Zeus in Mission

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Theodor Fontane: Zeus in Mission (1858)

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Und Gott (es war im Spätherbst zweiundsechzig)
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Trat an sein Himmelsfenster, sah hernieder
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Und sah auf
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Seit dem Bronzell-Tag und dem Tag von Olmütz.

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Er schüttelte den Kopf. Danach begann er:
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»das geht nicht länger so. Streit und Zerklüftung
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Lähmt ihm die Kraft, zehrt ihm an Mark und Leben,
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Und jeder dritte, der au fond nicht wert ist,
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Dem Michel seine Schuhriem' nur zu lösen,
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Kräht nicht bloß laut auf seinem eignen Miste,
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Nein, kräht auch übern Rhein und schlägt die Flügel
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Und wirft den roten Kamm. Ich kenn' die Fahne.
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Das geht nicht länger so. Gewiß, die Deutschen,
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Sie taugen auch nicht viel, die lieben Schlingel,
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Sind Besserwisser, knurrn und querulieren
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Und schreiben Bücher, drin sie mir beweisen:
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Es sei nicht viel mit mir; im letzten Grunde
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Bestünd' ich nur durch Kompromiß und Gnade.
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Das predigen sie von Tischen und von Bänken
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Und fühlen sich in ihrem Tabakshimmel
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Als Ober-Gott, und wird es dann gemütlich,
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So rufen sie mir zu: ›Ich komm' dir einen!‹
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Ich kenne sie, sie haben was Kneipantes,
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Was Buntbemütztes, rüplig Burschikoses,
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Sind kindisch, eitel, unbequem-gefühlvoll
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Und vieles andre noch, ich weiß, ich weiß es,
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Und doch, wenn eins zum andern ich erwäge,
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So sind sie schließlich immer noch die besten,
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Die besten und natürlichsten vor allem,
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Am meisten frei von Babel und von Sodom.
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Sie dauern mich. Längst quält mich der Gedanke,
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Wie schaff' ich ihnen Zuspruch, Beistand, Hilfe!
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Vielleicht, daß mir im Gehn und Meditieren
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Ein Ausweg kommt, ein guter Plan, ein Einfall.«

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Und solches denkend nahm er Hut und Mantel
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Und seinen Stab und schritt hinaus ins Freie.

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Der Weg war weit, die Straßenflucht ohn' Ende,
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Doch endlich kamen Gärten, Park und Wiese
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Mit Silberbächen und mit Birkenbrücken,
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Und jenseits dieser Wiese, hoch gelegen,
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Erhob ein ältrer Stadtteil sich, halb Ghetto,
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Halb Kapitol, ein bunt Gemisch von Hütten
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Und Tempeln und Palästen. Die Paläste
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Höchst vornehm, alles Porphyr, alles Marmor,
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Und doch mit Holz verschlagen und vergittert,
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Als wären's Kerker.
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Und es waren Kerker.
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Denn hinter diesen Gitterstäben saßen
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»im Altenteil«, so hieß es euphemistisch,
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Die guten, alten, abgesetzten Götter:
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Neptun und Pluto, Mars (nur Bacchus fehlte),
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Merkur, Apoll, Vulkan. Und endlich

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Und sieh, an Zeus (er wohnte sichtlich freier
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Und ward auf Wort und Handschlag hin behandelt),
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An Zeus trat jetzt sein Ober-Herr und sagte:
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»grüß' Gott dich, Alter. Bringe frohe Botschaft.
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Ich hoff' es wenigstens. Wer so wie du
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'ne hübsche Weil' geherrscht, herrscht gern auch wieder,
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Still sitzen ist ein Greul. Ich lieb' es auch nicht.

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So höre denn: ich habe was in petto,
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Pack deine Koffer, nimm dein Inventar
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(spezialmission auf unbestimmte Dauer),
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Nimm Adler, Bündelblitze, Ganymed auch,
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Und zieh hernieder in mein altes Deutschland,
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An einen Ort, den
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Zum Unterschiede, du verstehst. Du find'st dort
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Bildwerke viel auf Straßen und auf Plätzen,
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Athene nicht, auch Venus nicht von Milo,
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Doch Blücher, York, Schwerin und Keith und Scharnhorst,
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Den alten Zieten und den alten Fritzen,
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Den letztern, denk' ich, kennst du –'s ist derselbe,
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Der hier am Himmel glänzt als
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Nach Deutschland also; hier ist die Bestallung.
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Du weißt ja, wie man's macht, räum' auf gebührlich,
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Sieh nach dem Rechten, mehre Macht und Ordnung,
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Wirf alle Feinde nieder, draußen, drinnen,
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Und wenn du das getan hast, komme wieder.
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Dein Schade soll's nicht sein.«
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Und Zeus verneigte
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Sich dankbar ehrfurchtsvoll, und aller Unmut,
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Der wegen unfreiwilliger A.D.-schaft
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Ihn lang' gequält, fiel ab von ihm, es wuchsen
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Ersichtlich ihm die Brau'n zu ganzen Büscheln
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(nur höh'r hinauf war Hopf' und Malz verloren),
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Und sieh, mit Adler, Blitz und Ganymed auch
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Zog er hinab, um Groß und Kleins zu prüfen:
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Herz, Nieren, Rotwein, Bock und andre Biere.

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»wer kommt denn da?« so lautete der Willkomm,
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Der ziemlich nüchtern ihn empfing, fast feindlich.
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Er aber, seine Vollmacht in der Tasche,
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Verfuhr programmhaft, schüttelte die Brauen,
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Die Jovis-Brauen.
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Ei, das klang wie Donner.
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Und war's nicht Donner, waren es Kanonen.
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Missunde, Düppel. Hurra, weiter, weiter:
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Nußschalen schwimmen auf dem Alsensunde,
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Hin über Lipa stürmen die Geschwader,
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Ein Knäul von Freund und Feind. Da seht ihn selber,
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Der mit dem Helm ist's und dem Schwefelkragen.
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Und Spichern, Wörth und Sedan. Weiter, weiter,
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Und durchs Triumphtor triumphierend führt er
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All Deutschland in das knirschende Paris ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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