Das Weib

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Clara Müller-Jahnke: Das Weib (1882)

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Ich sah das Weib, wie tiefer Sehnsucht voll
2
es auf den dürren dornenbewehrten Aeckern
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nach Paradiesen suchte, – sah das Weib,
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von dunklem Fluch gehetzt,
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mit blutenden Füßen durch die Wüsten irren . . .
6
Ich sah das Weib, von Gotteskraft gesegnet,
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die allen Fluch in lauter Licht verwandelt:
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sah, wie es
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Gebärerin der kommenden Geschlechter,
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und in den Augen der Gemarterten,
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die opferfroh mit tausend Toden rang
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und tausend Leben gab, –

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Aus Felsenöde
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von zerklüftetem Berggrat
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in den lichtlos fahlen Morgenhimmel
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ragt ein Kreuz.
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Ueber dem Kreuz
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schwebt auf schweren, schwarzen Schwingen
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– wie ein nachtgeborner
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sehnsuchtgetragener Schmerzgedanke –
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ein Königsadler
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einsam und lautlos
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in der dämmernden Frühe dahin . . .
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Am Kreuz aber hängt,
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in Ketten geschlagen,
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sich windend in blutiger Qual,
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ein Menschenleib –
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der nackte Körper einer Frau.
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Jeden Muskel gestrafft
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an den weißen, zuckenden Armen,
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das Haupt geneigt
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und die starrenden Blicke
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hilfesuchend nach Ost gerichtet –
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auf den heißen, vertrockneten Lippen
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die stöhnende Frage,
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den Schrei nach Erlösung:
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»wie lange noch, Herr –
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oh, Herr, wie lange noch? –«

39
Nur ein Wolkenschatten geht
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über die Gefilde.
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und aus der Wolke
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– von einem Heiligenschein
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aufflammender Strahlen umgeben –
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blickt ein Dulderantlitz,
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neigt ein dornengekröntes Heilandshaupt
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schmerzvoll lächelnd sich dir entgegen.
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Seine Augen suchen die deinen –
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und die gequälten, dürstenden Lippen
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zucken und stammeln,
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als wollten sie reden,
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helfen und trösten
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und Antwort dir geben
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auf deine stöhnende Frage –
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und wissen keinen Trost
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und finden keine Antwort . . .
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Nur ein Wolkenschatten
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geht über die Gefilde.

58
Vom Meere braust der Wind,
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die sieben Birken schwanken –
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durch mein gequältes Haupt
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hinflattern irre Gedanken . . .
62
Die Sonne sank zu Grab,
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ihr Glühn hat all gelogen,
64
ein windverwehtes Blatt
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treibt über die dunklen Wogen.

66
Das war im Traum: – Ein schattendunkles Tal,
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ein bleiern Wasser, tief im Schilf versteckt,
68
erlenumsäumt, von Lailich zugedeckt –
69
darüber lag das Mondlicht kalt und fahl
70
wie tote Liebe . . .

71
Ein scheuer Wind schlich durch das feuchte Gras
72
und schluchzte leis – und sprang dann jäh empor
73
und hob des Lailichs grünen Schleierflor –
74
und aus der Tiefe starrte blicklos, blaß
75
mein eigen Antlitz . . .

76
Vom Schlafe bin ich jäh erwacht:
77
es heult mein Hund in dunkler Nacht.

78
Er heult im Traum – wie dumpf und bang!
79
Aus weiter Ferne ein Weheklang . . .

80
Ums Fenster nächtiges Grausen spinnt:
81
leis raunend singt Novemberwind

82
Ein Sterbelied der kranken Welt – – –
83
und morgen fegt der Sturm das Feld,

84
Und morgen deckt den Hag der Schnee . . .
85
mir ist so weh, zum Sterben weh!

86
Mir ist, als sollte ich nimmer schauen
87
die Rosen blühen, die Wogen blauen, –

88
Mir ist, als hörte ich nimmermehr
89
in Frühlingslüften der Vögel Heer, –

90
Als grüben sie bald im Totenschrein
91
mich in die kalte Erde ein,

92
Und schlafen müßt ich da Jahr und Tag,
93
und niemand hielte mir Totenklag . . .

94
Und niemand segnet mein Grab, – vielleicht,
95
daß noch mein Hund auf den Friedhof schleicht

96
Und einsam hält da die Leichenwacht
97
und bange heult durch die Winternacht – – –

98
Mein liebes Kind, in Schmerzen –
99
mein armes Kind, in Schmach
100
bis zum Befreiungstag
101
trag ich dich unterm Herzen.

102
Getränkt mit meinen Tränen,
103
genährt mit meinem Blut,
104
– mein höchstes Erdengut –
105
ich darf dich nicht ersehnen!

106
Darf fühlen nur mit Beben,
107
geheimer Lust und Pein
108
– noch eins mit meinem Sein –
109
dein jungerwachend Leben.

110
In grüner Wälder Stille
111
geh ich zur tiefen Nacht, –
112
aus reifer Ernten Pracht
113
keimt mir der Lebenswille.

114
Fern von der Menschen Blicken,
115
von der Gerechten Zorn,
116
trink ich aus ewigem Born
117
ein schmerzliches Entzücken . . .

