Aus Wüstenbrand

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Clara Müller-Jahnke: Aus Wüstenbrand (1882)

1
Du, den ich ahnte in den heiligen Stunden,
2
da meine Sehnsucht nach den Höhen flog, –
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den ich gesucht und den ich nicht gefunden,

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du, dessen Hauch wie Sturmwind mich bewegt,
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der aus des Hindufürsten Purpurgärten
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den Blütenstaub in Schiras Kelche trägt, –

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du, dessen Lied mir im Geraun der Wogen
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mit Schmeichellauten in die Seele sang,
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du, der mir rief und der mir stets gelogen . . . ..

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den ich in Mitternächten toller Lust
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auf meinen Brüsten zu verbrennen wähnte,
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o du, o du, von dem ich

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– Schau her! Am Steingeröll und Dorngeheg
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flattern die Fetzen meines Pilgerkleides.
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blutige Spuren zeichnen meinen Weg.

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Auf meinem Scheitel liegt der Staub der Wüste,
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mein Auge späht, von Glut und Tränen blind,
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vergeblich aus nach der verheißnen Küste.

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Von finstern Schroffen, die kein Fuß erklomm,
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aus brennendem Sand, den König Tod sich wählte
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zum Sommersitz, klingt mir dein Lockruf: »Komm!«

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Und diesen Weg, von Jammerlaut und Fluchen
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erfüllt, vom Blut Verlorener gedüngt,
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ich muß ihn wandern, denn ich muß dich suchen! –

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O du, der mich wie blinkend Glas durchschaut,
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der auf den trotzigen Trümmern meines Wollens
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der eignen Stärke Hochburg lachend baut:

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wenn dich ein Frauenschoß in Leid geboren,
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wenn eine Mutter liebend dich geküßt,
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so laß dich finden, sei mir nicht verloren!

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So laß dich finden: deiner harrt die Kraft,
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die Kraft der Höhen, die da Freiheit spendet,
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die Kraft der Tiefen, die da Leben schafft!

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Wenn schon dein Schatten mir ein flutend Leben,
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dein blasses Abbild mir ein Höhenglück
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und aller Schmerzen Herrlichkeit gegeben –

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so komm du selbst! Komm eh die Kraft versagt
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und über Bestien, die mein Herzblut trinken,
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der fahle Wüstenhimmel tagt . . . . . . .

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

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