Heilige Nacht

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Clara Müller-Jahnke: Heilige Nacht (1882)

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Eh der Stern von Bethlehem
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noch im dunklen Tal erschienen,
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lösten, Sklaven zu bedienen,
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Fürsten schon ihr Diadem;
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ahnend eine höhre Macht,
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grüßten sie die heil'ge Nacht.

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Eh das Licht der Welt genaht,
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flammten schon in tiefer, scheuer
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Waldesnacht die Sonnwendfeuer
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himmelwärts; vom Bergesgrat
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lohte talwärts ihre Pracht,
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grüßend die geweihte Nacht.

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Hoben Geisterhände nicht
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in der Vorzeit heil'ger Feier
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den geheimnisvollen Schleier
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von der Zukunft Angesicht?
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Ahnte deiner Wunder Macht
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schon die Welt, geweihte Nacht? –

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Nicht auf einen kurzen Tag
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ward die Freiheit dir erschlossen –
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jauchze mit den Festgenossen,
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Sklave, deine Kette brach!
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Liebe hat dich frei gemacht –
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beug dein Knie in heil'ger Nacht!

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Nicht im unwirtbaren Raum
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flammt die Glut der Sonnenwende,
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unsrer Kinder zarte Hände
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schmücken heut den Tannenbaum.
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Schimmernd strahlt der Kerzen Pracht
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– sei gegrüßt, geweihte Nacht!

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Und durch klares Schneegefild,
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schwebend auf des Mondlichts Wogen,
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kommt ein Glockenton gezogen,
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der die tiefste Sehnsucht stillt –
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lenzhauchmild durch Winterpracht
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klingt der Gruß der Weihenacht:

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»aller Menschheit, ruhelos,
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schmerzbefangen, wahnverloren,
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ward der Friede heut geboren
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aus der ew'gen Liebe Schoß! –
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Die der Welt das Heil gebracht,
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sei gegrüßt, geweihte Nacht!

(Haider, Thomas: Deutsches Lyrik Korpus (DLK) v5.0, 2022. Ursprünglich von Editura GmbH & Co. KG (Digitale Bibliothek) digitalisiert, vom TextGrid-Verbund erworben und angereichert; als DLK-Ausgabe bearbeitet und kuratiert. Lizenz: Verbreitet unter der Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International Lizenz (CC BY-SA 4.0). Änderungen: Textkorrekturen, Anreicherung mit Metadaten und Textannotationen sowie Konvertierung durch Textopus.)

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Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

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