Angereihte Perlen

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Friedrich Rückert: Angereihte Perlen (1827)

1
Es wird durch Seufzerhauch getrübt ein Spiegel zwar;
2
Doch wird durch Seufzerhauch der Seele Spiegel klar.
3
Vor Gott ist keine Flucht, als nur zu ihm. Nicht Trutz
4
Vor Vaters Strenge ist, nur Liebe Kindes Schutz.
5
Der Vater straft sein Kind und fühlet selbst den Streich;
6
Die Härt' ist ein Verdienst, wo dir das Herz ist weich.
7
Ein Vater soll zu Gott an jedem Tage beten:
8
Herr, lehre mich, dein Amt beim Kinde recht vertreten.
9
O blicke, wenn den Sinn dir will die Welt verwirren,
10
Zum ew'gen Himmel auf, wo nie die Sterne irren.
11
Es weichen Sonn' und Mond einander freundlich aus;
12
Selbst ihnen wäre sonst zu eng ihr weites Haus.
13
Wenn dir in Zornesglut dein sterblich Herz will wallen,
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Sag' ihm: Weißt du, wie bald du wirst in Staub zerfallen?
15
Zum Feinde sag': Ist Tod uns beiden nicht gemein?
16
Mein Todesbruder! komm und laß uns Freunde sein.
17
Viel lieber mag die Lieb', als an der Sonne Flecken,
18
Den Stern in dunkler Nacht, der etwa glänzt, entdecken.
19
Du wirst nicht musterhaft durch Jagd nach andrer Fehlern,
20
Und nie wirst du berühmt durch fremden Ruhmes Schmälern.
21
Der Name bleibt allein, wenn alles muß zerstieben;
22
O laß dem Toten das, was ihm allein geblieben!
23
Durch Buße wendest du die Strafen Gottes ab;
24
Doch Menschen denken dir den Fehltritt noch im Grab.
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Sei gut und laß von dir die Menschen Böses sagen;
26
Wer eigne Schuld nicht trägt, kann leichter fremde tragen.
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Zu deinem Hochmut sprich: Staub wird, was ist von Erden;
28
Komm, laß uns werden Staub, eh' wir zum Staube werden!
29
Gibst du dem Feinde nach, so gibt er dir den Frieden;
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Und gibst du dir nicht nach, so ist dir Sieg beschieden.
31
Wer ist dein ärgster Feind? des Herzens böse Lust,
32
Die widerspenst'ger wird, je mehr du Lieb's ihr thust.
33
Wer einem Fremdling nicht sich freundlich mag erweisen,
34
Der war wohl selber nie in fremdem Land auf Reisen.
35
Weißt, wo es keinen Herrn und keinen Diener gibt?
36
Wo eins dem andern dient, weil eins das andre liebt.
37
Zur Liebe kommst du nicht, so lang' du hängst am Leben;
38
Du findest mich nicht eh'r, bis du dich aufgegeben.
39
So lang' dein eigner Wert für dich nicht liegt im Grabe,
40
Wie seh' ich, ob ich Wert in deinen Augen habe?
41
Kein Wunder, wenn in Lieb' ein Liebender zerrann;
42
Ein Wunder, wie ein Sein vor deinem dauern kann!
43
Was sagt, wer von dir sagt, mehr, als wer schweiget still?
44
Doch weh' dem Herzen, das von dir still schweigen will.
45
Sag' ich, du seist in mir? sag' ich, in dir sei ich?
46
Du bist, was an mir ist; was ich bin, ist durch dich.
47
O Sonn', ich bin dein Strahl, o Ros', ich bin dein Duft;
48
Ich bin dein Tropf', o Meer, ich bin dein Hauch, o Luft.
49
Geheimnis, unerforscht! Was nicht die Himmel fassen,
50
Hier in dies enge Herz will es sich fassen lassen.
51
Ich bin ein Blatt des Baums, der ewig neue trägt.
52
