Vision

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Clara Müller-Jahnke: Vision (1882)

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Zur lichtumflossenen Weihnachtszeit
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wie doppelt schwer ist Menschenleid!

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Wie doppelt tief ist des Elends Nacht,
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wenn Lichtschein aus Palästen lacht!

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Und ein Waisenkind im Winterschnee:
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das Auge wird feucht, das Herz tut weh . . .

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– Ich ging in die sinkende Nacht hinaus;
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die Glocken klangen vom Gotteshaus.

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In des Himmels blitzendem Diadem
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strahlte der Stern von Bethlehem.

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Und als ich schritt aus des Städtleins Tor,
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stiegen die Nebel der Nacht empor.

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Sie spannen mich ein – daß Gott erbarm'! –
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von Schemen schien es ein bleicher Schwarm:

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fahle Wangen und welke Gesichter,
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liebehungernde Augenlichter,

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tastende, gierende Bettlerhände –
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und neue Scharen – und noch kein Ende . . .

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Ein endloses Heer von Leidgenossen,
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vom Feste der Liebe ausgeschlossen!

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Und sieh: aus der Darbenden Reihen tritt

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Ein König erscheint er im Bettlergewand.
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Mit ruhvollen Augen, mit segnender Hand

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– einen lichten Schein um das blonde Haar –
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führt er die blasse, hohläugige Schar

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durch die lärmenden Straßen, das Festtagsgebraus,
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vor ein säulengetragenes, fürstliches Haus.

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Durch die schimmernden Scheiben ins Dunkle bricht
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eine Fülle von Glanz, eine Fülle von Licht, –

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und Kinderjubel und Weihnachtslieder
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klingen aus leuchtender Höhe nieder.

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Vor den Türen die schenkenden Diener stehn:
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»heut soll kein Bettler vorübergehn . . .«

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Er aber bückt sich mit stiller Gebärde
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und sammelt die Brocken von der Erde:

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»ihr Herren der Erde, ihr Reichen an Habe,
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am Feste der Liebe ist

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ein christlich Almosen, ein gnädig Erbarmen –
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und ich suchte das Recht für die Aermsten der Armen

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und die Liebe, die voll aus dem Vollen gibt,
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die nicht wägt und nicht rechnet, – die Liebe, die liebt!«

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Und wendet sich stumm und weicht von hinnen,
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wie fallende Nebel die Schatten zerrinnen . . .

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Die Luft wird klar. Hoch im Zenit
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ein schönheitschimmerndes Sternbild blüht

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und gießt auf das ärmste, verfallendste Haus
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die Fülle himmlischer Strahlen aus.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

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