Der goldene Schlüssel

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Clara Müller-Jahnke: Der goldene Schlüssel (1882)

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Dir, –
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dem goldenen Schlüssel
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zum sonnigen Lande der Freiheit,
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dir sing ich.

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Irgendwo, irgendwo in der Welt,
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– in Orangenwäldern vielleicht,
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wo der Glutwind die Zweige bricht
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und sie reifer, saftstrotzender Früchte voll
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dem Wanderer in den Schoß wirft, –
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oder an Norwegs Felsenkap,
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das die kühle Stirn
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hoch in schimmernde Wolken hebt
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und niederschauend sich spiegelt
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in den träumerisch blauen Augen des Fjords –
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irgendwo in der Welt
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weilt die Fee,
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die dich mir versprochen
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ihr Wort mir zu lösen.
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und nun der Zeit nicht gedenkt,
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in heiliger Stunde

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Jahre verrauschen,
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auf meinen Scheitel fällt Schnee.
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In den Tiefen der Seele
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aber wirkt und schafft
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befruchtete Frühlingskraft
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und keimt und gebiert an das Licht
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der Gewißheit leuchtende Blume:
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ein Tag
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und eine Stunde blühen
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aus dem Dämmerdunkel des Alltagsdaseins,
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so wonnig und wärmend
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von Gebeten begrüßt,
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wie die Siegerin Sonne
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der eisigen Oede
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den Schauern der arktischen Nacht enttaucht.

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Und leise, leise,
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lockend wie Harfenlaut
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klingt es und klirrt es
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vor der Tür meiner Hütte
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und pocht und pocht.

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Ich erkenne den Laut
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und erhebe mein Haupt
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und lächle und lausche . . . . .

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Da knarren und knirschen
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die rostigen Riegel:
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die Tür springt auf.
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Ueber die Schwelle strömt
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eine flimmernde Flut von Sonnensilber –
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und mitten drin in dem Sonnenlichtmeer
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die Fee,
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die dich mir versprochen,
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den goldenen Schlüssel zum Lande der Freiheit,
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und die nun gekommen ist,
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ihr Wort zu lösen.

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Liebevoll lächelnd
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schreitet die Lichtmar
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durch das Dunkel der Hütte.
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Um sie her
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wallen und weben
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gleißend und glimmernd
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die goldenen Fäden
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und legen ein Lichtband
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über die lastende Staubschicht am Boden,
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über die drückenden Ketten am Arm mir,
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über den klappernden Webstuhl,
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an den ich geschmiedet war
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Jahre, o Jahre lang,
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wie Prometheus dereinst an die Felsen des Kaukasus.

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In leuchtenden Händen
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trägt sie den Schlüssel, –
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und wie sie leise den Arm mir berührt,
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springt die Kette mit klirrendem Klang, –
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springt – fällt –
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und ich hebe die Hände
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jubelnd und jauchzend
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und fasse die strahlenden Finger der Fee
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und schreite mit ihr
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aus dem Dunste der Dienstbarkeit,
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aus der Hütte farbloser Finsternis
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in die Helle,
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in die sonnigen Lande der Freiheit hinaus.

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Durch Rosenbüsche und Lilienfelder
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wandle ich träumend und duftbefangen;
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Wundblätter vom Wege
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legen sich lindernd
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mir auf die blutig geriebenen Arme;
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Scharlachdolden neigen sich nieder
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aus exotischem Blättergewirr,
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küssen die Stirn mir mit feurigen Lippen –
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Palmenfächer und Riesenfarren
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wölben sich über meinem Haupte,
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gegen die sengenden Gluten der Sonne
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Schatten spendend ein duftiges Dach.

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Aber weiter –
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aus Palmenhainen und Lilienfeldern
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zieht mich die Sehnsucht zu sonnigen Höhen.
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Wo Dornenhecken den Fuß mir hemmen,
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berühr ich sie lächelnd mit goldenem Schlüssel
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und schreite mitten durch Rosenhage;
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mitten durch marmorne Märchenschlösser
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öffnet der Schlüssel mir leuchtende Wege, –
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über Steine und Felsgeröll
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geh ich so sanft wie auf sammetnem Teppich,
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weiter und weiter,
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höher und höher,
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bis mir zu Füßen
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in bläulichem Duft
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die blühende Ferne verschwimmt, versinkt, –
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bis mir zu Häupten
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der Sphären Gesang,
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die goldene Harfe des Weltalls klingt . . . ..

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Und wieder nieder
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aus den heiteren Höhen
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himmlischer Herrlichkeit
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in die Täler des Schmerzes
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schreite ich schweigend.
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Aus seligen Gefilden
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in sumpfige Niederung
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– Geschöpf zu Geschöpfen –
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treibt mich das Herz.

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Wo ein Vöglein gefangen
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hinter Gitterstäben
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sehnsüchtige Lieder girrt, –
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wo, zitternd vor Fieberdurst,
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kettengeschlossen
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ein hungernder Hund die Nächte durchheult, –
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wo ein Dulder gefesselt
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ans Marterpfühl,
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aus des Krankenzimmers giftigem Broden
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nach dem heilenden Hauch der Höhen seufzt, –
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wo Menschenblüten verwelken
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im Dunste der Dienstbarkeit
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und unter des Alltags
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gleichmäßig dröhnendem Hammerschlag
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eine
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wo immer ein Mensch
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eine Kette schleppt,
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sei es Sehnsucht und Sorge,
139
sei es Schmerz oder Schmach – –
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Da geh ich und wandle
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und schließe und schließe
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mit goldenem Schlüssel
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Ketten und Schlösser auf
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und führe freudig
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die Qualbefreiten
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in die sonnendurchglühten Gefilde der Freiheit
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und an der Schönheit kühlenden Quell.

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Doch wo gebrochen
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eine Seele trauert
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an dunklen, verschütteten Grüften,
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die kein Schlüssel mehr sprengt,
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und hinaus sich sehnt,
153
– über Höhen hinaus,
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die ein Fuß noch beschreitet, –
155
da lege ich leise und heimlich,
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daß der Klang sie nicht schrecke,
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den goldenen Schlüssel beiseite
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und neige mich nieder
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zu der armen trauernden Seele,
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ein Lied ihr zu singen,
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das ich erlauschte,
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als ich einsam stand
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auf den himmlischen Höhen,
164
als mir zu Füßen
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die Welt in leuchtendem Duft zerfloß
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und über mir
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ein lichter Engel
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die Harfe spielte,
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die mit Sonnenstrahlen besaitet war,
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und das Lied dazu sang
171
unsterblicher
172
die göttlicher als die Freiheit ist.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

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