Dornige Wege

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Clara Müller-Jahnke: Dornige Wege Titel entspricht 1. Vers(1882)

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Dornige Wege
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bin ich gewandelt,
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blutende Wunden
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trag ich im Herzen,
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lichtlose Tiefen
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hab ich durchmessen . . . .
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In Wogen des Schmerzes,
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im Abgrund der Qual
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fand ich eine Perle:
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Dich, Margarete!

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Wir schreiten über den Dünenweg,
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als gält' es das Glück zu packen –
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die Zweige schlagen uns ins Gesicht,
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der Sturm sitzt uns im Nacken.

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Vorüber geht es am grünen Grund,
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am riedbewachsenen Hange,
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vorüber am Siebenbirkenplatz . . . .
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Die Wellen murmeln so bange.

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Zur Linken ein steinernes Festungstor;
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aus moosiger Mauern Kranze
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blickt das Gesicht der alten Zeit –
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das ist die Heydenschanze.

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Zur Rechten das weite, blauende Meer,
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darüber die Möwen kreisen,
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drauf spielt der trotzige Harfner Sturm
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uralte Freiheitsweisen.

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Und nun ein blühender Schlehdornhag –
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der Fink schlägt in den Wipfeln,
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dann geht es aus schattigem Grund empor
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zu leuchtenden Bergesgipfeln.

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Und fragen wir schier erstaunt, wohin
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der Weg uns endlich führe: –
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da sind wir schon am Ziel, da stehn
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wir an der Friedhofstüre.

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Rotblühende Tannen nicken scheu
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uns zu mit dumpfem Geflüster –
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und drüben grüßt vom Leichenhaus
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das Kreuz uns ernst und düster.

39
Ich lasse dich nicht, mein letztes Glück,
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ich halte dich fest mit kräftiger Hand:
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schaumsprühende Woge kehrst du zurück
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an meines Lebens verlassenen Strand.

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Du nie versiegendes tiefes Meer,
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du Abgrund der Liebe, ich lasse dich nicht, –
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meine Stirn so heiß und mein Auge schwer,
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du gibst mir Kühlung, du gibst mir Licht!

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Ob, was ich baute, in Trümmer bricht,
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wonach ich faßte, wie Schaum zerstiebt:
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der sich mein Wesen zu eigen gibt,
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du meine Seele, ich lasse dich nicht!

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Im fernen Westen ein blasses Rot,
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auf schimmernden Wassern ein Fischerboot.

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Von den Gräbern über die Dünen her
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weht Blumenduft, so schwül und schwer.

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Ein Vogel mit müdem Flügelschlag
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irrt durch den blühenden Brombeerhag –

57
Und es fällt der Tau, und der Tag schläft ein . . .
58
wir beide hier oben ganz allein.

59
Wir beide hier oben Hand in Hand
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schaun stille hinab ins verdämmernde Land:

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In blassen Nebeln die Welt versinkt,
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die letzten Laute die Stille trinkt.

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Nun gleitet über das dunkle Meer
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mit Sternensegeln die Nacht daher,

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Und wo sie landet, wird Fried und Ruh, –
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und einsam hier oben ich und du . . . . . . .

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So fass' ich deine beiden Hände
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und blick ins Auge dir ohne Laut:
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du bist mein eigen bis ans Ende,
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mir Schwesterseele, tiefvertraut.

71
Kein Trauern kenn ich, kein Begehren,
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nickst du mir lieb und lächelnd zu: –
73
es ist, als ob wir fern auf blauen Inseln wären,
74
als überflösse nun ein abendlich Verklären
75
die sturmesmüde Welt – ein Traum von Sonnenruh.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

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