Der Rufer

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Clara Müller-Jahnke: Der Rufer (1882)

1
Die Blumen im Alleghanytal,
2
sie duften so süß wie nie zumal,
3
vom fächelnden Odem der Nacht gewiegt.
4
Die Welt in den Armen des Schlummers liegt;
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nur leise flüstern wie Liebesgruß
6
die träumenden Wasser im Fluß – im Fluß –
7
und Maienzauber webt weit und breit
8
und lächelnde, blühende Einsamkeit.

9
Da horch! – durch die schweigende Nacht ertönt
10
ein dumpfer Laut – und es hallt und dröhnt
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wie Hufgeklapper und Roßgeschnauf . . .
12
Du schlummernde Erde, wach auf, wach auf!
13
Ein Reiter jagt aus der Ferne her –
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und die Erde erwacht und atmet schwer, –
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es löst sich die Knospe in jäher Hast
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aus dem Blatt, das schützend sie umgefaßt,
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und sie schaut empor – und das Rot wird fahl
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der Rose im Alleghanytal.

19
Dumpf murrt der Fluß, und er raunt und klagt . . .
20
Zur Stadt hinunter der Reiter jagt,
21
die Funken sprühen, der Staub wallt auf, –
22
es blinken die Lichter von Johnstown auf.

23
Viel Kerzen schimmern im hohen Saal,
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es greift der Zecher zum Goldpokal.
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Aus flackernden Blicken die Freude glüht,
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von trunkenen Lippen die Rede sprüht . . .
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Und auf der Schwelle zerlumpt, verstaubt,
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mit wunden Füßen, mit wehem Haupt
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ein Ausgestoßener Nachtruh hält, –
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die Lippe lechzt, und die Wimper fällt . . .

31
Da hallt das Pflaster von Rosseshuf,
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da schallt von der Straße der Warnungsruf;
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er klingt zu den jubelnden Zechern empor,
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er dringt an des schlafenden Bettlers Ohr:
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»hinauf, daß ihr Hügel und Felsen erreicht,
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das Wasser, das Wasser der Sündflut steigt!«

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»das Wasser? – Das Wasser! Du faselst, Tor!
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Der Sekt soll steigen! Der Schaum empor!«
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Und das Glas erklirrt, und der Pfropfen knallt –
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ein fernes Brausen dumpf widerhallt.
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»das Wasser – das Wasser?« – In Traumesbann
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nachlallt es der Arme – da rollt es heran
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wie wogende Berge, das Flutengebraus –
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und es wanken die Mauern, es stürzt das Haus.

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Ein fahler Streifen im Osten tagt:
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zur Stadt hinunter der Reiter jagt,
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als säß ihm im Nacken der bleiche Tod . . .
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Aufblitzen die Dächer im Morgenrot.

49
Durch die Lüfte erklingt es wie Lerchengesang.
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Die Burschen ziehen den Rain entlang,
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das Messer im Gurt und die Rose am Hut,
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im Auge den blitzenden Jugendmut –

53
Und am schimmernden Tamarindenzweig,
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da lehnt eine Dirne, vor Sehnsucht bleich;
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feuchtglänzenden Blickes späht sie hinaus:
56
»er hat es versprochen und blieb mir aus?! –«

57
Da kommt's durch die Felder herübergebraust –
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nur locker umschließt noch den Zügel die Faust,
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wild flattert das Haar, jede Ader klopft –
60
dem Roß der Schaum von den Stangen tropft.
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Und da er vorbeischießt im rasenden Lauf,
62
da gellt seine Stimme: »Hinauf! Hinauf!
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Auf daß ihr die rettenden Hügel erreicht, –
64
das Wasser, das Wasser der Sündflut steigt!«

65
Ein spöttisches Lachen vernimmt er noch:
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»das Wasser, Du Narr? – Ei, so zeig' es uns doch!«
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Doch das Mädchen schaut auf mit erglühendem Blick:
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»das Wasser?! – Er kommt nicht! O, gnädig Geschick,
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O rette ihn – rette –« Noch betet ihr Mund,
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da zieht sie die sprudelnde Flut auf den Grund, –
71
da löschen die Wogen mit dumpfem Gebraus
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die Flammen der Jugend, der Sehnsucht aus.