Heil mir! es bleibt mein Stamm, wenn mich der Wind verschlägt.
53
Abtreten kannst du dann in Frieden von der Welt,
54
Wenn du in einem Sohn verjüngt dich hergestellt.
55
Vernichtung weht dich an, so lang' du Einz'les bist;
56
O fühl' im Ganzen dich, das unvernichtbar ist.
57
Wie groß für dich du seist, vorm Ganzen bist du nichtig;
58
Doch als des Ganzen Glied bist du als kleinstes wichtig.
59
Die kleine Biene steht dem Feind so ritterlich,
60
Weil sie für sich nicht ist, sie fühlt ihr Volk in sich.
61
Weil sie so Süßes wirkt, muß sie so bitter stechen;
62
Die Erd' hat keine Lust, die nicht ein Weh wird rächen.
63
Aus einem Blumenkelch saugt sie so Gift als Seim;
64
Denn heimlich ist der Tod in jedem Lebenskeim.
65
Es muß ein Maulbeerblatt den Fraß der Raupe leiden,
66
Daß es verwandelt sei aus schlechtem Laub in Seiden.
67
Der Erde Weihrauch trägt Ameisenfleiß zusammen,
68
Zum Himmel duftet er in Mittags Opferflammen.
69
Sieh! wie im Staube blind Ameisenheere wimmeln,
70
Gehn sie so wenig irr' als Sternenchör' an Himmeln.
71
Der Abendsonne nach schwebt Lerche jubilierend,
72
Und Mücke tanzt im Strahl, sich selber musizierend.
73
Die Sonne sinkt, die Lerch' entschwirrt in Ätherduft,
74
Zur Erde fällt sie nicht, ihr Grab ist in der Luft.
75
Wann Sonnenlicht erlosch, tritt Sternenglanz hervor;
76
Auf Erden lebt der Tag, die Nacht im höhern Chor.
77
Die Macht der Sonne drückt den Geist zur Erde nieder,
78
In Nachtviolenduft steigt er zum Himmel wieder.
79
Durch Himmel wiegte mich die Nacht hindurch mein Traum;
80
Und als ich aufgewacht, fühlt' ich mich eng in Raum.
81
Wach' auf, die Sonne sucht ein Bild dir vorzumalen,
82
Wie man zu Gottes Ruhm am Morgen könne strahlen.
83
In bunten Schalen steht der Frühwein eingeschenkt,
84
Womit der König Lenz sein Hofgesinde tränkt.
85
Mit sieben Zungen thut die Lilie sich kund,
86
Und halbgeöffnet schweigt der Rose Knospenmund.
87
Die Blumen wollen dir ein Gottgeheimnis sagen,
88
Wie feuchter Erdenstaub kann Himmelsklarheit tragen.
89
Es wankt das Tulpenbeet, von eignem Glanze trunken:
90
Das Liebesfeuer brennt, wer zählet seine Funken?
91
Narzisse schaut dich an mit goldnem Augenstern:
92
»ich blicke nach dem Licht, du blicke nach dem Herrn!«
93
In tausend Blumen steht die Liebesschrift geprägt:
94
»wie ist die Erde schön, wenn sie den Himmel trägt.«
95
Wenn du Gott wolltest Dank für jede Lust erst sagen,
96
Du fändest gar nicht Zeit, noch über Weh zu klagen.
97
O Herz, versuch' es nur! so leicht ist gut zu sein;
98
Und es zu scheinen ist so eine schwere Pein.
99
Wer erst sein Tagewerk gethau hat, kann dann ruhn;
100
O fördre dich, geschwind dein Tagewerk zu thun.
101
Vor jedem steht ein Bild des, was er werden soll:
102
So lang' er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.
103
O bitt' um Leben noch! du fühlst, mit deinen Mängeln,
104
Daß du noch wandeln kannst nicht unter Gottes Engeln.
105
Kann auch der Sonne Kraft ein irrer Stern entwallen?
106
Wie könnte denn ein Mensch aus Gottes Liebe fallen!
107
Aus jedem Punkt im Kreis zur Mitte geht ein Steg,
108
Vom fernsten Irrtum selbst zu Gott zurück ein Weg.
109
Wer jetzo mich verkennt, der spornet nur mich an,
110
