Jung-Musgrave und Lady Barnard

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Theodor Fontane: Jung-Musgrave und Lady Barnard (1853)

1
Jung-Musgrave trat in die Kirche,
2
Sein Kleid war gold und blau;
3
Er grüßte die schönen Frauen,
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Nicht so Unsre liebe Frau.

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Er sah sich um im Kreise,
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Nur eine fehlte noch;
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Ein trat da Lady Barnard,
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Das war die schönste doch.

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Ihr Auge fiel auf Musgrave,
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Ihr Auge wie Sonnenschein,
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Da fühlte des Knaben Herze:
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Der Lady Herz ist dein.

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Sie flüsterte: »Jung-Musgrave,
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Ich liebe dich seit lang!«
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»so tat ich, liebe Lady,
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Nur war mein Wort zu bang.«

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»ich hab' ein Haus im Walde,
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Verschwiegen und bewacht,
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Und willst du kommen, Jung-Musgrave,
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Jung-Musgrave, so komm heut nacht!«

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Den Knaben überlief es,
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Als habe sie ihn geküßt,
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Er sprach: »Ich komme, lieb' Lady,
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Und wenn ich sterben müßt.«

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Das hörte der Lady Läufer,
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Nicht lang er so stund und sann:
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»und bin ich Myladys Läufer,
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So bin ich Mylords Mann!«

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Er sprach es und lief waldeinwärts,
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Lief über das Heideland;
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Die Sterne standen am Himmel,
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Als vor dem Schloß er stand.

33
»wach auf, wach auf, Lord Barnard,
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Deine Ehr' ist krank und wund;
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Jung-Musgrave und deine Lady,
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Die küssen sich zur Stund'.

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Sie küssen sich im Walde
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In deines Försters Haus –
39
Laß satteln, Mylord Barnard,
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Und komm und reite hinaus.«

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Der Lord fuhr auf vom Lager:
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»lieber Läufer, sprichst du wahr,
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Mein Forst und meine Äcker
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Sind deine auf ein Jahr.

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Doch hast du falsch gesprochen,
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Oder trog dich falscher Schein,
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An den höchsten Baum im Walde
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Sollst du gehangen sein!

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Auf, auf, meine Mannen alle,
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Und sattelt mein schnellstes Tier,
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Oft sind wir rasch geritten,
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Heut reiten rascher wir.«

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Hin ging es über die Heide,
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Lord Barnards Horn erklang –
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Jung-Musgrave küßte die Lady,
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Er küßte sie so bang.

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»ich hör' es von fernher klingen, –
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Das ist keine Wachtel im Korn,
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Das ist kein Häher im Walde,
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Das ist Lord Barnards Horn!«

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»gib mir die Hand, Jung-Musgrave,
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Deine Lippen sind so kalt –
63
's ist Pfeif' und Horn des Hirten,
64
Was über die Heide schallt.

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Dein Falk' hat Schellen und Bänder,
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Dein Roß hat Streu und Korn,
67
Und du – du hast mich selber,
68
Was kümmert dich Pfeif' und Horn?‹«

69
Und als sie das gesprochen,
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Lord Barnard hält davor –
71
Er hatte drei silberne Schlüssel,
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Die schlossen Tür und Tor.

73
Er schob zurück den Vorhang,
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Zorn schüttelte seinen Leib;
75
»sag an, sag an, Jung-Musgrave,
76
Wie findest du mein Weib?«

77
»ich finde sie süß, Lord Barnard,
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Ich finde sie süß und traut,
79
Und schliefe doch lieber im Walde
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Bei Ginster und Heidekraut.«

81
»steh auf, steh auf, Jung-Musgrave,
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Leg Kleid und Waffen an,
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Steh auf, ich mag nicht töten
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Einen unbewehrten Mann.

85
Und hast du keine Waffen,
86
Ich hab' zwei Klingen hier,
87
Nimm du die beste und längste
88
Und laß die kürzeste mir.«

89
Jung-Musgrave schlug zum ersten,
90
Er traf Lord Barnard gut,
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Lord Barnard schlug zum zweiten,
92
Da lag der Knab' im Blut.

93
Die Lady warf sich auf ihn:
94
»leb wohl mein süßer Knab',
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Will beten für deine Seele,
96
Solang' ich Leben hab'.«

97
»dann bete schnell, lieb' Lady,
98
Und bete für dich mit!«
99
In ihren weißen Nacken
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Die rote Klinge schnitt.

101
Lord Barnard stieg zu Rosse,
102
Auf glomm der erste Schein:
103
»begrabt sie beieinander-
104
Ein Grab und einen Stein!«

105
Lord Barnard ritt von dannen,
106
Sah starr ins Morgenlicht:
107
»die Ehre ist genesen,
108
Mein Herze ist es nicht!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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