Weihe-Nacht

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Clara Müller-Jahnke: Weihe-Nacht (1882)

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Ein leises Rauschen durch die Tannenzweige –
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des kurzen Tages Zwielicht geht zur Neige.

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Im Westen glimmt ein matter Rosenstreif,
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auf stille Fluren fällt der weiße Reif.

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Der weiße Reif, der rings das Feierkleid
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der Erde stickt mit flimmerndem Geschmeid.

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Der Abend kommt. Es kommt die heilige Nacht,
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die aus den Menschen selige Kinder macht,

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die Weihe-Nacht, da trost- und wundersam
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ein Märchentraum zur dunklen Erde kam:

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Der Friedenskönig, den die Welt verstieß,
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weil er die Armen Gottes Kinder hieß.

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Weil er den Sanften, der den Frieden liebt,
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den Liebenden, der seine Seele gibt,

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weit über alle Reichen dieser Welt,
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hoch über alle Herrschenden gestellt.

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Du Weiser, seit die Engelharfen klangen,
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sind nun Jahrtausende dahingegangen,

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die deinen Namen auf den Fahnen trugen
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und zu den fernsten Ländern Brücken schlugen,

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Millionen Kirchen prangen dir zum Ruhme,
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die ewige Flamme brennt im Heiligtume . . . .

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Und dennoch, du, der Sklaven Heil gespendet,
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du wärst noch heut in tiefe Nacht gesendet,

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du schienst auch heut in unser finstres Tal
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aus fernen Himmeln, ein verirrter Strahl;

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und gingest du im schlichten Arbeitskleid
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durch deine Menschheit, deine Christenheit,

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sie hätten heute dir das Kreuz errichtet
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und morgen dir den Holzstoß aufgeschichtet!

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Hoch auf dem Grunde, den dein Blick gesucht,
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darüber hin rast laut der Zeiten Flucht,

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da regt sich's dumpf, und aus der Erde Schoß
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ringt sich der Urquell aller Sehnsucht los.

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Die Welt durchhallt ein Schrei nach Luft und Licht:
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Wann braust du, Strom, der Wall und Schranke bricht?

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Wann kommst du, Tag, da hell die Sonne steigt,
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vor deren Glanz der tiefste Schatten weicht?

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Ich sah dein dunkles Angesicht
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erglühn in einem Strom von Licht. –
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Ich sah dein Aug, das sonst so trübe,
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verklärt von einem Strahl der Liebe.

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Da ward mir traumhaft wunderbar
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zumut; in tiefster Seele war
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mir's fast, als könnt der lichte Schein
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ein Abglanz meiner Liebe sein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clara Müller-Jahnke
(18611905)

* 05.02.1861 in Łęczno, † 04.11.1905 in Rahnsdorf

weiblich, geb. Müller

deutsche sozialistische Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

(Aus: Wikidata.org)

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