In die weitoffenen Bogenfenster

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Clara Müller-Jahnke: In die weitoffenen Bogenfenster Titel entspricht 1. Vers(1882)

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In die weitoffenen Bogenfenster
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des Konsulats zu Napoli
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sang der Golf.
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Maisonnenbrand
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glühte drüben
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auf den Dächern der Straße
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und tauchte in flackernden Goldschein
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die Silberspitzen des Olivenbaums.
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Am fernsten verblauenden Horizont
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hingestreckt
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lag dämmernd in träger Ruhe
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Sphinx Capri –
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Mir gegenüber
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an dem eichgetäfelten
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bücherbedeckten Bureautisch
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stand ein junger, blonder, deutscher Beamter
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und schrieb.
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Schrieb meinen Namen
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in sein Buch,
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meinen Wohn- und Geburtsort
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und den Tag,
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an dem ich das Licht erblickt, –
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und wie meine Eltern geheißen,
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wo sie geboren und gestorben,
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und meine Großeltern und Urgroßeltern,
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und erforschte meine ganze Genealogie
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bis ins dritte und vierte Glied
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rückwärts hinauf.
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Hinter ihm an der Wand,
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– mit schwarzen Flecken besät
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wie ein Typhussterbender –
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hing die Malariakarte;
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und darunter
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auf lederbeschlagenem Lehnstuhl,
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schlief
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die Norddeutsche Allgemeine Zeitung.
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Neben mir aber
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auf leichtem italischem Rohrgeflecht,
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den Caprihut auf graumeliertem Kraushaar,
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in den Augen die blaue Tiefe der Ostsee,
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mein Lebensglück . . .
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und der junge, blonde, deutsche Beamte
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fragte auch ihn,
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wie er heiße,
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wo er geboren
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wes Ranges und Standes er sei –
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und seine Eltern gewesen seien –
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und er erforschte auch seine Genealogie
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bis ins dritte und vierte Glied rückwärts hinauf.
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Wir aber saßen
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dicht beieinander
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und sahen uns an,
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lächelnd und stumm.
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Bis die Tür sich auftat
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und ein hochgewachsener Mann
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im hellgrauen Sommerjacket,
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die rote Nelke im Knopfloch,
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auf der Schwelle erschien –
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und der Herr Generalkonsul
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mit tönender Stimme
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uns das Protokoll vorlas
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und fragte,
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ob wir Mann und Frau sein wollten.
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Wir sagten »Ja«.
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Da brach ein mittagliches Flammenmeer
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durch die Bogenfenster des Konsulats
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und wob eine Gloriole
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um das blonde Haupt des jungen deutschen Beamten;
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über die Malariakarte
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ging ein Schauer von Licht –
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und in deine Augen
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kam ein tiefes, blaues, seltsames Leuchten.
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Du lüftetest den Caprihut
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und gabst mir die Hand.
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Und wir standen beide
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eng aneinander,
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Auge in Auge, Hand in Hand,
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eines Wesens und Namens,
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lächelnd und – stumm . . .

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

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