Fabrikausgang

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Clara Müller-Jahnke: Fabrikausgang (1882)

1
Bleigraue Schatten zittern durch die Luft,
2
aus hohen Essen quillt ein blauer Duft.
3
Durch Steingefüge dröhnt der Hämmer Ton,
4
um Erzgeäst schwirrt dumpf die Transmission,
5
schwirrt stumpf und dumpf, noch eh' die Sonne kam
6
bis daß der Tag verglüht in Zorn und Scham,
7
bis daß die Nacht barmherzig deckt die Qual –

8
Ein Glockenzeichen gellt im Arbeitssaal.

9
Da stockt der Lärm – und kreischend geht das Tor:

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Ein Jüngling stürmt, ein Knabe fast, hervor;
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im staubigen Rock, die Mütze im Genick,
12
ein frohes Leuchten noch im Kinderblick,
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staunt er die Welt wie neugeboren an –
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da schiebt ihn seitwärts schon sein Nebenmann.

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Da drängt's hervor wie flügellahme Brut,
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da wächst und wogt des Elends graue Flut:

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Mit bangem Blick die blasse Mutter hier, –
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zu Hause weint der Säugling schon nach ihr.
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Das Mädel dort, Chrysanthemum am Hut,
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– in flacher Brust erlogne Liebesglut, –
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das frech vertraut dem nächsten Burschen nickt, –
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der Mann, der stieren Auges vor sich blickt, –
23
und nun der Greis, der matt nach Hause wankt
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und für den Hungerlohn dem Schöpfer dankt . . .

25
Des Landes Mark, der Großstadt Kraft und Glut
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verschlingt des Elends uferlose Flut.

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Mit müdem Schritt, die Stirn gesenkt und schwer,
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zur Heimstatt zieht der Arbeit Sklavenheer,
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zu kurzer Rast, daß schlafgestärkt die Kraft
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beim nächsten Morgengraun aufs neue schafft.
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Mit frischer Gier, mit niegestillter Wut
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trinkt die Maschine ihres Herzens Blut.

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Vorüberziehn, in seltsam scheuer Hast,
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sie an der Arbeitsherren Prunkpalast:
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den Tisch, der dort vor Ueberfülle bricht,

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Zwei Männer nur, den Hammer in der Hand,
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hemmen den Blick und starren unverwandt
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in all den Glast, der Freude goldenen Sitz;
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aus ihren Augen zuckt des Hasses Blitz.
40
– So blickt der Leu, wenn sich die Schlange regt. –
41
sie wissen
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sie schaun ihr Ziel, so sternenlicht und weit . . .
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Und um sie braut die große Einsamkeit,
44
die schwere Ruh. –
45
Vom Himmel dichtgedrängt
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die schwarze Wolkenmasse niederhängt,
47
indes am freien Horizont verloht
48
sturmdunklen Blicks ein blutig Abendrot.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

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