2. Percys Tod

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Theodor Fontane: 2. Percys Tod (1858)

1
»mein Dach ist der Himmel seit manchem Tag,
2
Mein Lager zur Nacht des Waldes Streu:
3
Zu William Douglas will ich gehn,
4
Sein Schloß ist fest, sein Herz ist treu.

5
Als einst er floh, wie jetzt ich flieh',
6
Da fand er Schutz am Herde mein:
7
Die Douglas waren immer treu,
8
Auch William Douglas muß es sein.«

9
Graf Percy spricht's. Sein müdes Roß,
10
Er treibt es an mit Sporn und Schlag;
11
Er reitet gen Lochleven-Schloß
12
Und hält davor am dritten Tag.

13
Die Brücke rasselt niederwärts,
14
Graf Percy tritt zur Hall' hinein;
15
Graf Douglas spricht: »Willkomm, willkomm!«
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Und reicht ihm Hand und reicht ihm Wein.

17
Es geht der Tag, die Monde gehn;
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Am Fenster rüttelt Herbsteswind,
19
Des Percy Herz wird bang und schwer,
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Er denkt an Weib und denkt an Kind.

21
Graf Douglas sitzt zu Seiten ihm
22
Und ruft ihm zu: »Was trübt dich so?
23
Wir fahren morgen über See,
24
Lord Murray jagt bei Linlithgow.

25
Und bist du krank, so heil' dein Herz
26
Durch grünen Wald und raschen Ritt;
27
Zudem, ich gab dem Lord mein Wort,
28
Du wärst dabei, du jagtest mit.«

29
Der Douglas spricht's. Graf Percy drauf:
30
»du gabst dein Wort, – ich bin bereit!
31
Und ritt'st du bis zum heil'gen Grab,
32
Ich ritte mit an deiner Seit'.«

33
Er spricht's und reicht ihm rasch die Hand;
34
Rot wird des Douglas bleich Gesicht,
35
Er senkt sein Aug' und geht hinaus.
36
Maria Douglas aber spricht:

37
»hab acht! mein Bruder spinnt Verrat;
38
Unstet seit lang' sein Auge rollt;
39
Das macht, er hat verkauft die Treu',
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Verkauft um englisch Sündengold.

41
Er führt dich nicht nach Linlithgow,
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Er führt dich, wo Schloß Berwick ragt;
43
Nach
44
Du bist es

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Bleib hier und sprich: ›du seiest krank!‹
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So helf mit Gott ich dir hindurch
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Und führ' dich, auf verborgnem Pfad,
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Durch Wald und Nacht nach Edinburg.

49
Und bring' dich zu Lord Hamilton,
50
Das ist ein echter Schotten-Lord,
51
Der ließ wohl lieber Land und Leib,
52
Als daß er ließ von seinem Wort.«

53
Graf Percy hört's, sein Aug' wird feucht,
54
Er spricht: »Schwer trifft mich Gottes Hand,
55
So vielen Freunden bracht' ich Tod,
56
Dem letzten bring' ich Schimpf und Schand'.

57
Ich hab' gedacht: es sei vorbei,
58
Und hab' gedacht: das Maß sei voll;
59
Weh mir, daß Schlimmres nun als Tod
60
Auf Freundes Haupt ich laden soll.

61
Die Treue bring' ich in Verdacht,
62
Sie sei nicht treu, sei falsches Spiel;
63
Ich trage Fluch in jedes Haus –
64
Es ist zuviel, es ist zuviel.

65
Und sprichst du auch: Hab acht, hab acht!
66
Ich sprech' doch nur: Halt ein, halt ein!
67
Die Douglas waren immer treu,
68
Auch William Douglas muß es sein.«

69
Graf Percy spricht's. Die Lady drauf:
70
»und schätzest du mein Wort gering,
71
Komm mit mir an den Leven-See,
72
Und schau hinein durch diesen Ring.

73
Den Ring mir meine Mutter gab,
74
Die konnte Wind und Wald verstehn,
75
Und blickst du auf des Sees Grund,
76
So wirst du deine Zukunft sehn.