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Der Tag bricht an, und das Wasser schäumt –
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»nun keine Sekunde, mein Roß, gesäumt!
75
Schon wirbeln die Fluten im dichten Tann,
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dort atmen noch Menschen – bergan, bergan!«

77
Zwei Buhlen ruhen am Felsenhang –
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die Nacht war schwül und die Nacht war lang
79
voll Liebeszauber, voll Maienlust . . .
80
sein Haupt sank müde auf ihre Brust.
81
Im Walde noch schluchzt die Nachtigall –
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da klingt es von ferne, ein dumpfer Hall,
83
Und er naht im schimmernden Morgenlicht,
84
der Rufer, der Retter – sie hören's nicht.

85
Sein Blick starrt gläsern, sein Haar ist ergraut;
86
doch wie er die schlummernden Liebsten erschaut,
87
da hemmt er noch einmal des Rosses Lauf,
88
und es schrillt eine Stimme! »Wacht auf, wacht auf!
89
Auf daß ihr die rettenden Hügel erreicht, –
90
das Wasser, das Wasser der Sündflut steigt!«

91
Das Weib schrickt auf aus des Mannes Arm,
92
doch er zieht sie nieder: »Sei ohne Harm,
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mein Lieb, – der Himmel ist klar und blau,
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und die Rosen blitzen im Morgentau,
95
die Rosen im Alleghanytal –«
96
Und er fährt in die Höhe, das Antlitz fahl,
97
das Haar gesträubt – und er lauscht – und lauscht: –
98
um die schützenden Felsen kommt es gerauscht
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wie Sündflutwogen, wie Todesgraus –
100
und löscht die glühendste Liebe aus.

101
Und weiter, weiter in jäher Hast, –
102
aufstöhnt das Roß – doch er gibt nicht Rast.
103
Die Dörfer, die Städte versinken im Schwall,
104
schon wogen die Fluten von Wall zu Wall,
105
nun aufwärts, aufwärts den engen Pfad!
106
Da winkt von des Berges steilstem Grat,
107
die eigene Rettung – hinauf, Gesell,
108
die Felsen stehen, dein Roß ist schnell!
109
Und das Roß im Sterben zusammenbricht, –
110
zu Fuß denn weiter – er rastet nicht.
111
Wo eng an die schützenden Tannen geschmiegt
112
ein kleines verstecktes Häuschen liegt,
113
dort schlummern noch Menschen! – Der kalte Schweiß
114
perlt ihm von der Stirn, die Brust fliegt heiß,
115
und er schleppt sich bis vor des Hüttleins Tür,
116
– ein weinender Knabe tritt herfür.

117
»und bringst Du nicht heim mein Mütterlein?
118
Sie ging zur Stadt, und ich blieb allein –
119
sie ging zur Stadt, und sie weilt so lang,
120
Du fremder Mann, mir ist so bang!«–
121
»die Mutter, mein Knabe«, – sein Blick starrt hohl, –
122
»die Mutter, die Mutter; ich sah sie wohl –
123
von jenem Berge dort winkt sie Dir,
124
sie ruft mein Knabe – hinauf zu ihr!«
125
Da lächelt das Kind und eilt hinan;
126
an der Tür noch lehnt der sterbende Mann,
127
noch einmal schlägt er die Augen auf:
128
»mein wackerer Knabe, hinauf, hinauf!
129
Ein Schritt noch – ein Schritt – und das Ziel ist erreicht;
130
so hoch keine Woge der Sündflut steigt!
131
Gott schütze dich droben im sonnigen Licht,
132
gerettet, gerettet!« – Sein Auge bricht,
133
sein Haupt sinkt nieder zum feuchten Grund,
134
die Flut küßt schweigend den starren Mund.

135
Das blühende Alleghanytal
136
durchtobt der brausende Wogenschwall,
137
doch über den wirbelnden Wassern kreist
138
versöhnend der ewigen Liebe Geist!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

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