Charles Bawdins Tod und Begräbnis

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Theodor Fontane: Charles Bawdins Tod und Begräbnis (1850)

1
Auf dämmert der Tag, der Hahn kräht hell,
2
Blaß schimmert des Mondes Horn,
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Und im Morgenrote der Tropfen Tau
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Glitzert am Hagedorn.

5
König Edward aber, nicht Hahnenschrei
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Rief ihn vom Schlummer wach;
7
Drei Raben weckten ihn mit Gekreisch
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Oben am Wetterdach.

9
Und der König fuhr auf: »Beim ew'gen Gott,
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Ich versteh' euer Mahnen und Schrei'n;
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Und eure Speise sein.

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Verräter war er. Er hat seine Hand
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In das Blut des Yorks getaucht,
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Nicht eher hab' ich Rast und Ruh,
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Bis seines gen Himmel raucht.«

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Da sprach Ritter Canning: »Mein König und Herr,
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Vergieße nicht Bawdins Blut,
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Was immer er dir Böses tat,
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Ihm galt es brav und gut.

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Dem Lankasterkönig hat er gedient
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Offen und sonder Scheu,
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König Edward, an deinen Feinden auch
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Ehre Mut und Treu.

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Laß Gnade walten, nur Gnad' allein
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Machet des Siegs dich wert,
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Den Oelzweig und die Palme nimm,
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Nicht aber das Racheschwert.

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Gedenke, wir Menschen allzumal
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Sind nur an Sünde groß,
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Ein einziger auf Sankt Petri Stuhl
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Ist schuld- und fleckenlos.

32
Vergib!
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Die kaum gewonnene Kron' ...«
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Umsonst, die rostigen Angeln drehn
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Sich schrill im Tower schon.

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Und bei Tagesfrüh', in des Kerkers Tor
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Der Sheriff die Botschaft trug,
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Und ein Stündlein, und zum Richtplatz hin
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Bewegte sich der Zug.

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Der Zug war so: der Richter vorn
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In seines Amts Geschmeid',
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Hell glitzerte das Quastengold
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An seinem Scharlachkleid.

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Zwölf Augustiner kamen dann
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In härenem Gewand,
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Mit Rosenkranz und Geißelstrick
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In recht- und linker Hand.

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Bußpsalmen sangen finster sie,
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Und finster die Wolken ziehn,
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Und dazwischen schrillte Glöckleinklang
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Vom Turme Sankt Marien.

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Den Mönchen folgte, festen Schritts,
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Ein Bogenschützenhauf,
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Die Sennen waren all gespannt,
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Die Pfeile lagen auf.

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Wohl mochte versteckt lankastrisch Volk
57
Den Ritter noch befrein,
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Es mochte Charles Bawdins letzter Gang
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Der seiner Feinde sein.

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Dann kam er selbst: zwei Rappen vorn
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In schwarzer Decken Putz,
62
Auf ihren Köpfen bewegte sich
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Ein Straußenfederstutz.

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Und wieder dann kam festen Schritts
65
Ein Bogenschützenhauf,
66
Die Sennen waren all gespannt,
67
Die Pfeile lagen auf.

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Zwölf Augustiner wieder dann
69
Mit Psalmenmelodien –
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Und immer noch scholl Glöckleinklang
71
Vom Turme Sankt Marien.

72
Und nun zum Schlusse, straßenbreit
73
Des Volkes dicht Gedräng,
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Von allen Dächern folgte man
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Dem traurigen Gepräng.

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Zuletzt an Christi Kreuz vorbei
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Bewegte sich der Zug,
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Hernieder schaute still das Lamm,
79
Das unsre Sünden trug.

80
Charles Bawdin aber betete leis:
81
»heiland, erbarm dich mein
82
Und wasch auch meine Seele heut
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Von aller Sünde rein.«

84
Und die Thems' entlang und das Schloß vorbei,
85
Und nun waren sie zur Stell':
86
Verhangen schwarz war das Schafott,
87
Das Beil, es blitzte hell.

88
Rings Stille. Da sprach Charles Bawdin laut:
89
»blutacker bleibt dies Land,
90
Solange Schwert und Zepter bleibt
91
In dieses Edwards Hand.

92
Vergehn vor Gram wird manches Weib
93
Und manche junge Braut,
94
Eh' dieses Land den ersten Strahl
95
Des Friedens wieder schaut.«

96
Und rasch an Priesters Seite dann
97
Hin kniet' er aufs Schafott,
98
Und betend still die Seele sein
99
Empfahl er seinem Gott.

100
Hin floß sein Blut. Laut weinend stand
101
Das Volk im Kreis umher,
102
Wieviel auch roten Blutes floß,
103
Der Tränen flossen mehr.

104
Der Henker dann, mit scharfer Axt,
105
Vierteilte Bawdins Rumpf,
106
Und jeder Teil ward aufgesteckt
107
Auf einen Lanzenstumpf.

108
Der eine tät als Wetterfahn'
109
Auf dem Tower-Turm sich drehn,
110
Ein zweiter war als Gitterschmuck
111
Vor Edwards Schloß zu sehn.

112
Der dritt' und vierte, samt dem Haupt,
113
Bei fahlem Mittagsschein
114
Von dreien Toren blickten die
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Weit in das Land hinein.

116
Da wurden sie, bei Tag und Nacht,
117
Umkrächzet und umkreist,
118
Das Raben- und das Krähenvolk
119
Hat alles aufgespeist.

120
Das war das End' von Bawdins Treu
121
Und seiner Ehren Ziel ...
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Gott schenk' dem König, unsrem Herrn,
123
So treuer Diener viel.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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