77
Komm mit, komm mit! und willst du nicht,
78
Und glaubst du nicht, Gefahr sei nah,
79
So gib mir deinen Diener mit,
80
Der mag dir sagen, was er sah.«

81
James Swinnard mit der Lady ging,
82
Sie kamen an den Leven-See;
83
James Swinnard spricht: »Das sind von York
84
Die Türme, die ich drunten seh'!

85
Doch, Lady, sprich, auf offnem Platz
86
Was soll von Brettern das Gerüst?«
87
»das ist der Altar, drauf dein Herr
88
Zum letzten Mal den Heiland küßt.«

89
»und, Lady, sprich, wer steht dabei,
90
Gehüllt in Mantel, schwarz und dicht?«
91
»das ist von York der Lord-Wardein,
92
Der deinem Herrn das Stäbchen bricht.«

93
»und, Lady, sprich, wer steht dabei,
94
Gehüllt in Mantel, rot wie Blut?«
95
»das ist von York der Meister Hans,
96
Der deinem Herrn das Letzte tut.«

97
James Swinnard trat vor seinen Herrn,
98
Er sah ihn an und weinte laut;
99
Er sprach: »Bleib hier, mein teurer Lord,
100
Ich hab' nichts Gutes da geschaut.«

101
Er schwieg. Graf Percy aber schnell:
102
»und kostet's Leben mir und Leib,
103
Ich bau' auf Mann und Manneswort
104
Und nicht auf Spuk und Zauberweib.

105
Und wär's kein Spuk und würd' es wahr,
106
Ich spräche doch: 's ist Trug und Schein,
107
Die Douglas waren immer treu,
108
Auch William Douglas muß es sein.«

109
Der Morgen kam, der Wind war gut,
110
Die Pfeife rief: an Bord, an Bord!
111
Man stieg zu Schiff – James Swinnard auch,
112
Der ließ kein Aug' von seinem Lord.

113
Und Douglas rief: »Setzt Segel bei,
114
Kein Handbreit Linnen sei gespart!«
115
Hell lag die Sonn' auf Land und Meer,
116
Und rasch gen Süden ging die Fahrt.

117
Sie fuhren fünfzig Meilen schon,
118
Der Percy aber ward's nicht froh,
119
Er sprach: »James Swinnard, frag' den Lord,
120
Wie weit es noch bis Linlithgow.«

121
James Swinnard vor Lord Douglas trat;
122
Der lacht und spricht: »Wir sind noch fern!
123
Ein Narr, wer schönen Worten traut,
124
Und nun empfiehl mich deinem Herrn.«

125
Und wieder fünfzig Meilen ging's,
126
Rings offne See, kein Land zu sehn,
127
Da trat Graf Percy selbst heran:
128
»douglas, sag' an, was soll geschehn!«

129
Der lacht und spricht: »Setz' dich zu Roß
130
Und spring' ins Meer und such' dein Glück,
131
Und willst du noch nach Linlithgow,
132
So reit' den halben Weg zurück.«

133
Und wieder fünfzig Meilen ging's –
134
Da blinkt's wie Türme über See,
135
Graf Percy spricht: »Nun helf' mir Gott,
136
Das ist Stadt Berwick, was ich seh'!«

137
Sie legten an bei Abendschein,
138
Frühmorgens hat er fortgemüßt.
139
Und als der dritte Morgen kam,
140
Stand er in York am Blutgerüst.

141
Er stieg die Stufen fest hinan,
142
Das blanke Beil, er sah es nicht,
143
Sein Auge schweifte rings umher
144
Und traf des Douglas bleich Gesicht.

145
Noch einmal klang's ihm durch das Herz,
146
Und bitter lächelnd schaut' er drein:
147
»die Douglas waren immer treu,
148
Auch William Douglas muß es sein.«

149
Dann ließ er nieder sich aufs Knie
150
Und gab das Zeichen mit der Hand;
151
Ab flog sein Haupt: – das war das End'
152
Des Percy von Northumberland.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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