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Die letzte Nacht des alten Jahres sank
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vom Winterhimmel blauschwarz in die Tiefen
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und durch die Weiten, die im Dämmer schliefen,
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und durch die Gassen, drin das Leben schäumte,
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durch düstre Winkel, wo das Elend träumte,
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ging still und ernst zu allen, die ihn riefen,
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ein Friedensbote seinen Segensgang.
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Das war kein schöner, weißlackierter Engel
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mit goldnen Flügeln aus Papiermaché,
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im Blondgelock der Reinheit Lilienstengel –
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das war ein Mann, der längst der Menschheit Weh
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und alle Not erschöpft bis auf den Grund.
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Ein reifes Lächeln um den strengen Mund,
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ging er dahin. Und an des Jammers Stätte
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und in der Freude Hallen klang sein Schritt;
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mild schenkend stand er an des Kranken Bette
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und bracht den letzten, großen Frieden mit.
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Und wo ein Herz, vergessen und allein,
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in Aengsten rang, da trat er tröstend ein.
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Und ganz zuletzt, als schon die Mitternacht
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auf leisen Schuhen in die Gasse bog,
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war noch ein Haus. Drei gute Stockwerk hoch,
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in zwei Etagen helle Lichterpracht.
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Der Laden dunkel. Hinter Fenstergittern
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nur nach dem Hof zu schwaches Flämmchenzittern . . .
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Der Lichtkreis trifft am Tisch den fahlen Greis,
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der einsam hier vor seinem Zahlenbuch
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die Nacht verbringt und Jahresabschluß hält.
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Durch seine Finger rollt das blanke Geld
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sein Geierauge bohrt sich in das Gold,
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der Armut Schweiß und Blut, des Reichtums Sold,
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und seine schmalen Lippen zittern leis:
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– »Noch nicht genug, noch immer nicht genug!
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Wird dies Jahr die Million mir und den Frieden bringen?« –
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Da fällt ein Schatten in den hellen Kreis,
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aus tiefer Oede trifft ein hauchend Klingen
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das Ohr des Wucherers: »Den Frieden? – Bald!«
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Ein Stockwerk höher. Helles Gläserklingen,
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Silvesternacht mit Scherzen, Spiel und Singen
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nach altem Brauch. Die Wallnußschälchen schwimmen
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auf klarem Wasser. Ihre Lichter glimmen,
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beschriebne Wimpel flattern vom Gerüst;
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des jungen Volkes heller Jubel grüßt
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den glückverheißenden Zusammenstoß.
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Doch mählich schwindet Lust und Lachen hin. –
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Zwei Schiffchen noch! Das eine trägt ja bloß
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den Namenszug der jungen Lehrerin.
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Wer fragt nach der – Sie steht am Tisch allein,
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aus ihren Augen loht der Sehnsucht Pein,
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die heiße Unruh sprengt ihr fast die Brust . . .
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Und drüben lehnt, das Punschglas schon zur Hand,
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des Hauses Sohn. Sein eigner Name bannt
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auch ihn. – Und eines festen Ziels bewußt
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zu ihr hinüber flackern seine Flammen.
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Und wieder steigt die plüschbelegten Stufen
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der fremde Gast empor. Gedämpftes Rufen
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und heis'res Lachen mischt sich mit dem Klirren
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der Gläser hier. Aus grünem Tische rollt
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aus zitternden Händen das begehrte Gold,
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häuft sich und schwindet. Heiße Blicke irren
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dem Flieh'nden nach. Dem blassen Jüngling träuft
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von blasser Stirn der Schweiß. Er stöhnt und greift
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zur leeren Börse. Da: – »Nimm hin, nimm hin!
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In solcher Stunde bringt solch Geld Gewinn!«
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Der falsche Freund, der ihn hierher gelockt,
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schiebt ihm ein Goldstück zu. Sein Atem stockt,
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schon will er nach dem Sündengeld sich bücken –
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– knarrt die verschlossne Tür nicht ihm im Rücken?
