Das Weib des Streikredners

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Clara Müller-Jahnke: Das Weib des Streikredners (1882)

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»o bleib – nein geh! Es darf nicht sein!«
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– sie drängt ihn selbst in Kampf und Krieg, –
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»die Werkgenossen harren dein,
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auf deinen Lippen liegt der Sieg!«
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Er seufzt und streift mit scheuem Blick
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die Lagerstatt an kahler Wand,
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darin sein Kind am Fieber litt –
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ein letzter Kuß, ein ferner Schritt . . .
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der Frühlingssturm braust über Land.

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Und sternlos ist die Märzennacht.
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Die blasse Mutter sitzt und sinnt,
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mit tränenleerem Blick bewacht
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sie das geliebte letzte Kind.
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Ein Röcheln aus des Knaben Brust,
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ein Atemholen bang und schwer –
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und heut im Haus kein Bissen Brot,
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im Glase keinen Tropfen mehr!

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Sie weiß: sie ringen um ein Ziel,
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so sternenlicht, so freudenreich –
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und vierzig Tage währt das Spiel,
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und heute fällt der letzte Streich:
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die Herrn des Goldes beugen sich
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der stärkeren Macht im heiligen Krieg –
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und
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Und wenn das Morgenrot erwacht,
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dann kehrt er heim und bringt den Sieg!

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O käm er bald und brächte mit
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ein stärkend Labsal für das Kind!
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Es schleicht die Zeit mit Schneckenschritt,
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die sonst wie flutend Wasser rinnt.
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Und doch, die dunkle Stunde kommt;
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aufstöhnt das Kind in Todespein,
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die Händchen zucken qualbeschwingt –
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aus der gelähmten Kehle dringt
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ein heiser Stammeln: »Mutter – Wein –«

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Sie fährt empor aus kurzer Rast,
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sie greift zum letzten Stümpfchen Lichts,
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sie sucht und sucht in irrer Hast
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im Schub und Schrank und findet nichts –
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und wie sie schaudernd rückwärts sieht:
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der Mund so groß, das Auge leer . . .
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sie steht und starrt – »Allewige Macht!«
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und hart und trostlos schweigt die Nacht,
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und an die Düne rauscht das Meer.

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»du gnadenreiche Meeresflut!«
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– Sie senkt das Haupt in herber Pein,
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von ihren Lippen perlt das Blut.
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Die Diele dröhnt, er stürmt herein
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mit blitzendem Auge, raschem Wort, –
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da stockt sein Fuß, sein Atem fliegt . . .
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sie aber hebt die Arme, und
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mit blassem, lächelndem Duldermund
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spricht sie das Friedenswort: »Gesiegt!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

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