118
Bis an den Tag der Schmerzen,
119
den Tag, der dich mir nimmt,
120
schlaf ruhig, du mein Kind,
121
schlaf unter meinem Herzen.

122
Mutter der Barmherzigkeit,
123
Retterin aus Todesnöten,
124
halte deinen Fuß bereit,
125
schützend vor mich hinzutreten,
126
die gebenedeite Hand,
127
die den Herrn der Welt durft' pflegen,
128
auch auf meines Kindes Haupt,
129
aller Gnaden voll, zu legen . . .

130
In dunkler Straße das niedre Haus –
131
vorüberflutet der Welt Gebraus.

132
Voll Stroh die Lade, nicht Bett noch Schrein,
133
und drüber des leuchtenden Sternes Schein!

134
Und drinnen das reichste Glück der Welt:
135
die Mutter, welche ihr Kindlein hält.

136
Und aus den Augen des Kindes fällt
137
ein Heilandsblick in die dunkle Welt . . .

138
Ich glaube: wer dem Tod geweiht
139
ins schmerzenreiche Dasein tritt,
140
der bringt für seine Spanne Zeit
141
die Fülle der Erkenntnis mit . . .

142
Den letzten Blick in das bleiche Gesicht,
143
du einsame Mutter, weine nicht!

144
So trüb' die Sorge dein Haupt umspinnt,
145
so friedlich und sorglos schläft dein Kind!

146
Sie nahmen es bald von deiner Seit';
147
sein kurzes Leben war Qual und Leid,

148
Sein frühes Sterben ist Trost und Ruh', –
149
lächle noch einmal dem Liebling zu!

150
Den letzten Blick in das süße Gesicht . . .
151
Freue dich, Mutter, – weine nicht!

152
Was kommst du zu mir alle Nacht
153
und pochst an meine Fensterscheiben?
154
Ich darf nicht auftun, armes Kind –
155
du mußt im kalten Grabe bleiben.

156
Ich darf nicht auftun, süßes Kind,
157
darf dich nicht hegen, dich nicht tränken . . .
158
Ich darf an dich nur alle Nacht,
159
nur alle Nacht in Tränen denken.

160
Die Erde deckt dich zu, ich weiß nicht wo . . .
161
Auf deinem Grabe blühen keine Blumen,
162
kein Vogel singt ein Wiegenlied für dich;
163
und dennoch schlummerst du so tief und süß,
164
so tief und süß, wie selbst in Mutterhut
165
kein Kindesauge sich zum nächtigen Frieden schließt.

166
Ein kurzer Frühling war's, ein Lenz von Tagen,
167
den du gelebt. – Doch war's ein goldener Lenz,
168
und blauer Himmel lachte über dir,
169
und lichter Sonnenschein umspann dein Lager.
170
In deiner Augen sammetbraunen Kelch
171
fiel keiner Wolke Schatten, süße Knospe –
172
in deiner Wurzel aber saß der Wurm;
173
und als der Sturmwind kam, verwehtest du,
174
mein Sonnentraum . . .

175
Seit jenen schmerzenreichen Frühlingstagen
176
lieb' ich den Lenz, wie ich ihn nie geliebt,
177
und seine Knospen lieb' ich schmerzlich heiß
178
und pflückt sie gerne, eh' der Sturm sie bricht,
179
und sonnenklare Kinderaugen lieb' ich
180
und küsse gern aus ihrem Sammetkelch
181
die Tränen fort . . . und leg' die Blütenpracht
182
des Frühlings gern in weiche Kinderhände . . .

183
Die Erde deckt dich zu, ich weiß nicht wo,
184
zu deinem Grab ist mir die Spur verloren.
185
Doch aus der Veilchen frühem Duft umhaucht
186
dein Wesen mich, – aus jedem Kindesauge
187
blickst du mich an – und lächelst
188
dein Sonnenlächeln mir ins wunde Herz . . .

189
Und wo ich geh' im Dämmerschein,
190
im öden Park – ich geh' zu Zwei'n:
191
im Märzschneetreiben um mich wallt
192
ein Lenzhauch, eine Duftgestalt
193
mit flehenden Kinderaugen . . .

194
Ein wehes Weinen irrt im Wind;
195
empor aus feuchter Tiefe spinnt
196
ein Brodem, der mich kühl umfängt,
197
der weich an meine Brust sich drängt
198
mit dürstenden Kinderlippen . . .

199
O du heiliges blasses Glück,
200
du mit dem leuchtenden Kinderblick . . .

201
Durch die Felder bin ich dich suchen gegangen,
202
Tropfen hingen an meinen Wangen,
203
auf den feuchten Wiesen der Nebel lag,
204
– es war am Allerseelentag.
205
Vor dem Stadttor am geweihten Ort
206
viel irre Lichtlein brannten dort
207
und nickten mir zu mit leisem Blinken
208
und war ein Huschen und Händewinken . . .

209
Ich aber bin mit nassen Wangen
210
und scheuem Schritt vorbeigegangen. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

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