Der Heiland

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Clara Müller-Jahnke: Der Heiland (1882)

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Im Prunkschloß nicht, in goldner Königshalle:
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in enger Krippe und im niedern Stalle
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ist einst der Strom des ewigen Lichts entsprungen,
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der Lebenschöre Vollakkord erklungen.

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Nicht im Gewand von Goldstoff oder Seide:
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mit nackten Füßen und im härenen Kleide
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ging einst der Christ in seiner Freunde Schar
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hinauf zum Haus, das seines Vaters war. –
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Und als am Kreuz, verblutend, wegbestaubt
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er sterbend neigt' das schmerzgekrönte Haupt,
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da weinten um des künftigen Heils Verkünder
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die Armen nur, die Zöllner und die Sünder . . .

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Doch nicht am Kreuze kann der Geist verbluten,
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und was aus Gott entsprang, muß rastlos fluten.
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Und heut, nachdem Jahrtausende verflossen,
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durchbebt die Welt ein heimlich Glühn und Sprossen:
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im Volke wandelt, segnend, unerkannt
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der Heiland schon im dürftigen Gewand.
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Und wieder schaun des nahen Heils Verkünder
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Enterbte nur, die Siechen und die Sünder,
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indes der Fromme hohnvoll fragend geht,
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»was Gutes kommen kann aus Nazareth –?«

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Das Kind, dem einst der Engel Loblied scholl,
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der Friedenskönig, der da kommen soll,
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aus dessen Mund ertönt das zweite »Werde«,
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ihr ahnt ihn nicht, ihr Mächtigen dieser Erde.
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In seinem hagern Antlitz lest ihr nur
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die tiefe Sehnsucht aller Kreatur:
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den Trieb nach Glück, den heißen Durst nach Licht –
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die Gottesglorie aber seht ihr nicht.

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Der Armen fürchtet ihr, der Sklaven Heer,
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das ihn umdrängt mit zitterndem Begehr,
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und vor dem Schrei, der aus der Tiefe hallt,
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verschließt ihr eure Ohren mit Gewalt,
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und flüchtet euch in eurer Schlösser Schutz
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und ruft die Söldner auf zu Wehr und Trutz
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und schickt vom Schloßhof schon mit Spieß und Stangen
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die Häscher aus, den Fremdling einzufangen –

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Und laßt beim ersten blassen Morgenschimmern
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durch eure Knechte schon den Kreuzstamm zimmern.

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Ich aber sag euch, daß, noch eh die Hallen
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im Frührot glühn, in Staub die Balken fallen,
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und daß die Nägel rosten, eh zur Qual
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des Menschensohns erhöht der Marterpfahl, –
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ich aber sag euch, was die Bibel lehrt:
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wenn der von Gott Gesandte wiederkehrt,
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dann wird erlöst, was unfrei, krank und dumpf,
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dann wird die Schärfe eurer Waffen stumpf.
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Die Kette klirrt, das letzte Kreuz zerbricht,
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in alle Kerker strömt das Sonnenlicht –
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ein Liebeslächeln, ach, ein Freiheitsstrahl
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fällt in den staubigsten Maschinensaal . . .

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Und kommt ein Frühling, dessen Blütenpracht
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dem ärmsten Kind mit tausend Wonnen lacht, –
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und eine Flamme, die, was Spreu, verzehrt,
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wenn Christ der Herr als König wiederkehrt . . .

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Dann wird das Kleid, das seinen Leib umschließt
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zu lauter Licht, darin die Welt zerfließt –

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und aus des Dornenkranzes bitterem Hohne
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erblüht der Liebe rote Rosenkrone.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

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