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Umweht's ihn nicht wie Atem einer Braut
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und kost wie einer Mutter Flüsterlaut
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und hallt wie längst vergessne Jugendschwüre? –
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– »Nimm hin, nimm hin, es bringt dir sicher Glück,
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schon schwingt der erste Schlag der Neujahrsstunde!« –
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Die letzte Stiege nun, die aufwärts führt:
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ein schwaches Flackerflämmchen weht im Wind,
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die karge Mahlzeit steht noch unberührt
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am eisigen Fenster lehnt ein Mann und sinnt.
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Der Gassenlärm dringt nicht hinauf zu ihm –
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sein Auge träumt in unentdeckten Fernen
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und pflückt den schönsten sich von allen Sternen,
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und lodernd schießt sein Blut und ungestüm
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vom heißen Herzen ihm ins heiße Hirn.
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Gleich einem Sturmwind beugt ihn die Gewalt
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des Werdenden . . . Ein fernes Läuten hallt
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in seinen Kampf. Und kühl auf seine Stirn
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legt sich des Friedensboten Hand. Da ebbt
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der rote Strom. Aus Urweltnebeln hebt
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Durch Wetterwolken blitzt die Frühlingspracht . . .
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Er atmet tief – und rückt das Licht – und schreibt
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das Meisterwerk, das ihn unsterblich macht.
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... Und Mitternacht. Ein seltsam Surren singt
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in allen Ecken. Von den Pfeilern klingt
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ein äffend Echo. Stille nun. Vollendet
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erscheint des Friedensboten Werk. Er wendet
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den Fuß zur Schwelle. Da: ein blasses Licht,
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ein dumpfes Stöhnen und ein scharfer Schrei –
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die Kellerwohnung! – Und er ging vorbei? –
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O nein, der Menschheit Jammer schreckt ihn nicht!
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Er drückt die Klinke, – und er steht – geblendet:
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zerwühlt die Decken rings. Den jungen Leib
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in Schmerz verkrampft, ein totes junges Weib . . .
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Blicklose Augen grüßen in der Hast
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des Scheidens noch den fremden Friedensgast.
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und ihr zu Füßen kniet, das Haupt vergraben,
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ihr Gatte. Schwelend fällt der Lampe Schein
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auf ihren nackten neugebornen Knaben –
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der volle Schlag des Neujahrs dröhnt herein.
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Da hebt der Mann den Kopf und starrt und
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was niemand sah in dieses Hauses Wänden:
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den Himmelsboten. Seine Starrheit flieht.
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»was willst du?« grollt er hart. »Dein Schicksal wenden
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und Frieden bringen.« »Frieden?« – Hohnvoll schrill
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klingt sein Gelächter. »Ob ich Frieden
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solltest du fragen. Frieden will ich nicht!
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Faul ist der Frieden, und ich will das Licht!
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Ich will den Kampf. Den Kampf für Recht und Brot! –
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Mein Weib starb hin in Hunger, Nacht und Not –
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die Ketten sprengt und neue Himmel schafft,
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die Kraft zum Kampf!« –
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die klare Stirn und seine Seele denkt
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kommender Zeiten; seine Hand berührt
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»rühr meinen Sohn nicht an!«
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– Hoch aufgerichtet steht der bleiche Mann –
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»dies Kind ist mein! Sein Erbe ist der Krieg
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und seiner Nächte Lohn das Morgengrauen.
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Nach heißen Kämpfen soll sein Auge schauen,
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was mir nicht mehr zu schaun vergönnt, den Sieg.
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Der Sieg des Lichts sei meinem Sohn beschieden!«
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– Der Schlag verdröhnt. Ein Flimmern füllt den Raum,
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und eine ferne Stimme – wie im Traum –
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»und mit dem Sieg – der Frieden . . .«