Die Gans von Putlitz

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Theodor Fontane: Die Gans von Putlitz (1887)

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Ein neues Lied gesungen sei:
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Nach dem Winter, da kommt der Mai,
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Das haben wir wohl vernommen;
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Und daß Kettr-Angermünde märkisch ward,
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Das soll dem Markgrafen frommen!

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Johann von Briesen ließ sich jagen
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Von Kettr-Angermünde bis Greifenhagen,
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All' Mut war ihm gebrochen;
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Da ging er zu Hofe nach Alten-Stettin
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Und hat zu dem Herzog gesprochen:

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»gnäd'ger Herre, was zu halten stand:
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Kettr-Angermünd und das Stolper Land,
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Ist verloren und verdorben;
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Der
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Und doch hieß es: er sei gestorben.«

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Da ließ der Herzog entbieten und holen
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All seine Mannschaft, Pommern und Polen,
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Nach Vierraden ritt man zu Tische;
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Da setzten sie sich und hielten Rat
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Und aßen süße Fische.

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Dann ritten sie weiter, und kaum heran,
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Alle haben dem Herzog geschworen,
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Und alle riefen: »Stettin, Stettin!«
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Und Brandenburg war verloren.

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Aber draußen hinter Wall und Graben,
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Die Märkischen schon sich gesammelt haben,
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Vierhundert Reiter und Knechte;
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Die
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Zischend, auf daß sie fechte.

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Ja, die
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Sie streckte zornig ihren Kragen
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Über die Pommern alle;
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Da schwebte der märkische Adler hoch,
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Und die Greifen kamen zu Falle.

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Die Gans aber wuchs im Grimme noch,
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Sie schlug mit den Flügeln ein Brescheloch,
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Und da stand sie nun zwischen den Steinen,
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Und als sie bis zum Markte kam,
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Waren sie zehn gegen einen.

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Da gingen die Schwerter die Klinker die Klang,
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Herr Detleff Schwerin mit dem Putlitz rang
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Und wollte den Preis erwerben;
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Da mußte Herr
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Für seinen Erbherrn sterben.

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Das war des Herzogs schwerster Tag,
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Als da Herr Detleff vor ihm lag,
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Zerhackt, in Blut und Wunden,
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Und er rief: »O hätt' ich über den Damm
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Erst wieder zurücke gefunden!«

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Er sprach es und ritt im Zuge vorn,
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Er gab seinem Rosse Schlag und Sporn
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Und suchte die Zügel zu fassen;
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So kam er bis an das »hohe Haus«,
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Da ward er eingelassen.

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Das war zu Vierraden. Auf Schlosses Brück'
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Einmal noch sah er zurück, zurück,
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Im Herzen voll Weh und Leide:
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»kettr-Angermünde, du vielgute Stadt,
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Daß so ich von dir scheide!«

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Der aber, der dies Lied euch sang,
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Ein Schmiedeknecht ist er schon lang',
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Und sie nennen ihn Köne Finken;
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Und er führt ein Hämmerchen auf der Hand,
64
Und Gut-Bierchen mag er trinken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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