Engel-Ehe

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Theodor Storm: Engel-Ehe (1872)

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Wie Flederwisch und Bürste sie regiert!
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Glas und Gerät, es blitzt nur alles so
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Und lacht und lebt! Nur, ach, sie selber nicht.
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Ihr schmuck Gesicht, dem Manne ihrer Wahl,
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Wenn ihre wirtschaftliche Bahn er kreuzt,
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Gleich einer Maske hält sie's ihm entgegen;
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Und fragt er gar, so wirft sie ihm das Wort
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Als wie dem Hunde einen Knochen zu.
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Denn er ist schuld an allem, was sie plagt,
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Am Trotz der Mägde, an den großen Wäschen,
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Am Tagesmühsal und der Nächte Wachen,
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Schuld an dem schmutz'gen Pudel und den Kindern. –
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Und er? – Er weiß, wenn kaum der grimme Tod
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Sein unverkennbar Mal ihm aufgeprägt,
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Dann wird, der doch in jedem Weibe schläft,
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Der Engel auch in seinem Weib erwachen;
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Ihr eigen Weh bezwingend, wird sie dann,
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Was aus der Jugend Süßes ihr verblieb,
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Heraufbeschwören; leuchten wird es ihm
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Aus ihren Augen, lind wie Sommeratem
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Wird dann ihr Wort zu seinem Herzen gehn. –
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Doch wähnet nicht, daß dies ihn tröste! Nein,
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Den künft'gen Engel, greulich haßt er ihn;
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Er magert ab, er schlottert im Gebein,
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Er wird daran ersticken jedenfalls.
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Doch eh ihm ganz die Kehle zugeschnürt,
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Muß er sein Weib in Himmelsglorie sehn;
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Die Rede, die er brütend ausstudiert,
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Womit vor seinem letzten Atemzug,
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Jedwedes Wort ein Schwert, auf einen Schlag
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Er alles Ungemach ihr hat vergelten wollen,
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Er wird sie nimmer halten; Segenstammeln
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Wird noch von seinen toten Lippen fliehn.
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Das alles weiß er, und es macht ihn toll;
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Er geht umher und fluchet innerlich.
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Ja, manches Mal im hellsten Sonnenschein
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Durchfährt es ihn, als stürz er in das Grab.
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Es war sein Weib, sie sprach ein sanftes Wort;
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Und zitternd blickt er auf: »Oh, Gott sei Dank,
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Noch nicht, noch nicht das Engelsangesicht!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Theodor Storm
(18171888)

* 14.09.1817 in Husum, † 04.07.1888 in Hanerau-Hademarschen

männlich, geb. Storm

natürliche Todesursache | Magenkarzinom

deutscher Schriftsteller und Jurist

(Aus: Wikidata.org)

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