Da riß der Geist mich fort auf Sturmesflügeln

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Clara Müller-Jahnke: Da riß der Geist mich fort auf Sturmesflügeln Titel entspricht 1. Vers(1882)

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Da riß der Geist mich fort auf Sturmesflügeln
2
und trug mich über Mauer, Tor und Strom
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zur alten heiligen Stadt auf sieben Hügeln.

4
Die tolle Nacht zum Aschermittwoch sank
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auf Rom herab, das, Rosen in den Locken,
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berauschten Sinns den Kelch der Freude trank.

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Mich aber zog es aus dem Lärm der Gassen,
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der grellen Farbenpracht des Karnevals
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zu einer Villa, lichtlos und verlassen.

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Wie kam's, daß sie, die nur der Lust geweiht,
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die freudenreiche Villa Cavalotti,
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am Fasching sank in Nacht und Dunkelheit?

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Wohl mag sie trauern, da ihr Stern erblich;
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mit leisem Seufzen nur um ihre Mauern
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gespensterhaft der irre Nachtwind strich:

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Denn er, der römischen Jugend ein Verderben,
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des Bundes Meister und der Kunst Mäcen,
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Ernesto Cavalotti, kam zum Sterben.

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In Seide ruht er und auf Purpurpfühlen, –
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und keine Hand erhebt sich, ihm die Stirn,
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die fieberglühende, mitleidsvoll zu kühlen?!

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Weilt von den Frauen, die sein Kuß beglückt,
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nicht eine hier, daß sie in Todeswehen
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dem vielgeliebten Mann die Kissen rückt? –

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Hielt keiner seiner Freunde bei ihm stand? –
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Sind schon die Funken, die sein Geist versprühte,
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bevor sein Blick erloschen, ausgebrannt?! – –

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Die Lust des Faschings rief sie alle – alle –;
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ein Diener nur mit welkem Angesicht
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lehnt einsam wachend in der Säulenhalle,

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indes der kranke Herr sich unruhvoll
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auf seinem Lager dehnt und von der Gasse
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das Fastnachtstreiben laut und lauter scholl.

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Da plötzlich
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es ist, als habe ein Trompetenstoß
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den fliehenden Geist belebt zur letzten Lüge.

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Er strebt empor und winkt dem alten Mann:
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»die andern sind zerstoben und verflogen –
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Du bliebst mir treu; nun hör mein Letztes an.

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Mein Lebenlang hab ich gewirkt im Dienste
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der freien Wahrheit, hab verhöhnt, verflucht
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der Priesterweisheit taube Hirngespinste.

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Das Kreuz, davor der feige Pöbel kriecht,
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mit Füßen trat ich's und zerriß der Dornen
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Gewinde, das um seinen Stamm sich flicht.

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Die Wahngebilde, ich bezwang sie alle –
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nun kommt der schwerste Kampf, der stärkste Feind
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und kommt zur rechten Stunde: – Carne vale!

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Zum letzten Siege steh ich kampfbereit;
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hörst du die Hörner durch die Gassen gellen?
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den Mantel her, das rote Narrenkleid!

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Im Festschmuck will ich Ehre ihm bekunden,
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dem »Boten Gottes«, den ich stets gehaßt,
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des Narrengotts, den Pfaffentrug erfunden,

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den Dummheit nur und Heuchelei verehrt!
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der Mummenschanz des Lebens geht zu Ende –
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so laß mich sterben, meines Lebens wert!« –

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Und zitternd eilt der Diener, dem Gebote
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des Herrn zu folgen; mit dem
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dem flammendroten, schmückt er ihn zum Tode.

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Und da er sorglich ordnet das Gewand,
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da streift sein Blick die spottverzerrten Züge, –
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und angstvoll flehend hebt er seine Hand:

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»o Herr, gedenket eurer armen Seele!« –
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Doch der, die Arme wie zum Kreuz verschränkt,
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ruft hohnvoll, schrill, mit schon gelähmter Kehle,

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den starren Blick gerichtet himmelwärts:
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– »Beati qui in ›Domino‹ moriuntur!!« –
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Das war des Cavalottis Fastnachtsscherz.

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Das Auge bricht, die Hand sinkt kraftlos nieder,
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doch um den Mund das grause Lachen
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ein Grau'n durchbebt des alten Dieners Glieder.

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Scheu schleicht er, wie von Geistermacht bezwungen,
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zur Türe sich und scheu sich zum Portal, –
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da ist der lustige Faschingslärm verklungen.

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Da ist versiegt der bunte Menschenstrom.
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Vom Dome klingt ein dumpfes Sterbeläuten:
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der Aschermittwoch dämmert über Rom.

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Und in die Kirche zieht's ihn, Gott die Ehre
80
zu geben; – dort im Schein des ewigen Lichts
81
beugt er die Knie und betet: »Miserere –«.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

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