bernatowicz,
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Kupsc, Gedymin und Andre – wer zählte alle die Schaaren,
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Sie ließen das Land und die Lieben, sie ließen Alles fahren, –
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Und ihre Güter nahm der lange Arm des Czaren.
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Zu Zeiten kam auch ein fremder Almosenier in's Land,
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Und wenn er mit den Schloßherrn näher ward bekannt,
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So trennt' er eine Zeitung aus dem Skapulier.
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Die Anzahl der Soldaten war verzeichnet hier,
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Die Legionenführer alle genannt – von allen
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Erzählt, wie sie gesiegt oder im Kampf gefallen.
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So mochte die Familie zum ersten Mal seit Jahren
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Vom Leben, Ruhm und Tod des theuren Sohns erfahren;
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Man legte Trauer an. Doch scheu verschwieg der Mund,
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Um wen; in der Umgebung errieth man nur den Grund.
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Der Herrschaft stille Freude oder stiller Gram,
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Das war die einzige Zeitung, die ihr zu Augen kam.
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Ein solcher geheimer Bote mocht' auch Robak sein:
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Mit dem Richter besprach er sich oftmals ganz allein;
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Nach einem solchen Gespräch war in der Nachbarschaft
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Stets etwas Neues verbreitet. Auch die Gestalt voll Kraft
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Zeigt, daß der Mönch nicht immer die Kapuze getragen,
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Und schwerlich sich von jeher im Kloster mocht' behagen.
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Ein wenig ober der Schläfe, über dem rechten Ohr,
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Tritt handbreit eine Lücke in der Haut hervor,
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Von einem Schuß oder Stich ist eine Spur zu seh'n
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Am Kinn, – das ist ihm sicher nicht bei der Messe gescheh'n.
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Doch nicht blos in den Narben und in des Blickes Droh'n:
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Er hatte was vom Kriegsmann in Gang und Stimme schon.
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Wenn er sich vom Altar mit aufgehob'nen Händen
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Beim »Dominus Vobiscum!« sollt' zum Volke wenden,
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Da konnt' er sich so flink umdreh'n mit einem Mal,
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Als wär' ihm commandirt: »Rechtsum!« vom General.
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Als redete ein Hauptmann vor der Escadron.
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Die Meßnerbuben bemerkten das mit klugem Blick. –
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Auch war er viel vertrauter mit der Politik,
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Als mit den Heil'gen. Fuhr er nach Almosen herum,
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So that er sich gar häufig in der Kreisstadt um.
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Er steckte voller Geschäfte; bald kommen Briefe an,
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Die er vor fremden Zeugen nicht eröffnen kann,
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Bald schickt er Boten aus, doch sagt er nie ein Wort,
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Wohin und wozu; oft schlüpft er in die Schlösser fort
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Bei Nacht – hat mit der Schlachta zu flüstern allezeit,
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Die Dörfer in der Nähe durchstreift er weit und breit;
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Verhandelt mit den Bauern öfters in den Schenken
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Und mag die Rede immer nur auf's Ausland lenken.
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Jetzt will er den Richter wecken, der schon seit einer Stunde
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Im Schlafe liegt; gewiß kommt er mit neuer Kunde.