1. Percy und die Nortons

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Theodor Fontane: 1. Percy und die Nortons (1851)

1
Graf Percy ging in den Garten sein,
2
Sein junges Gemahl geleitet ihn,
3
Er spricht: »Mir singt ein Vogel ins Ohr,
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Du mußt fechten, Percy, oder fliehn.«

5
Lady Percy spricht: »Verhüte das Gott!
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O sei nicht so stolz, o sei nicht so scheu:
7
Nach London geh, an der Königin Hof,
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Und beug' ihr dein Knie und leist' ihr die Treu.«

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»zu spät, zu spät, liebe Lady mein,
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Es ist nicht mehr, wie sonst es war,
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Meine Feinde gelten bei Hofe jetzt,
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Ich kann nicht gehn, mir droht Gefahr.«

13
»und doch, und doch – sonst reut es dich noch!
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Leg ab deine Scheu, leg ab deinen Trutz,
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Nimm all deine besten Mannen mit,
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So hast du Schirm, und so hast du Schutz.«

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»zu spät, zu spät, liebe Lady mein,
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Der Hof ist klug, ist fein-verstrickt,
19
Und wenn ich morgen zu Hofe ging',
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So hätt' ich dich heute zuletzt erblickt.«

21
»und doch, und doch – sonst reut es dich noch!
22
Laß satteln! ich will ja mit dir gehn
23
Und will bei Hofe, so Tag wie Nacht,
24
Meinem lieben Herrn zur Seite stehn.«

25
»halt ein, halt ein, liebe Lady mein,
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Es ist zu spät, ich bin nicht blind,
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Der Vogel hat Recht, und mein Herz hat Recht,
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Und fechten muß ich für Weib und Kind – –

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Tritt her, tritt her, mein Knappe jung,
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Und schaue mich an und horche wohl auf,
31
Zu Richard Norton muß dieser Brief,
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Noch eh' vorüber des Tages Lauf.

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Empfiehl mich dem Squire und sag' ihm das Wort:
34
Die Stunde sei da, und wir seien bereit,
35
Und wenn er noch Richard Norton wär',
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So müss' er kommen zu dieser Zeit.«

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Der Percy sprach's, der Knappe brach auf,
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Eine Weile er ging, eine Weile er lief,
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Und eh' die Sonne hernieder war,
40
Da hatte der Squire des Grafen Brief.

41
Er las voll Ernst, er las zweimal,
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Seine Söhne sahen ihn fragend an,
43
Und als er las zum dritten Mal,
44
Eine Trän' ihm über das Antlitz rann.

45
»sag' an, sag' an, Christopher, mein Sohn,
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Dein junges Herz hat braven Mut,
47
Graf Percy ziehet in bösen Streit,
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Was sollen wir tun, welch Rat ist gut?«

49
»und soll ich raten, so rat' ich frei:
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Graf Percy ist ein edler Lord,
51
Und was es immer uns bringen mag,
52
Wir müssen ihm halten unser Wort.«

53
»hab' Dank, hab' Dank, Christopher, mein Sohn.
54
Dein Rat ist gut, Gott schenk' ihm Gedeihn,
55
Und kommen wir mit dem Leben davon,
56
So soll dir's nicht vergessen sein.

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Was aber sprecht ihr, ihr andern acht?
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Sagt ja, sagt nein, ich laß es geschehn.«
59
Da sprachen sieben: »Wie's kommen mag,
60
Wir wollen zu unserm Vater stehn.«

61
»habt Dank, habt Dank, meine Kinder brav,
62
Unser sächsisch Blut, ihr haltet es rein,
63
Und ob ich leben, ob sterben mag,
64
Eures Vaters Segen soll mit euch sein.

65
Doch was sagst du, Franz Norton, mein Sohn,
66
Mein Ältester du und mein Erbe dazu!
67
Ich seh' was brüten in deiner Brust;
68
Deine Brüder sprachen, so sprich auch du.«

69
»und soll ich sprechen, lieb Vater mein:
70
Dein Bart ist grau, dein Haupt ist weiß;
71
Setz' nicht an faulen, schimpflichen Kampf
72
Deiner siebzig Jahre ehrlichen Preis.«

73
»halt ein, Franz Norton! der Schimpf ist dein!
74
Mein Sohn, mein Sohn, wer hat dich betört?
75
Als Kind auf deines Vaters Knien,
76
Da hab' ich dich andre Sprache gelehrt.« –

77
Der Alte rief's. – Vor Tagesschein
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Brachen sie auf mit Mann und Roß,
79
Und ehe die Sonne in Mittag stand,
80
Hielten sie schon vor des Percy Schloß.

81
Bald auch die Nevils kamen heran,
82
Die stolzen Grafen von Westmorland,
83
Und – eh' die Sonne zu Rüste ging,
84
Sie dreizehntausend beisammen fand.

85
Das Nevil-Banner, zum ersten dann
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Im Morgenwinde ward es entrollt;
87
Sein Zeichen war ein silberner Stier,
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Der trug eine blinkende Kette von Gold.

89
Die Percys ließen zum zweiten dann
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Ihren schimmernden Halbmond flattern und wehn;
91
Die Nortons aber führten ein Kreuz,
92
Dran waren die Wunden des Heilands zu sehn.

93
Sie zogen ins Feld, und sie jagten wie Spreu
94
Der Königin Volk übers Clifford-Moor;
95
Siebenhundert retteten sich aufs Schloß –
96
Bald aber lagen die Grafen davor.

97
Sie griffen an am kommenden Tag,
98
Und am dritten Tage da glückte der Sturm:
99
Die Percys nahmen den Felsenwall,
100
Die Nortons nahmen den Backsteinturm.

101
Ihre Banner wehten von Schloß zu Schloß,
102
Bleicher Schrecken lief gen London hin,
103
Da aber ward der Schrecken zu Wut
104
Im Herzen unsrer Königin.

105
Sie rief: »Wohlan denn, Blut um Blut!
106
Sie sollen ernten, was sie gesät,
107
Und das Beil mag beugen ihren Kopf,
108
Der so trotzig auf ihren Hälsen steht.«

109
Sie musterte dreißigtausend Mann,
110
Die führte der höfische Warwick-Graf,
111
Und am elften Tag, am Humber-Strom,
112
Da war es, wo er die Grafen traf.

113
Er rief hinüber, voll Spott und Hohn:
114
»nun Nevil-Stier, stürm' an in Wut,
115
Nun Percy-Mond, geh' auf, geh' auf,
116
Nun Norton, sieh, was dein Heiland tut.«

117
Der Nevil-Stier und das Norton-Kreuz,
118
Wohl täten sie hoch in Lüften wehn,
119
Der Percy-Mond, wohl ging er auf,
120
Doch er ging nur auf, um unterzugehn.

121
Graf Percy floh gen Schottland hin,
122
Graf Nevil floh weit über die See,
123
Die Nortons aber wollten nicht fliehn,
124
Sprach jeder: »Ich falle, wo ich steh'.«

125
Sie fielen nicht, nicht Vater, nicht Sohn,
126
Und litten doch alle blutigen Tod;
127
Vergebens war seine Locke so weiß,
128
Vergebens war ihre Wange so rot.

129
Sie fielen nicht auf ehrlichem Feld,
130
Sie fielen, wo der Drei-Baum stand;
131
Der Würger ging von Tür zu Tür,
132
Und ein Schrei ging über Northumberland.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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