Zu werden so, daß man mich nicht verkennen kann.
111
Und wenn ich auf der Welt das Gute nirgends fände,
112
Ich glaubt' ans Gute doch, weil ich's in mir empfände.
113
Welch Herz noch etwas liebt, das ist noch nicht verlassen;
114
Ein Fäserchen genügt, Wurzel in Gott zu fassen.
115
So stark ist Liebeskraft, daß selber Gott liebeigen
116
Dahin, wo er geliebt sich fühlet, hin muß neigen.
117
Gott fürchtet selbst sich nicht durch Liebe zu erniedern;
118
Wie sollt' ich Liebe nicht, wo ich sie fänd, erwidern?
119
Im selben Maß du willst empfangen, mußt du geben;
120
Willst du ein ganzes Herz, so gib ein ganzes Leben.
121
Der Liebe Opfer zwingt dem Herzen Großmut ab;
122
Wer kann verachten, was sich ihm aus Lieb' ergab?
123
Der Prüfstein trügt dich nie: gut ist, was wohl dir thut,
124
Und das ist schlimm, o Herz, wobei dir schlimm zu Mut.
125
Zwiespältig ist Verstand und kann oft mißverstehn;
126
Gefühl, das mit sich eins, kann niemals irre gehn.
127
Wenn du die Richter auch mit Kunst für dich gewannst,
128
Was hilft es, wenn du selbst nicht los dich sprechen kannst?
129
Die Strafe macht dich frei von dem Gefühl der Schuld;
130
Drum straft dich, Kind, nicht Zorn des Vaters, sondern Huld.
131
Wenn dich die Liebe soll beleben, werde Staub!
132
Nicht hartem Felsgestein entsproßt des Frühlings Laub.
133
Daß sie die Perle trägt, das macht die Muschel krank;
134
Dem Himmel sag' für Schmerz, der dich veredelt, Dank.
135
Die süßste Frucht trägt nicht der Baum im vollsten Saft;
136
Nicht eher reifet Geist, bis schwindet Körperkraft.
137
In Liebesweh'n verzehrt hat ihren Leib die Luft;
138
Drum weckt als Gotteshauch sie Leben aus der Gruft.
139
Der Frühling strickt ein Netz aus Farben, Tönen, Düften;
140
Komm, Herbstwind, und befrei' den Geist aus Zaubergrüften!
141
Mein Baum war schattendicht; o Herbstwind, komm und zeige,
142
Indem du ihn entlaubst, den Himmel durch die Zweige!
143
Verweht sind ohn' Ertrag der Blumen bunte Farben,
144
In Scheuern eingeheimt die farbenlosen Garben.
145
O Baum des Lebens, sieh, der Herbstwind wühlt, er sucht,
146
Ob unterm Blätterschmuck du bergest eine Frucht.
147
Des Herbstes mag sich freun, was eine Frucht getragen,
148
Da, was nur Blätter trug, vor seinem Hauch muß zagen.
149
Die Schwalbe läßt ihr Nest und sucht ein wärmer Land;
150
O Seele, schwing' dich auf! die Lust der Erde schwand.
151
Den Frühling sucht mein Herz, dem droht kein Wintersturm,
152
Die Rose, der kein Dorn das Herz nagt und kein Wurm.
153
Den Garten kenn' ich wohl, wo alle Lenze wohnen,
154
Die flüchtig auf Besuch durchziehn der Erde Zonen.
155
Den Garten kenn' ich wohl, wo nie ein Keim verdarb,
156
Wo alles Früchte trägt, was hier als Blüte starb?
157
Ein Bruchstück ist mein Lied, ein Bruchstück das der Erde,
158
Das auf ein Jenseits hofft, daß es vollständig werde.
159
Die Liebe, die zum Kranz am Himmel reiht Plejaden,
160
Hält diese Perlen auch am unsichtbaren Faden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Rückert
(17881866)

* 16.05.1788 in Schweinfurt, † 31.01.1866 in Neuses

männlich, geb. Rückert

deutscher Dichter, Übersetzer und Orientalist (1788–1866)

(Aus: Wikidata.org)

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