Da ragt der wilde Waxenstein

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Clara Müller-Jahnke: Da ragt der wilde Waxenstein Titel entspricht 1. Vers(1882)

1
Da ragt der wilde Waxenstein
2
hoch in der Lüfte zitterndes Blau; –
3
zur Hölle soll dort der Eingang sein,
4
so sagte mir eine alte Frau.
5
Ich bin ihr begegnet im tiefen Tann,
6
dahin mich vertrieben die Mittagsglut.
7
Sie trug den kecken Tirolerhut
8
und sah mich mit lauernden Blicken an.

9
»der Eingang zur Hölle reizt mich schier.
10
Ich war im Himmel in dieser Nacht;
11
seine selige Wärme behagte mir, –
12
nun bin ich lüstern nach feuriger Pracht,
13
nach der ewigen Glut für Seele und Leib, –
14
wo geht der Weg in die Hölle, Weib?«

15
Und sie wies mit der dürren vertrockneten Hand
16
auf des Waxen steiltrotzige Felsenwand,
17
der in steinerner Ruhe, ein Warner, stand.
18
Um seine Höhen kein Lebenshauch,
19
auf seinen Schroffen nicht Gras noch Strauch,
20
die Wache hielten hier Tod und Graun.

21
Und ich ging den Weg, denn ich wollte schaun.

22
Ich ging ihn sicher und stieg empor
23
und stand vor der Hölle granitnem Tor.

24
Dreimal schlug ich mit starker Hand
25
an die lockende, klingende, brennende Wand.

26
Dreimal tönte der Widerhall
27
aus der schwindelnden Tiefe wie Glockenschall.

28
Dreimal klang er von Horst und Riff
29
aus der schwindelnden Höhe wie Geierpfiff.

30
Als er das erstemal verhallt,
31
sah ich in dem Stein einen schmalen Spalt.

32
Und als er verklungen das drittemal,
33
lag mir vor den Augen das Höllental.

34
Kein loderndes Licht, keine flammende Schau,
35
stahlhart die Wände und glimmerblau.

36
Von den Höhen fiel es wie Silber weiß,
37
und im Fallen erstarrte die Flut zu Eis.

38
Aus dem schäumenden Schlund, wo der Wildbach tost,
39
reckte die knöcherne Hand der Frost.

40
Und was er streifte, ward blinkend Eis;
41
in der Wurzel erstarb das Edelweiß.

42
In den toten Tiefen lag Schnee und Schnee,
43
und mir fror das Blut, und mein Herz tat weh.

44
Ein Schauder durchkroch meinen warmen Leib:
45
»das ist die Hölle! Wahr sprachst du, Weib!

46
Das ist das Ziel unsrer Pilgerbahn, –
47
und die ewige

48
Mich packte der Schwindel. Mit sinkendem Blick
49
mit tastenden Schritten nur fand ich zurück

50
in den rauschenden Wald, an die strömende Flut,
51
in die sonnige, selige Sommerglut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.